Ein Bummel durch englische Zeitschriften

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Élisabeth Louise Vigée Le Brun, Selbstportrait 1790

Immer wieder nehme ich mir vor, festzuhalten, was mir aufbewahrungswert erscheint, und schon haben sich wieder etliche alte Nummern eingefunden. Aber der lange Karsamstag scheint mir nun gelegen. Los geht es mit der frisch eingetroffenen Märzausgabe der New York Review of Books, in der es einen feinen Artikel von Anka Muhlstein gibt, die anlässlich der aktuellen Ausstellung im Metropolitan Museum of Arts über Vigée le Brun schreibt: A Most Successful Woman – Eine überaus erfolgreiche Frau.

Reading Along the NYRB


50 Jahre New York Review of Books 50 Years
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Reclam

Anka Muhlstein verfasste auch den im Henri Quatre Colloquium erwähnten Artikel über Marguerite, Königin von Navarra (genannt Margot, und erste Frau von Heinrich IV, von der Bartholomäusnacht). Es macht mir Freude, sie zu lesen. Hier schreibt sie also, wie Vigée le Brun 1778 die persönliche Portraitmalerin von Marie Antoinette wurde. „After all, though the queen had a dazzling complexion, she was not pretty. / [Vigée] pulled it off beautifully. Marie Antoinette was delighted with that first portrait. Vigée le Brun was paid six thousand livres […]“ (Immerhin war die Königin, auch mit ihrem blendenden Teint, nicht gerade hübsch. / [Vigée] machte es großartig. Marie Antoinette war entzückt vom ersten Portrait. Vigée le Brun erhielt sechstausend Livres […]), was drei mal mehr war, als was ihr männlicher Rivale erhielt. Es geht im Artikel auch unbedingt um die Lebensbedingungen der Frauen und ihre Aufstiegsmöglichkeiten im Ancient Régime.

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Kiepenheuer & Witsch

Woher sie kam? („Élisabeth Louise Vigée wurde am 16. April 1755 geboren. Ihr Vater war Künstler, der mit Pastel arbeitete; ihre Mutter war ein Haarstylist, ein Beruf der in Zeiten von Frisuren, die Architekturen nahe kamen, ungewöhnliches Maß an Geschmack und Kunstfertigkeit erforderte.“)

Wie ihr Weg war? („Über eine sehr lange Karriere hindurch – sie starb 1842 mit sechsundachtzig Jahren und hatte mehr als 660 Portraits angefertigt – hat sie sich nie sonderlich weiterentwickelt.“)

Und was bewirkte die Revolution? („Am 6. Oktober 1789 wurde Versailles gestürmt, und die königliche Familie kehrte als Gefangene des Volks zurück nach Paris. Am selben Abend reiste Vigée le Brun, zusammen mit ihrer Tochter, fort von Paris und nach Italien. Zwölf lange Jahre würde sie nicht zurückkommen.“)
Wer’s sich leisten kann: Ab nach New York und auf ins Museum. Für die anderen gibt es, erschwinglich, bei Kiepenheuer und Witsch einen Roman über Vigée le Brun, von Renate Feyl: Lichter setzen über grellem Grund
vignette„In the age of Reagan and AIDS in a city on the verge of tearing down its walls“
In derselben Nummer bespricht Geoffrey O’Brien Darryl Pinckneys Roman Black Deutschland. Alle Artikel lese ich nicht, natürlich, aber vielleicht ist es nützlich, einfach zu dokumentieren, wo Deutschland und Deutsches mit dem Blick des Fremden aufgenommen wird, sei es als Stoff oder, was mich besonders reizt, sei es wert gehalten, übersetzt zu werden. Wenn ich recht sehe, gibt es von Pinckney noch nichts in Übersetzung. Wer als deutschsprachiger Leser „in den Jahren von Reagan und AIDS in einer Stadt, die kurz davor ist, ihre Mauern einzureißen“ gelebt hat, könnte aber an Pinckney und seinem Roman interessiert sein.

Lesenswertes im Granta Magazin 133 (Herbst 2015), „What we have done“

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Granta

Ein ausgezeichneter kurzer Essay der australischen Rebecca Gibbs: „Whale Fall” Darin beschreibt sie kühl aber nicht herzlos die Auflösung des großen toten Wals:

The whale body reaches a point where the buoyancy of its meat and organs is only tethered down by the force of its falling bones.

(also etwa: Der Körper des Wals erreicht einen Punkt, wo sein Auftrieb von Fleisch und Organen, gefesselt an seine Knochen, lediglich abwärts geht. Siehe auch bei „Denkmuff„, Kommentare )

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Sellafield 2015
nach Photo vom Autoren bei Granta

In The Legacy schreibt Fred Pearce eindrucksvoll über Sellafield und die Herkulesaufgabe, mit dem großen Schlamassel dort klarzukommen. Diese Reportage erinnerte mich gleich an ein anderes großartiges Stück, Trident, und zwar über das Trident Projekt, was gerade wieder durchgewunken werden soll (siehe auch: BBC), geschrieben von James Buchan, veröffentlicht 2006 in Granta Nummer 96. Die Themen sind von trauriger Aktualität.

Zum krönenden Abschluss zitiert Pearce den früheren Minister für Energie, Chris Huhne, der alles vor vier Jahren zusammenfasste: „Als sich der [atomar-verseuchte] Abfall zu häufen anfing, drückten wir die Daumen und hofften, dass alles verschwinden würde.“

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nahe Breb, Maramureș
nach Guzs Palmer, in Granta Nummer 133, 2016

Ich bin noch dabei, The Hand’s Breadth Murders von Adam Nicolson zu lesen, was eine Ahnung von der Mentalität einfacher Landbevölkerung in Rumänien verschafft und wie ein echtes Werk des Existenzialismus wirkt, mit diesem Elend der in ihrer Welt gefangenen Kreatur Mensch. Diese Reportage ist mit einer Photostrecke von Gus Palmer illustriert, der Migrationswege nach Europa untersucht.

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Titelillustration von Jonathan Gibbs (Ausschnitt)
in Granta 133, 2016

 

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Hamish Hamilton Publishers

Aber ganz besonders freue ich mich – nach all diesen trüben und dunklen Texten – auf den hellen Schluß im Magazin: Fragments, vom großen, stillen Roger Deakin, mit einer Einleitung von nicht minder geschätzten Robert MacFarlane, dessen Old Ways (als gebundene Ausgabe vorrätig) gerade, von Andreas Jandl und Frank Sievers übersetzt: Alte Wege, in wunderbarer Ausstattung bei Matthes & Seitz erschienen ist (Naturkunden).

1969 kaufte Roger Deakin ein heruntergekommenes Bauernhaus in Mellis, einem kleinen Dorf im Norden von Suffolk. Der Wallnußbaumhof lag am Rande von der Mellis Allmende, eine mittelalterliche Weide, die durch Jahrhunderte der Bewirtschaftung reich an Wildblumen gewachsen war, darunter die seltene Anacamptis morio (das kleine Knabenkraut) und der blaßgelbe Klee (Trifolium ochroleucon).

(frei übersetzt nach Robert Macfarlane von seinem Vorwort)

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