Petron, Herodot, und die Natur – bei Reclam

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Reclam, Reclam und nochmals Reclam!

Ich liebe Reclam Heftchen und habe noch nie einen Hehl daraus gemacht. Also freue ich mich über diese frisch eingetroffenen Reclam-Bändchen – Donizetti, Der Liebestrank (dt. / it.) ist schon vergeben, kann ich aber gerne nachbestellen, auch alle anderen lieferbaren Ausgaben. Klein wie die Buchhandlung ist muss ich immer eine Wahl treffen, und mein Herz schlägt nun mal für Klassiker und für die Natur. Vielleicht bringen diese Zitate von den Seiten 99 ja auch weitere Herzen zum Höherschlagen, vorzugsweise von kaufwilligen Lesern.

1

Cena Trimalchionis / Das Gastmahl des Trimalchio
von Petron (1. Jhdt.) / in der Übersetzung von Karl-Wilhelm Weeber (* 1950)

interim puer Alexandrinus, qui caldam ministrabat, luscinias coepit imitari clamante Trimalchione subinde: »muta«. ecce alius ludus. servus qui ad pedes Habinnae sedebat, iussus, credo, a domino suo proclamavit subito canora voce:
»interea medium Aeneas iam classe tenebat.«

*

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Reclam

In der Zwischenzeit begann ein Junge aus Alexandria, der das warme Wasser herumreichte, Nachtigallen nachzuahmen, wobei Trimalchio ständig rief: »Andere Melodie!« Und schon wieder ein neues Spielchen: Ein Sklave, der Habinnas zu Füßen saß, bekam, glaube ich, von seinem Herrn den Auftrag und brüllte plötzlich mit Sangesstimme los:
»Inzwischen war Aeneas mit seiner Flotte schon mitten auf der Fahrt.«
Es war an der Zeit für eine Neu-Übersetzung, wie diese von W. Heinse von 1773 – so finde ich – zur Genüge beweist:

“Unterdessen fing ein alexandrinischer Bube, welcher mit laulichem Wasser bediente, an, die Nachtigall zu machen. Plötzlich aber schrie Trimalchio: „Was anders!“ Da kam denn wieder was Neues. Ein Sklave, welcher zu den Füßen des Habinnas saß, schrie augenblicklich darauf, vermutlich auf Befehl seines Herrn, mit heller Stimme: „Unterdessen war schon auf der Höhe des Meeres Aeneas Mit der Flott‘ und die Reise gewiss usw.“”

2.

Moderne deutsche Naturlyrik
Interpretationen
Peter Härtling
Vogelleicht (Ausschnitt)

[…]
Morgen, sagen wir uns,
morgen,
wenn sie ausgeflogen sind,
könnte es sein,
die Luft bekommt Hände
und wir legen uns
nebeneinander
[…]

naturlyrik
Reclam

“aus: Christian Moser / Zu Peter Härtling Vogelleicht

Das Gedicht Vogelleicht führt […] vor, wie die magische Kraft der Dichtung sich letzlich selbst obstruiert.

Auf den paradiesischen Garten »vogelleichter Liebe« fällt mithin ein Schatten. Leichtigkeit wird nicht mehr mit einem Zustand der Fülle assoziiert, sondern erscheint als Seinsmangel. Es wäre daher widersinnig, wenn das aus dem Paradies vertriebene Paar sich die für die Zukunft erhoffte Rückkehr als bloße Wiederholung des vormaligen Zustands vorstellen würde. Tatsächlich besitzt die zukünftige Gemeinsamkeit, die es sich ausmalt, einen anderen Charakter als das verlorene Paradies der Leichtigkeit. Um die erhoffte Zukunft zu beschreiben, wird die Vorstellung, dass die Luft Hönde bekommt, zwar erneut beschworen, doch die Folgezeilen (»und / fängt uns auf«) fehlen. Die Liebenden imaginieren sich nicht mehr als fliegendes Vogelpaar, sondern in größtmöglicher Bodennähe […]”

*

Offengestanden wären Gedicht nebst Interpretion nicht meine erste Wahl. Es gibt 22 Gedichte von Brecht bis Sabine Schiffner, und was Interpreten – von Ingo Stöckmann bis Elke Engelhardt – dazu zu sagen haben, und mein rascher Einblick bestätigt, dass es viel zu entdecken und zu vertiefen und zu mögen gibt. Zum weiteren Appetitanregen hier beispielsweise ein Ausschnitt von Durs Grünbein aus seinem Gedicht Am Baltischen Meer:

Hier zeigen Dünen, was es heißt: Die Zeit verstreicht.
Imperien sind – wie Nehrungen – auf Sand gebaut.

3.

Herodot; Historien, 7. Buch
(5. Jhdt. v. Chr.) / in der Übersetzung von Christine Ley-Hutton (*?; auf jeden Fall viel jünger als Herodot und seine bisherigen Übersetzer: Goldhagen, Lange, Schöll und Jacobi). Weil aus 49 online zitiert wird – das Griechisch wird bei Reclam leicht anders wiedergegeben – , sind hier als Beispiel Auszüge der Seiten 66 und 67 angeführt:

49 (1) Ὁ δ‘ ἀμείβετο λέγων· „Ὦ βασιλεῦ, οὔτε στρατὸν τοῦτον, ὅστις γε σύνεσιν ἔχει, μέμφοιτ‘ ἂν οὔτε τῶν νεῶν τὸ πλῆθος· ἤν τε πλέονας συλλέξῃς, τὰ δύο τοι τὰ λέγω πολλῷ ἔτι πολεμιώτερα γίνεται. Τὰ δὲ δύο ταῦτα ἐστὶ γῆ τε καὶ θάλασσα. (2) Οὔτε γὰρ τῆς θαλάσσης ἔστι λιμὴν τοσοῦτος οὐδαμόθι, ὡς ἐγὼ εἰκάζω, ὅστις ἐγειρομένου χειμῶνος δεξάμενός σεο τοῦτο τὸ ναυτικὸν φερέγγυος ἔσται διασῶσαι τὰς νέας· καίτοι οὐκὶ ἕνα αὐτὸν δεῖ εἶναι [τὸν λιμένα], ἀλλὰ παρὰ πᾶσαν τὴν ἤπειρον παρ‘ ἣν δὴ κομίεαι. (3) Οὐκ ὦν δὴ ἐόντων τοι λιμένων ὑποδεξίων, μάθε, ὅτι αἱ συμφοραὶ τῶν ἀνθρώπων ἄρχουσι καὶ οὐκὶ ὥνθρωποι τῶν συμφορέων.

herodot_siebtes
Reclam

49 (1) Jener aber entgegente: »König, einer, der Verstand hat, dürfte weder dieses Heer noch die Anzahl der Schiffe kritisieren. Wenn du noch mehr versammelst, dann wird dir das, wovon ich spreche, noch viel feindlicher. Diese beiden Dinge sind das Meer und das Land. (2) Nirgendwo gibt es am Meer ja einen so großen Hafen, wie ich meine, der diese deine Flotte aufnehmen kann, wenn ein Unwetter ankommt, und ausreichend sein wird, um die Schiffe zu schützen. Und es ist nicht nur ein einziger Hafen nötig, sondern mehrere an der gesamten Festlandküste, die du entlangsegelst. (3) Da es also für dich keine ausreichenden Häfen gibt, so verstehe, dass Zufälle das Leben des Menschen beherrschen und nicht die Menschen die Zufälle.«”

*

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Marix
  1. (1) Artabanos gab darauf die Antwort: “ O König! Kein verständiger Mensch wird an diesem Heer etwas aussetzen können oder an der Zahl der Schiffe: und wenn du noch mehr zusammenbrächtest, so werden doch die zwei Dinge, die ich meine, dir noch weit feindseliger werden; diese beiden sind: Land und Meer. Denn nirgendwo findet sich, wie ich glaube, ein so großer Seehafen, der diese Flotte, wenn sich ein Sturm erhebt, aufnehmen und dir die Erhaltung der Schiffe verbürgen könnte. Und doch bedarfst du nicht bloß eines solchen Hafens, sondern in der ganzen Länge des Festlandes, an dem du ja hinfährs. Da nun keine Häfen zur Aufnahme deiner Schiffe vorhanden sind, so merke wohl, dass die Zufälle über die Menschen gebieten und nicht die Menschen über die Zufälle.
herodotus
fleissig gelesener Herodot aus privatem Bücherschrank

Hier muß ich sagen, dass mir diese Übersetzung von Johann Christian Felix Bähr (1798-1872) besser gelungen, eleganter erscheint (erschienen bei Marix, vollständig, allerdings ohne griechischen Originaltext, für 25,00 €). Siehe dazu den hilfreichen Kommentar von Herrn Albrecht in seiner Antwort bei „gutefrage.net„. Danke sage ich da auch.

zu Herodot bei Kröner siehe auch:

Drei rein (Ausgabe gibt’s derzeit – Mai 2016 – nur antiquarisch)

vignette

aus dem Archiv, Mai, 2012:
Friedrich Hebbel; Gyges Ring – Drama, gelesen mit verteilten Rollen
nach einer Anekdote in Herodots Historien

covert agents, Special Forces, stealth – und schon ist uns klar, wie aktuell
Hebbels Theater leider bleibt: die Geschichte vom Helden unter der Fremdherrschaft, Günstlingstum, Gefälligkeiten und die innere Stimme, auf die man nicht hört. Durch ein harmlos erscheinendes „window of opportunity“ stürzen die Beteiligten bald schon in den Abgrund. Politik und Intimes verknäueln sich unentwirrbar, und der Verlauf der Geschichte eines Staates hängt ab von einer raschen heimlichen Einmischung in Angelegenheiten, die einen nichts angehen.
In den voraufgegangenen Leseabschnitten waren wir in der Runde erstaunt, wie zugänglich dieser Klassiker ist und wie frisch seine Dialoge uns treffen. Auch Herodot ist alles andere als angestaubt. Versuchen Sie es doch mal mit Hebbel.

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