‚Full Tilt‘ und ‚Letzte Einkehr‘

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Patronatskinder No 32 und No 33

 

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Dervla Murphy auf dem Titel ihres Buches: ‚Wheels within wheels
Eland

„Voll in die Pedalen“ – so etwa kann man den Titel des Reiseberichts von Dervla Murphy, Full Tilt, übersetzen. Die Buch-Patronin mag ihre Art zu schreiben, und auch den Verlag, der sie publiziert, den Eland Verlag in London.

Diese Reise per Fahrrad, 1963, von Irland bis Indien, ist 1965 erschienen. Die Autorin wurde 1931 in Irland geboren, und der Verlag weiß zu berichten (frei übersetzt):

„Sie ist nun über 80 Jahre alt, reist fortwährend in der Welt herum und ist unvermindert leidenschaftlich was Politik, was Konservierung oder Erhalt betrifft, das Radfahren und das Bier.“

Mir gefällt auch, was Anne, ein aufmerksamer Leser im Kommentar auf dem dovegreyreader Blog anmerkte:

Dervla Murphy, whose travel writing I always like – very different from the „walk the longest river, struggle through the harshest desert“ sort of writing which sees the landscape as an enemy to be conquered.“

– also etwa übersetzt: „Dervla Murphy, deren Reiseberichte ich immer mag – sehr von der Art Schreiben unterschieden, in denen ‚die längsten Flüsse abgewandert werden, man sich durch harscheste Wüsten kämpft‘, wo die Landschaft als ein Feind gesehen wird, den es zu bezwingen gilt.“

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Eland

Dervla Murphy
Full Tilt
Eland, Aufl. von 2010
broschiert 20,00 €

Am 10 Mai 1963 radelte sie gerade mit ihrer Gefährtin ‚Roz‘ – sie nannte ihr Rad nach Cervantes‘ Rozinante – aus Afghanistan hinaus, Richtung Peshawar, Pakistan.

„We passed through some tremendous scenery and saw a most awe-inspiring engineering feat – the road through the Tangi Sharo Gorge. Here the mountains are almost sheer walls of solid grey rock and the road pirouettes its way down thousands of feet to river level. The surface has not been metalled yet so I walked, which was safer anyway with no back brake. From the top the Kabul river looks a mere thread of water, so in fact it’s a torrent in a mad, foaming rush to join the Indus.“

„Wir durchquerten manche außerordentliche Landschaften und sahen eine überaus atemberaubende Ingenieursleistung – die Straße durch die Tangi Sharo Schlucht. Hier sind die Berge nahezu schiere Wände aus massivem grauen Fels, und die Straße pirouettiert ihren Weg tausende Meter zum Fluß hinunter. Die Straßendecke war noch nicht asphaltiert; deswegen lief ich lieber, was ohnehin sicherer war, ohne Rücktrittbremse. Von der Höhe gleicht der Kabul Fluß einem bloßen Wasserfaden, und doch ist er eigentlich ein reißendes Gewässer in irrer, schäumender Eile, sich mirt dem Indus zu vereinen.“

*

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Buchpatron

Ich liebe es immer, wie sich eins ins andere fügt; und wo das Cervantes-Marathonlesen vom 23. April noch gar nicht lange her ist, war es schön, auf dem hinteren Buchdeckel eine Anpreisung  aus dem New Yorker Magazin mit folgendem Inhalt zu lesen – vermutlich angestoßen vom Fahrrad Rozinante:

„Diese lebhafte Reisebeschreibung … würde Cervantes seiner beinahe unglaublichen Überaschungen wegen entzückt haben: Ein Tal voller Vögel in Schmetterlingsgröße und Schmetterlinge, groß wie Rotkehlchen; ein Dorf, in dem das Rindvieh sich von Aprikosen nährt und die Dorfbewohner Klee essen … „

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Rowohlt

„Immer hatte ich ein heimliches Leben,
und immer war dies das wahre.“

Imre Kertész
Letzte Einkehr

rororo TB, 2015
10,99 €

Imre Kertész ist am 31. März gestorben. Nichts habe ich bisher von ihm gelesen, aber das sollte ich! Hier steht’s, in der Übersetzung von Ilma Rakusa, Adan Kovacsics und Kristin Schwamm, auf S. 99:

Abends im Restaurant Diekmann, hier in der Meineke-Straße. Mir wird versichert, daß ich ein außerordentlich angesehener Autor sei – den allerdings – muß ich daraus folgern – niemand liest. Nur eines meiner Bücher wird gelesen, der Roman eines Schicksallosen. […] Würde ich mich selbst wohl lesen? Ich glaube, ja. Für mich selbst wäre ich ein wichtiger Autor. Deshalb verdirbt es mir auch nicht im geringsten die Laune, daß man mich so wenig liest.

Das finde ich klug und sympathisch gesagt, und ich erahne eine Spur von Humor.

So fangen seine Aufzeichnungen an:

Früher Morgen. Das Geisterhafte der Menschen und der Welt. Als existierten keine Menschen, nur Gespenster. Auch ich bin geisterhaft, ch weiß nicht, wessen Geist ich bin, beziehungsweise welche Art von Gesetzen bestimmt, was mein Geisterdasein auf dieser Erde antreibt, was es lenkt.

Dann bleibt nur zu sagen: lesen!

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