Vorlesen: weitere Begebenheiten im Leben des entlassenen Sträflings Franz Biberkopf

döblin
Bild: Ernst Ludwig Kirchner; Porträt Dr. Alfred Döblin, 1912 im Harvard Art Museums/Busch-Reisinger Museum, Cambridge, MA

11. iv. Der Roman, in Fortsetzung gelesen

Alfred Döblin; Berlin Alexanderplatz

Er schob ab. Vor Minnas Haus strolchte er herum. Mariechen saß auf einem Stein, einem Bein, ganz allein. Was geht mich die an. Er roch an dem Haus herum. Was geht mich die an. Soll die mit ihrem Ollen glücklich werden. Sauerkraut mit Rüben, die haben mich vertrieben, hätte meine Mutter Fleisch gekocht, wär ich bei ihr geblieben. Hier stinken die Katzen auch nicht anders wie woanders. Häseken, verschwinde wie die Wurst im Spinde. Werde ich hier bregenklütrig rumstehen und mir das Haus angucken. Und die ganze Kompanie macht kikeriki.

aus: Viertes Buch (Ausgabe Rütten und Löning, Berlin, S. 140)

Wörterbuch: Bregen / klütrig in: Walther Kiaulehn; Der richtige Berliner (C. H. Beck): brejenklietrich – verrückt

In solch einer Verfassung, von menschlicher Niedertracht durch das Berlin von 1929 herumgeschubst, im Versuch, anständig zu bleiben, gerät Franz Biberkopf fernab vom Alexanderplatz in das Gebiet der Großschlachterei. Hier geht er als Existenz ganz in den Hintergrund, und der riesige Betrieb fängt an zu leben an seiner statt. Über beinahe acht Seiten beschreibt Döblin das Anwesen und die darin ablaufenden Szenen der Schlachtung, und er überschreibt alles:

Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh; wie dies stirbt, so stirbt er auch

zentralviehhof_karte
Schulkarte von 1899
Quelle: Edition Panorama, Berlin

Für diese Karte habe ich wieder im heimischen Bücherschrank gegraben. In der Schropp’schen empfohlen, erwarb ich die Mappe mit historischen Karten. Hier sieht man am östlichen Rand den Berliner Zentralviehhof.

Quelle Abbildungen: Wikimedia Commons

  • Berlin, Zentralviehhof, ca 1881 / Handbuch der Architektur, Verlag Arnold Bergsträsser; Darmstadt 1890
  • Der Centralvieh- und Schlachthof zu Berlin, Berlin 1885 / Längsschnitt durch die Viehhof-Börse und Ansicht eines Verwaltungsgebäudes
  • Schlacht-Kammer im Hammel- und Kleintier-Schlachthaus, um 1897 / Photograph unbekannt

Ritsch, ritsch, die Adern rechts, die Adern links. Rasch rühren. So. Jetzt läßt das Zucken nach. Jetzt liegst du still. Wir sind am Ende von Physiologie und Theologie, die Physik beginnt.

Vorlesen am Montag
Vorlesen am Montag

So weit waren wir in der letzten Vorleserunde gekommen. Und noch haben sich die Tore des Schlachthofs nicht hinter uns geschlossen. Und wie der Autor immer wieder warnt, auch mit Franz geht es rau weiter, so sehr er auch bemüht ist, sein Leben nach dem Knast in ruhige, redliche Bahnen zu lenken.

Am Montag, dem 11. April lesen wir weiter.

Wie immer ist ein jeder herzlich willkommen in die Runde, zu Gebäck und Tee, von 18:00 Uhr bis 19:00 Uhr – approximativ.

Hier ist das Programm für den ganzen April (PDF).

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