Gerüche in der Schulzeit – aus: Camus; Der erste Mensch

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Lektüre im Mai

Reading Along the NYRB
50 Jahre New York Review of Books 50 Years

Immer noch im Jahr 1994 nach-lesend, als wir zum ersten Mal die New York Review of Books erstanden, damals noch einzeln, im Mr Grocer Shop in Victoria-Saanich vom Zeitschriftenstand, stieß ich auf eine Besprechung von Tony Judt zum damals gerade bei Gallimard verlegten posthumen Werk von Albert Camus: Le premier homme. Es ist seitdem, 2001, englisch übersetzt worden von David Hapgood und bei Penguin Modern Classics als Taschenbuch erschienen. Im Deutschen hat, allen Wandlungen im Verlag zum Trotz, immer noch Rowohlt die Rechte auf Camus‘ Bücher und bringt sie auch klassisch heraus; Der erste Mensch ist schon 1995 in der Übersetzung von Uli Aumüller erschienen, 1997 als rororo verlegt.

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NYRB – October 6, 1994
Autorenportrait: David Levine, NYRB

Tony Judt schreibt (wie immer, frei übersetzt):

»Le premier homme sollte Camus' Bildungsroman werden, ein Tryptichon seines Lebens und seiner Zeit. Er befasste sich schon eine Weile mit diesem Werk (erstmal erwähnt er es 1951 in seinen Carnets), doch uns liegt nur der Anfangsteil vor, worin es um seine Kindheit geht und um die Suche nach seinem toten Vater. Das Werk ist, ganz ohne Irrtum und zweifellos, autobiographisch; in der Veröffentlichung sind all seine Anmerkungen und Korrekturen, und gelegentlich findet man, wie Camus die erste Person Singular hineinschiebt, als sei dies in Wahrheit die Geschichte des jungen Albert Camus und nicht die des "Jaques Comery" (vom Familiennamen seiner Großmutter väterlicherseits).«

Und weiter sagt Tony Judt:

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Gallimard
»Sein letzter Roman schwelgt in der reinen Sinnlichkeit von Sonne, Meer, jugendlichen Körpern im Wasser und am Strand. Nirgendsonst im Werk von Camus ist man solcher Lust in diesen Dingen gewahr und auch seiner Ambivalenz der anderen, intellektuellen Welt gegenüber, in der zu leben er dann entschied. In Le premier homme hat Camus etwas bewahrt, was er in einer viel früheren Geschichte zu erklären versuchte, "Noces à Tipasa", der Reiz "eines Lebens, das nach warmen Stein schmeckt". Die Randbemerkungen enthüllen seine Intention: "das Buch muss schwer sein mit Objekten und Körperlichkeit."«

Camus schreibt vom Algiers mit seinem Schirokko, der Hitze, dem Staub, und wie Jaques in den Lehrbüchern, die aus Frankreich herrührten, eine zauberhaft fremde Welt, in der es Schnee gab, erahnt, und weiter, (in der Aumüller – Übersetzung, rororo S. 126), zur Poesie der Schule:

[…] die auch vom Geruch des Lacks der Lineale und Federkästen gespeist wurde, vom köstlichen Aroma der Riemen seines Ranzens, auf dem er lange herumkaute, während er sich mit seiner Arbeit plagte, vom bitteren, herben Geruch der violetten Tinte, vor allem, wenn er an der Reihe war, die Tintenfässer aus einer riesigen dunklen Flasch nachzufüllen, in deren Korken ein gekrümmtes Glasröhrchen steckte, und Jaques schnupperte beglückt an der Öffnung des Röhrchens, vom weichen Anfühlen der glatten, satinierten Seiten mancher Bücher, aus denen ein guter Geruch nach Druck und Leim aufstieg, und schließlich an Regentagen den Geruch nach feuchter Wolle, der den Wollregenmänteln hinten im Klassenzimmer entstieg, gleichsam einer Ahnung von jenem paradiesischen Universum, in dem die Kinder in Holzschuhen und mit Wollmütze durch den Schnee auf das warme Haus zuliefen.

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