Else Sohn-Rethel erinnert sich – bei C. H. Beck

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Mein Lese-Exemoplar der Lebenserinnerungen von Else Sohn-Rethel als Köder in der Auslage
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C. H. Beck

Else Sohn-Rethel lebte von 1853 bis 1933 und schrieb Erinnerungen, wann, konnte ich nicht finden – die letzte Eintragung hier im Buch betrifft das Jahr 1891, doch zitiert der fleißige Herausgeber Hans Pleschinski die Nachfahrin Sabine Benser-Reimann, die vom Bombeneinschlag Ende Juni 1943 im Familienhaus in Düsseldorf berichtet: […] die Originalfassung der Erinnerungen meiner Urgroßmutter existiert nicht mehr. Das vorliegende Manuskript ist eine Abschrift, die wohl mein Großvater Werner Heuser in den Jahren vor 1943 angefertigt hat.

Und auch der Herausgeber hat am Material noch einmal gearbeitet und ein Drittel herausgegekürzt, was bei der Episodenform nicht schmerzt, aber was ich wohl genausogerne gelesen hätte, selbst unter den vom Herausgeber angegebenen redlichen Vorbehalten.

Vielleicht war Else Sohn-Rethel schon alt, als sie loslegte und erzählte, was sich alles an Erinnerungen einfand; es ist aber so frisch und beglückend zu lesen, dass sie mir einer dieser Menschen ist, die zwar an Einsicht und Umsicht wachsen, aber dabei ewig jung bleiben.

Dieses Exemplar im Photo ist mir als Leseexemplar geschenkt und, wie gesagt, gründlich und mit Freuden gelesen worden. Ich werde es aber mit der nächsten C. H. Beck – Bestellung ordern und vorher gerne auch für Sie bestellen.

1

Weswegen mich die Lektüre so fesselte hat ganz viele Gründe: Erstens beschreibt Else Sohn-Rethel ihre Kindheit in der vorindustriellen Zeit, und erinnerte mich da an George Eliot, von der ich so gerne Middlemarch gelesen habe, und die mit Dorothea die Freude an einer Welt teilt, die noch nicht durch Industrie und verheerende Kriege verwüstet wurde. (zitiert von S. 56)

Der Urgroßvater fuhr täglich in seinem kleinen Coupé mit Friedrich auf dem Bock eine Stunde spazieren. Da er aber wie bei allen seinen Unteernehmungen Gesellschaft brauchte, fuhren meist einige Kinder mit ihm. Aber in dem geschlossenen Wagen war durch sein starkes Rauchen eine so dicke Luft, dass die größeren Kinder sich gern vor dem Mitfahren drückten. Ich war so aufs Spazierenfahren erpicht, dass ich fast immer mitfuhr. Dann musste ich ihm den ganzen Weg lang von München erzählen, das liebte er über alles, und ich tat es gern.

Gleichwohl sucht auch Kriegselend und Krankheit ihre Familie heim.

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Zweitens eröffnet die Lektüre eine weitere Perspektive auf das Bankhaus der Mendelssohns über Else Rethels Verwandtschaft mit den Oppenheims. (Besuch bei Ernst und Marie von Mendelssohn-Bartholdy in der Jägerstraße, Berlin – zitiert von S. 226)

Als ich Marie meinen Antrittsbesuch machte, frug ich, wie viele Dienstboten sie wohl brauche; sie antwortete mir wörtlich: «Ach, das weiß ich nicht so genau, hier oben sind sieben tätig.» Die große Abendgesellschaft, zu der wir geladen wurden, lockte uns besonders wegen zwei Portraits von Lenbach, die Ernst kürzlich erworben hatte.

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Drittens spielt das Künstlerleben eine wichtige Rolle, hauptsächlich am Hof von Königin Victoria und den verwandten Hannoverschen und in Düsseldorf am Rheine. Hier kommt es zur ersten Begegnung von Porträtist Carl Sohn mit Victoria von England, zitiert nach seinem Brief, von S. 173:

Als die Königin mit Herrn Sahl eintrat, richtete sie das Wort zuerst an Sahl, er möge das Gesagte Carl mitteilen. Was dieser Sahl antwortete, tat Sahl wiederum der Königin kund. Und so bewegte sich die Unterhaltung wie über ein Medium einige Minuten hin und her, bis schließlich Carl der Königin einfach direkt antwortete, und somit war diese eigentümliche Zeremonie kühn außer Kraft gesetzt, und Carl wurde sogar freundlich aufgenommen.

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Viertens ist Else Sohn-Rethels Sicht auf das kulturelle und soziale Leben und auf das wenn auch eingeschränkt betrachtete Weltgeschehen in der zweiten Hälfte des „langen 19. Jahrhunderts“ spannend und aufschlußreich. Hier berichtet sie, wie der verhasste preußische Erzfeind Dresden überrennt – auszugsweise zitiert von S. 76 und S. 77

Unser Portier August erzählte in höchster Aufregung, die Kugeln flögen schon in die Stadt hinein und die Wiener Straße, wo Hettners wohnten, liege in der Schußlinie, wir sollten doch Hettners zu uns ins Haus nehmen. [Was sie in Eile taten.]

Trotz alledem lag das gute Dresden ruhig und friedlich, beschirmt von der tapferen Bürgerwehr, im hellen, warmen Sonnenschein, kein Preuße und kein Österreicher ließ sich blicken.

Da – eines Tages, gerade als wir mit dem Baden [in der Elbe] fertig waren und auf die Gondeln warteten – sahen wir auf der großen Brücke, welche die Neustadt mit der Altstadt verbindet, ein aufgeregtes Hin -und Herlaufen der Menschen und dazwischen einen Trupp Preußen daherstürmen, also die ersten Feinde. Gleichzeitig stürmte en plein carrière auch von anderen Stadtteilen her prewußische Kavallerie in kleinen Trupps heran, um zu rekognoszieren, ob sie auf Widerstand stoßen würde. Aber nichts regte sich in der Stadt; die Bürger besahen neugierig den Feind; dieser wirkte angenehm überrascht, und es dauerte nicht lange […] und bereits am Nachmittag war ganz Dresden vom Militär besetzt […] [Der erwartete Angriff der Österreicher blieb auch in der Nacht aus.] Dann setzte sich der Tross in Bewegung und zog hinaus zum großen Garten, wo ein regelrechtes Feldlager mit Zelten etc. auf den weiten Wiesen errichtet wurde. Es bildete eine Sehenswürdigkeit für die Dresdner, die scharenweise hinauspilgerten, sich die Feinde zu besehen.

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Fünftens ist der Einblick in ihre Biographie und in das Familienleben liebenswert. Ich habe an den Wochenenden immer wieder die Lektüre unterbrochen, um T*** Passagen vorzulesen zu beiderseitigem Vergnügen. Hier eine Anekdote über die „freundliche, überaus tüchtige Putz- und Waschfrau, Frau Bas“, in der im April eine der beiden Schildkröten im Garten zu Hause in Düsseldorf nicht wie gewöhnlich auftaucht, zitiert von S. 208

Erst im Winter, als das Heizen begann und ich zufällig mit Frau Bras im Keller war, fand ich die Schildkröte tot zwischen dem Holz, da sagte Frau Bras: «Ach, is dat dat Ding? Da han ich de janze Winter et Holz drop klein jekloppt.»

Und so könnte ich weiter aufzählen …

Herr Pleschinski hat sich viel Arbeit gemacht, und die Fußnoten und ergänzenden Daten sind hilfreich. Er hätte aber der Verfasserin der Erinnerungen ruhig vertrauen können, dass sie durchaus kommentarlos den Leser von heute erreicht und ihm vor Augen führt, dass auch die Leute in deutschen Landen einst weniger verkniffen waren, wenn ihr Elternhaus liberalen Geist atmete und ihnen ein gewisser Wohlstand sicher war. Über sein Vorwort stolperte ich ebenso wie über die Verschnörkelungen auf Schutzumschlag und Einband, weil sie mir nicht so recht zur Bodenständigkeit und Ungeziertheit der Chronistin passen wollen.

Wissbegierig und im Abendkleid erkundete die Künstlergattin per Gepäcklift einen kaum fertiggestellten Großbahnhof. Die lebenszugewandte junge Frau besuchte mit ihren Kindern als hochmodische Afrikanerfamilie Maskenbälle der Gründerzeit und ließ sich angesichts von Kriegsgefahr zur Lazarettschwester ausbilden.

So summiert Herr Pleschinski im Schlagzeilenstil die Erinnerungen über zwei Seiten zur Absurdität. Nachdem ich etwas über dieses Vorwort und diverse editorische Einschübe herumgeschnaubt habe, sind sie mir aber doch etwas als Lehrstücke ans Herz gewachsen. Menschen gehen eben ganz verschieden mit Vergangenheit um, und andere wundern sich über Dinge, die mir selbstverständlich scheinen. Störungen sind ja im Grunde gut.

Dieses Buch der Lebenserinnerungen von Else Sohn-Rethel: Lesen Sie’s.

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