Vorlesen im Mai, und wie es beim Cervantes-Marathon gewesen war

Vorlesen am Montag
Vorlesen am Montag

Das Programm steht (hier als PDF).        Die ersten beiden Montage sind natürlich reserviert für William Shakespeare und für Alfred Döblin, und dann kommt auch schon das schöne Pfingstfest, weswegen „Das dritte Kapitel“ in diesem Monat ausfällt.      Am Montag, dem 23. Mai, ist dafür ein besonderer Vorlesemontag anberaumt: Übersetzer und Verleger Wolfgang von Polentz, von der Berliner Amalienpresse, liest dann aus seinem Band: Ich komme aus der Stille, Gedichte aus Vietnam, und gibt Enblicke in sein verlegerisches Abenteuer. (siehe: Vietnam bei der Amalienpresse)

Sachbuch-Montag – Stippvisite am Göbekli Tepe

Und der Mai beschert uns obendrein noch einen fünften Montag, dem Sachbuch gewidtmet. Da werde ich ein wenig aus dem Bericht des Archäologen Klaus Schmidt vorlesen: Sie bauten die ersten Tempel, erschienen im Verlag C. H. Beck, von dem kürzlich eine Ladung feiner Bücher eingetroffen war, die zu entdecken – und zu erwerben – allemal lohnt. (Poster)

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Titelvignette von Ian Beck in der prächtigen Shakespeare Ausgabe der Cambridge University Press von 1980, aus der wir lesen

Shakespeare am 2. Mai

Wir stecken noch immer tief im Wald von Arden – Holla! also doch nicht der Ardennenwald! Also in Warwickshire spielt sich alles ab. Wir sind bis zum 4. Akt, 2. Szene gelangt, lesen reihum auf Englisch und freuen uns über Jeden, der in die Runde dazukommt und Rollen übernimmt.

John Dover Wilson (1881 – 1969) schreibt (zusammen mit mysteriösem Q) im Vorwort zu dieser Komödie (frei übersetzt):

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Wer eine Ausgabe von ‚As You Like It‚ zu Hause hat, bitte zum Lesen mitbringen. Das macht’s einfacher. Ich bestelle auch gerne die gute alte Reclam Ausgabe zum Erwerben.

»Zuallererst können wir das Fröhlichste im Shakespeare nicht begreifen, wenn uns der Sinn für die ihm eigene Waldesmagie fehlt. Es mag zu ausgefallen scheinen zu behaupten, dass in ihm etwas von einem Faun steckt: aber unbestritten versetzt er seine Leute in einem Stück nach dem anderen [Ein Sommernachtstraum / Das Wintermärchen / Der Sturm] in Wälder oder auf waldbewachsene Inseln, wo alle miteinander unter den Zauber geraten und zum Glück ihm entrinnen. Männer und Frauen gehen der Gegenwart auf geraume Zeit verloren, um sich ihren frohen Neigungen hinzugeben, und kehren zurück, gewissermaßen neugeboren. Uns überrascht gar nichts, was innerhalb dieser magischen Umfriedung geschieht.«

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Bild: Ernst Ludwig Kirchner; Porträt Dr. Alfred Döblin, 1912 im Harvard Art Museums/Busch-Reisinger Museum, Cambridge, MA

Döblin am 9. Mai

Und hops, ist Gerner an der Treppe, woher wissen die überhaupt, daß wir hier sind, die haben uns überrascht, der draußen flüstert: „Gerner, uffmachen.“

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S. Fischer / Akademie der Künste

(zitiert von S. 163 aus der Ausgabe von Rütten & Löning, 2. Aufl. 1965, aus der wir lesen. Vorrätig im Laden zu kaufen ist die Fischer Taschenbuch Ausgabe. Die abgebildete Ausgabe 4/2015 von Sinn und Form bringt einen Artikel von Günter Grass über Alfred Döblin, und ich bestelle sie gerne. Andere Ausgaben von Sinn und Form sind vorrätig.)

Also werden wir noch etwas von den kleinen Dieben und Gaunern lesen, bevor im Fünften Buch Ärgeres bevorsteht. Wer ein eigenes Exemplar hat, bitte mitbringen. Das erleichtert das Reihum-Lesen, ist aber auch reizvoll, weil wir dabei alle möglichen Ausgaben zu Gesicht bekommen – und manchmal die damit verbundene Geschichte erfahren.

cervantes
C. Dressler / Anaconda / dtv / Everyman’s / Dover / Kröner

Vom Cervantes-Marathon am Welttag des Buches

Fünf waren wir am 23. April und lasen aus der Braunfels Übersetzung (Anaconda, 8,95€), fanden sie trotz ihres hohen Alters gut lesbar und lachten oft. Eigentlich waren es hauptsächlich Wörter wie „pflag“ oder „sintemal“, die daran erinnerten, dass die Übersetzung aus dem ausgehenden 19. Jhdt. stammt – und eine gewisse Pedanterie:  Ich hatte zuvor im Sonnenschein vorm Laden in der englischen Übersetzung von Rutherford gelesen (Penguin, 16,80 €) und sozusagen öfter schon englisch gelacht. So kam ich auch zu der Stelle im vierten Kapitel, als Don Quijote sich für den geprügelten Hirten einsetzt, der behauptete, sein Herr schulde ihm neun Monatslöhne à sieben Reales.

Don Quixote worked it out and found that it came to seventy-three reals, which he told the farmer to hand over there and then, if he didn’t want to die.

Zumal ich selbst zahlenschwach bin, freute ich mich diebisch über diesen cervantinischen Witz, und als wir in der Runde zu der Stelle kamen, kam mir wieder der Lacher hoch. Aber dann übersetzt Braunfels die Stelle:

… neun Monate, zu sieben Realen jeden Monat. Don Quijote machte die Rechnung, und fand, daß sie sich auf dreiundsechzig Realen belief, …

Ooooooch! Ach, deutsche Gründlichkeit! Susanne Lange, das haben wir dann nachgeschaut, läßt (in der Neuübersetzung von 2008 bei dtv) Don Quijote dann aber wieder richtig (falsch) rechnen. Wir lasen drei Stunden, die vergingen wie im Fluge.

Bücherfreund Cervantes

Es war eine denkwürdige Lesung in einer Buchhandlung; denn bekanntlich führte – gleich im ersten Kapitel – das Übermaß an Lesen bei unserem Protagonisten dazu, dass sein Hirn verschrumpelte („withered“ bei Rutherford – bei Braunfels trocknet ihm das Hirn aus, und bei Lange trocknet sein Gehirn ein); und dann endete unsere Marathon auch noch ausgerechnet bei der Szene im sechsten Kapitel vom – man mag es Fenstersturz der Bibliothek nennen. Jedenfalls landet ein Großteil von Don Quijotes Büchern unsanft im Hof, wo ein Flammengericht gehalten werden soll. Huch.

Am Sonntag, als ich in der Harzreise von Heine weiter las, begegnete mir dort auch das Zitat über den Wirt im zweiten Kapitel

der, weil sehr wohlbeleibt, sehr friedfertig war

und es war ein bisschen, als wäre Heine beim Rundumlesen im Don Quijote mit von der Partie gewesen.

cervantes_privatVom Übersetzen

cervantes_windmühlen
Kröner

Die Rutherford-Ausgabe (links im Bild) hat übrigens ein sehr schönes Vorwort mit klugen Gedanken zum Übersetzen. Aber hier ist erst einmal eine Kostprobe, was Guillermo Aparicio zum Thema meint, in seinem Brief an Don Miguel höchst persönlich – aber wer sein Buch Windmühlen sind keine Giganten (Kröner, 14,90 €) in Händen hat, darf mitlesen:

Ein gutes Buch zu übersetzen, ist genauso beglückend wie schwierig. Sie zum Beispiel [,geschätzter Lehrer Don Miguel,] machen es Ihren Übersetzern verdammt schwer. Die Sprache Ihres Buches ist so komplex und doch so durchsichtig, so alt und doch so modern, so korrekt und doch so frei, so eindeutig, obwohl so doppelbödig, so kreativ und zugleich so voll von Redewendungen und Sprichwörtern, dass die Übersetzung Ihres Romans viel Können, aber auch viel Mut erfordert.

„Mut“ ist das Stichwort. Dazu schreibt Rutherford (frei übersetzt):

»Indem ich mich an die Übersetzung machte, entschied ich mich, mit dem großen Mann auf Du und Du zu gehn; das war es, was zu tun war, statt zu seinen Füßen zu rutschen.«

und weiter:

»der Übersetzer ist keine Maschine, in die der Originaltext eingetrichtert wird, damit der zwar in einer anderen Sprache, aber ansonsten identisch wieder herauskommt. [Weswegen, wie Rutherford fortfährt, Don Quijote im Kapitel V im 2. Teil so schlecht von Übersetzern spricht, die dies anstreben]. Was ich versuchte zu tun, war anders: die spanischen Worte ließ ich vor meinem geistigen Auge die Welt des Romans errichten, und darin versuchte ich, zu leben; Don Quijote und Sancho Pansa zu sehen und zu hören, und sie mir zu besten Freunden werden lassen, (dabei einen Teil seines Verstandes einzubüßen ist der Preis, den jeder Künstler zahlen muss); und erst dann suchte ich nach englischen Ausdrücken, um zu beschreiben, was sich mir in dieser Vorstellung zeigte.«

Klingt etwas nach David Suchet über seine Rolle als Poirot, n’est-ce pas? Und auch das gefällt mir sehr:

»Ich musste mich von der Auffassung befreien, wie es die puritanische Tradition gerne fordert, dass der Übersetzer niemals irgend etwas seiner selbst in die Übersetzung einfließen lassen dürfe, ja, dass er sich einer neutralen, transparenten Sprache bedienen müsse, durch die dann des Autors Brillianz unverstellt scheinen kann. Diese Idee eines unsichtbaren Übersetzers fußt auf der ungültig erwiesenen Metapher, das Sprache die Kleidung für einen Körper von Gedanken und Gefühlen sei. [Er zitiert dann, zum Beispiel, Henry Edward Watts]. Diese Selbstauslöschung, wie auch immer bewundernswürdig die Anzeichen von Bescheidenheit darunter sein mögen, ist unmöglich.«
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