Gerber in der Weimarer Republik

kirsch_sander
Tannery Owners / Poem: Adam Kirsch / Photography: August Sander / Other Press

Im Vierten Buch, in Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin, kommt eine, sich über mehrere Seiten hin ziehende, eindringliche Beschreibung vom Schlachten im Zentralen Viehhof, im Berlin der Weimarer Zeit.

Vermutlich hatte mich eine Anzeige in der New York Review of Books auf diese Neuerscheinung im bemerkenswerten unabhängigen New Yorker Verlag Other Press aufmerksam gemacht. Jedenfalls traf heute Emblems of the Passing World ein: Gedichte von Adam Kirsch zu Photographien von August Sander. Beim Aufschlagen stieß ich auf das Gedicht: Tannery Owners (Gerbereibesitzer*)

Somewhere a bolt is fired into the brain

Of a pale calf that crumples to the floor

(etwa: irgendwo wird Strom durch Bolzen ins Hirn gejagt / von einem falben Kalb, das auf den Boden sackt).

Adam Kirsch endet die weitere Beschreibung des Gerbens mit dem Verdikt:

These men, who take responsibility

 

For all the stink and blood they live among,

Yet stand here looking so immaculate?

The capitalist is the flower that

Perfumes the air to camouflage the dung.

(etwa: Diese Männer, verantwortlich für den Gestank, das Blut, in dem sie leben, sie stehen da, so makellos im Bild? Der Kapitalist ist die Blume, die ihren Duft verströmt, um den Unrat zu kaschieren.)

Für meine Begriffe kommt das nun enttäuschend. Das vom Verlag im „Excerpt“ veröffentlichte Gedicht gefällt mir gut. Dieses Porträt hier von den zwei Gerbereibesitzern bringt ganz andere Assoziationen bei mir zu Tage, ganz abgesehen davon, dass die Blume auf dem Mist ziemlich abgedroschen ist, wie ich meine. Soweit ich weiß, haben auch die Malocher in der Weimarer Zeit sich zum Sonntag herausgeputzt (wie auch die drei berühmten Bauern in einer anderen Photographie von August Sander – siehe unten); und in den Jahren fingen Eigentümer an, sich um die Arbeiter zu sorgen und Reformen auch im Arbeitsablauf anzustreben. Der Bolzen zum Töten der Schlachtrinder, den Kirsch im Gedicht anführt, war in Döblins ‚Alexanderplatz‘ noch gar nicht im Einsatz, obwohl die Methode unter Umständen schon erfunden war. Es ging viel mühsamer und grausamer zu. Der „Chef“, wie er bei Döblin im Schlachthof heißt, ist aber auch so ein Kapitalist, wie man ihn aus den Bildern von Otto Dix und Max Beckmann vor Augen hat:

Der Mann, der hingekniet ist, steht auf. Die Knie tun ihm weh. Das Schwein muß gebrüht werden, ausgeweidet, zerhackt, das geht Zug um Zug. Der Chef, wohlgenährt, geht mit der Tabakspfeife hin und her durch den Dampf, blickt manchmal in einen offenen Bauch rein. An der Wand neben der schwingenden Tür hängt ein Plakat: Ballfest erster Viehexpedienten Saalbau Friedrichshain, Kapelle Kermbach.

aus: Alfred Döblin; Berlin Alexanderplatz / Rütten & Löning, S. 146

döblin
Alfred Döblins Alexanderplatz Vorlesemontage

PS: Der nächste Döblin-Vorlesemontag – immer der 2. Montag im Monat –  ist am 9. Mai, und wir haben die Schlachthöfe hinter uns gelassen und lesen ein Gaunerstück im Hinterhof, bei dem es wieder etwas zu lachen gibt – vor den nächsten Schrecken, die Franz Biberkopf in der Metropole befällt …

sander_plakat
Buchhandlung – im Büro: Der große Sander Einbandphotographie einer früheren Auflage: Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz**

„Den Gerbereibesitzer August Abel hat August Sander im Jahr 1931 in Dierdorf portraitiert und das Bild mit dem Titel „Gerbereibesitzer“ in die Gruppe II/Mappe 8 „Der Handwerksmeister“ in sein umfangreiches Mappenwerk „Menschen des 20. Jahrhunderts“ aufgenommen. Vgl. hierzu: August Sander. Menschen des 20. Jahrhunderts. Ein Kulturwerk in Lichtbildern eingeteilt in sieben Gruppen. Bd. II Der Handwerker. Hrsg.: Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur. München: Schirmer/Mosel, 2002. Abb. des Portraits auf S. 67″

** Richard Powers; Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz / S. Fischer

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