Der Todessprung – Das Henri Quatre Colloquium

dore
Gustave Doré; La tentation de Jésus Radierung, um 1866

Wär’s möglich? Könnt‘ ich nicht mehr, wie ich wollte?
Nicht mehr zurück, wie mir’s beliebt? Ich müßte
Die Tat vollbringen, weil ich sie gedacht,
Nicht die Versuchung von mir wies – das Herz
Genährt mit diesem Traum, auf ungewisse
Erfüllung hin die Mittel mir gespart,
Die Wege bloß mir offen hab gehalten? –
Beim großen Gott des Himmels! Es war nicht
Mein Ernst, beschloßne Sache war es nie.
In dem Gedanken bloß gefiel ich mir;
Die Freiheit reizte mich und das Vermögen.
War’s unrecht, an dem Gaukelbilde mich
Der königlichen Hoffnung zu ergötzen?
Blieb in der Brust mir nicht der Wille frei,
Und sah ich nicht den guten Weg zur Seite,
Der mir die Rückkehr offen stets bewahrte?
Wohin denn seh ich plötzlich mich geführt?
Bahnlos liegt’s hinter mir, und eine Mauer
Aus meinen eignen Werken baut sich auf,
Die mir die Umkehr türmend hemmt!

aus: Friedrich Schiller; Wallensteins Tod, 1 / 4. Auftritt (1792 – 1799)

hqc

Willkommen, liebe compagnions im Henri Quatre Colloquium.

Ja, Sie sind hier richtig im Henri Quatre Colloquium gelandet, aber mit diesem Abschnitt des Religionsübertritts kamen mir gleich Dorés Versuchung und Wallensteins Monolog in den Sinn.

Ich gestehe, ich bin noch nicht ganz durch; bin etwa zur Mitte des Kapitels Meditation und werde wohl erst Samstag ausführlicherschreiben.

An der Seite der schönen Gabrielle d’Estrée ringt Henri immer noch um eine Entscheidung. Heinrich Mann auf seinem Erzählteppich entführt uns zwischendurch zur finsteren Klause des Herrschers von Spanien, der mit ganz eigenen Dämonen zu ringen hat. mornay

Es gibt auch einen Besuch in London am Hof der englischen Königin Elizabeth I, die ihrerseits vor schwerwiegenden Entscheidungen steht. Henris alter Freund und Getreuer, der Hugenotte Mornay, wägt als außerordentlicher Gesandter mit Lord Burghley und mit dem Oberhaupt der Anglikanischen Kirche, mit Elizabeth I selbst, die Tragweite einer etwaigen Konversion des Königs von Frankreich zum Katholizismus ab.

Hier verweilt Mornay nach den Gesprächen in seiner Herberge, einem Gasthaus an der Themse:

Sein Zimmer ahmte den Prunk eines Schlosses nach – ohne Befugnis und Inhalt, worin der Unglückliche ein Gleichnis seiner selbst fand. Wir sind von jetzt ab ein getünchtes Grab. Hätte ich wenigstens den Mut meines neuen Zustandes gehabt. Bei der Königin trat ich noch ein wie ein Mann des Lebens; sie mußte mir erst sagen, ich sei zu den Toten geworfen. Er erinnerte sich: einige Male habe ich politische Geschäfte gemacht, da ich vorgab, mein Herr würde die Religion abschwören; sah es aber für Täuschung an. Ist nun wahr geworden, und der Belogene bin ich selbst. Die Schultern gebeugt stand er am Fenster; drunten schwamm und blinkte der Strom. Einst waren Sommertage, die Themse, Fluß, Luft und Ufer liehen sich feuchte, leichte Farben. Davon wurde man zum glücklichen Kind, nicht ausgenommen den Verbannten. Einst waren hier Sommertage.

themse
London, ca. 1600 / source: myartprints
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