Aus dem Archiv: Gedichte unterm Buchenbaum, nebst Buchpatronatskind No 5

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Illustrated Legends of the Jin’ōji Temple

Samstag, 22. Juni 2013

Das Metropolitan Museum in New York bringt Jahr für Jahr Buchkalender in Ringformat heraus, in der verschiedene Schwerpunkte seiner Sammlung präsentiert werden, und an eine alte Ausgabe mit asiatischer Malereien musste ich denken, besonders an die Darstellung einer Gesellschaft, die sich unter Bäumen am Fluss versammelt hatte und Dichtungen lauschte. Die kann ich im Moment nicht wiederfinden, aber diese Szene gibt ganz gut die Stimmung wieder, die beim Lyrikmarkt am vergangenen Samstag herrschte.

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Akademie der Künste, Berlin
Foto (Detail): Manfred Brückels, 2010 Wiki Commons

Ein kleiner Trupp von uns, Brüder, Neffe und ich, stieß zu Freunden am Foyer der Akademie der Künste im Hansaviertel, etwas ermattet nach einem langen Weg über den neuen Park am Gleisdreieck und von Ost nach West quer durch den Tierpark. Nachdem wir uns gestärkt und erfrischt hatten, das Lyrikfest war im vollen Schwunge, trafen wir rechtzeitig für den letzten Teil im Buchengarten ein, und da kam das Bild auf: lauter auf besonnenes Lauschen eingestimmte friedfertige Menschen unter einem prächtigen alten Baum, der die Szene prägt, das alles vor der Kulisse des schönen unaufdringlichen, offenen Baus der Akademie der Künste.
Was wir noch mitbekamen:

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Autorenfoto (privat)
Quelle: Ehinger Bibliothek

Da saßen wir also und hörten erste einmal Ungarisch, was ganz egal, worum es geht, wohlklingt. Orsolya Kalász las das Gedicht dann noch mal in deutscher Übersetzung, und es tauchte uns in eine vordergründig heimelige Stimmung, dem aus Hundeperspektive etwas Bedrohliches unterlegt war, so ein bischen Daphne Du Maurier. Monika Rinck hatte erotische Gedichte übersetzt, wie es schien, sehr gut übersetzt, aber vielleicht bin ich zu prüde, mir das anzuhören.

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Peter Engstler

Aurélie Maurin moderierte dann ganz fröhlich und gut Ulf Stolterfoht an, ohne zu versäumen, am Ende der Dichterlesung zu einem Bummel bei den Lyrikständen einzuladen, denn es geht ja um Lyrik, darüberhinaus aber auch um Markt. Ich muß sagen, dass ich immer wieder erstaunt und freudig überrascht bin, wenn Lyrik tatsächlich auch gekauft wird, und nicht nur gemocht. Denn seien wir ehrlich, wie oft wir von einem Gedicht berührt und beglückt werden, aber wie selten wir einen Gedichtband kaufen.

Also brachte Stolterfoht die Lesung zu Ende, zu einem vergnüglichen Ende, das mit Kostproben aus Wider die Wiesel allgemeines Gekicher und Lachen hervorzauberte.

Hier eine Kostprobe, von der Verlagsseite zitiert:
pop! geht das wiesel, kanister mit diesel, stiefel voll
blut, pop pop! geht das wiesel – und alles wird glut.
ein pfennig für die spule, fürs schiffchen ein kreuzer,
diesen weg geht das geld. pop! geht auch das wiesel.
rauf und runter die trinity straße, raus aus dem beu-
tel, rein in den sack, diesen weg beschreitet das geld.
pop! geht hingegen das wiesel. pop pop! geht das
wiesel. ein halbes pfund mais, melasse dazu, ein gan-
zes pfund puffreis – was kostet die welt? pop! geht
das wiesel. diesen weg geht das geld. mix it up! und
machen es schön. pop! geht das wiesel. kanister mit
diesel. pop pop! geht das wiesel. und machen es schön …

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Metropolitan Museum of Art, NY

Wie Stolterfoht freimütig mitteilte, hat er dies Gedicht mit Hilfe der Google Übersetzermaschine kreiert. Grundlage wird der Nursery Rhyme „All around the Mulberry Bush…“ sein, und da findet sich eine amerikanische Version in dem Buch „Go in and out the Window“, das wiederum in Zusammenarbeit mit dem Metropolitan Museum of Art entstand – und so schließt sich der Kreis.

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kirsch
DVA (vergriffen)

Patronatskind No 5:
Sarah Kirsch
Krähengeschwätz
Worüber dieser Blogeintrag eigentlich gewesen sein sollte ist aber Sarah Kirsch und ihr Buch Krähengeschwätz. Die große Dichterin, deren Tod wir erst vor Kurzem betrauern mussten, legt damit nicht eigentlich einen Gedichtband vor, obschon die Sprache lyrisch bleibt und hier und da auch ein Gedicht Eingang findet, beispielsweise das vom 9. Februar 1987, Montag (S.125), das dem Buch den Titel gab. Es sind Tagebuchaufzeichnungen, die vom März 1985 bis Dezember 1987 reichen und in einer schönen gebundenen Ausgabe 2010 in der Deutschen Verlags-Anstalt erschienen sind. Eine ausführliche Besprechung liefert, unter anderen, Wilfried F. Schoeller im Deutschlandradio („Hier bin ich sehr sehr gern immerdar.“, vom 15. April 2010)

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