Kröner eins, zwei, drei

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Kröner: Werfel / von Eichendorff / Ó Cadhain
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Alfred Kröner Verlagssignet

Eine Novelle aus Irland, der Eichendorffsche Taugenichts und Franz Werfels blaßbaue Frauenschrift trafen in diesen Tagen ein.

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Tag der kleinen, feinen und unabhängigen Verlage

Eins

Ganz ehrlich: Wie gefällt Euch unser neuestes Cover?“ hatte der Verlag seine Leser vorweg gefragt, und es gab einen, der geantwortet hatte; aber allen anderen mag es so wie mir gegangen sein: ich war sprachlos. Neulich saß nun K.* am Tischchen und blätterte in mehreren Kandidaten, und Ò Cadhain, in der Übersetzung von Gabriele Haefs, provozierte sogleich Gelächter.

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Máirtín Ó Cadhain (1905 – 1970) Kröner

»J. war Papierbeauftragter. Jeder ehrliche Mensch wird zugeben, dass dieses die verantwortungsvollste und schwierigste Stellung im gesamten Öffentlichen Dienst ist. Denn der Öffentliche Dienst ist Papier, jeden Formats, jeder Form und jeder Fabrikation, jeder Farbe und jeder Qualität. Riesige, umfangreiche Notizenhaufen, die Platz wegnehmen wie Steinquader auf einem alten Kirchhof. Dünne, zerfetzte Quittungen wie Schleim auf einem vom Regen gebeutelten Felsen, ein Zeichen, dass eine Schnecke oder ein ähnliches Tier vorübergeglitten ist und seine Spur hinterlassen hat. […]«

Diese Novelle von 1967 zu lesen könnte so etwas wie eine Zeitreise werden. Man schlägt diesen halbleinenen schmalen Band vielleicht auf im bläulichen Schimmer des Computers, in einer modernen Wohnung die inzwischen völlig bar anderer papierner Erzeugnisse geworden ist, abgesehen von den Büchern und der Tageszeitung. Hoffentlich sind die noch da.

Aber kommt nicht tatsächlich schon Wehmut auf? Ich erinnere mich beispielsweise an die Phase des etwas ätzig-säuerlich riechenden Durchschlag-Kopier-Papiers in Neonfarben, oder an einen Sommer im Ameland Ferienlager, wo mein Eifer bei der Produktion der Lagerzeitung vielleicht mit dem Alkoholdunst beim Abzugskopierer rührte. Ich liebe altes flauschiges graues reißempfindliches Papier.

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that’s the one, gosh!

Ah, und englische Taschenbücher! Die haben so einen ganz besonderen Geruch, das einzige, was mich damals in endlos langen Lektürestunden mit „Room at the Top“ (John Braine) tröstete, ein Taschenbuch in der Oberstufe, vor dem ich wie ein Ochs vorm Berg blöde blieb – und das ich deswegen eines Tages doch noch einmal in Angriff nehmen will.

Also hier: Der Schlüssel„Eine äußerst schwarzhumorige Bürokratiesatire, quicklebendig, meisterhaft erzählt und, obwohl typisch irisch, nicht zu Unrecht als kafkaesk bezeichnet.“ (Verlagstext) Könnte was sein.

* K. steht für Kunde

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Zwei

Franz Werfel – warum sollten wir den heute wieder lesen?

„Werfels sprach- und bildmächtige Erzählung ist das Psychogramm eines Opportunisten und gleichzeitig ein Dokument des latenten bis offenen Antisemitismus, der die Gesellschaft der Ersten Republik durchzieht. Wer sie noch nicht gelesen hat, sollte dies spätestens jetzt nachholen. „, meint der Kröner Verlag und trifft mich mitten in die Brust. Hab‘ ich nämlich noch nicht.

Aber erst mal zum Buch selbst. Es erscheint, so wie auch der Taugenichts, in der jungen Reihe Erlesenes Lesen (siehe dazu auch einen vorigen Beitrag).

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Hieronymus Bosch (1450 – 1516)/ Das jüngste Gericht
Akademie der bildenden Künste, Wien

Im Nachwort gibt Herausgeber Guntram Zürn die Meinung Lore Foltins wieder: »Die Novelle behandele das Thema eines Jüngsten Gerichtes und nur ‚vordergründig‘ die Themen Antisemitismus und Exil.«

So fängt dies Novelle an:

»Die Post lag auf dem Frühstückstisch. Ein beträchtlicher Stoß von Briefen, denn Leonidas hatte erst vor kurzem seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert und täglich trafen noch immer glückwünschende Nachzügler ein. Leonidas hieß wirklich Leonidas.«

Das beantwortet immerhin meine Frage und macht vielleicht nicht nur mich neugierig, nun auch zu erfahren: Warum? Die anderen Leonidas sind der Herrscher von Sparta und -wie ich mich kundig gemacht habe – ein belgischer Schokoladenfabrikant.

Ich glaube, über Eichendorff schreibe ich lieber morgen. Müde am Abend werde ich schon flapsig. Tsk. Zum Schluß noch mal Werfel.

S. 100

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Royal Horticultural SocietyRose of the Year 2016: ‘Sunny Sky’ (Koraruli)

»Im Blumengeschäft an der nächsten Straßenecke schwankte Leonidas unerlaubt lange zwischen weißen und blutroten Rosen. Er entschied sich endlich zu achtzehn langstieligen hellgelben Teerosen, deren sanfter, ein wenig fauliger Duft ihn anzog.«

siehe auch:

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