Baker, Begley, le Carré, le Guin, Pamuk und Rovelli

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Eine Lieferung im Juni

Immer wieder fragt K.* den Buchhändler: „Was ist Ihr Programm? Haben Sie eine bestimmte Auswahl?“. Aber natürlich ist es mit Büchern im Leben nicht anders als mit Menschen: Manche wählt man sich in seine Nähe, andere kreuzen den Weg und werden einem lieb, wieder andere sind auf Durchzug, und alle sind im Austausch mit Anderen. Beim Sortimenter – also dem Buchhändler, der Bücher bestellt nach eigener Vorstellung – ist auch zu beachten, dass er weniger Sammler und eher Verbreiter sein möchte, also Kunden willkommen heißt, die eingetroffene Bücher wieder aus dem Laden hinaus in die eigene und weitere Welt tragen. Das vorneweg.

* K. steht für Kunde

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buchpatronHier ist so ein Stapel, also, und darunter sind allein drei Titel, die im Rahmen der Buchpatenschaft erworben wurden: Louis Begley; Lügen in Zeiten des Krieges, Ursula K. le Guin; Erdsee und Carlo Rovelli; Seven Brief Lessons On Physics

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Piper / Suhrkamp / Penguin

Auf diese Bücher werde ich später noch eigens zurückkommen.

Nun aber zu den anderen:

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Faber & Faber

Mit einem Satz hinein
Von Orhan Pamuk habe ich bisher nur in englischer Übersetzung bei Granta und Auszüge aus „Schnee“ gelesen, und verfolge ansonsten mit Interesse seinen Umgang mit Erinnerung, Beobachtung, Gedanken und Sprache. In den Interviews ist er mir immer sympathisch, und seine geschriebene Stimme – die ich natürlich übersetzt und, wie gesagt, nur bruchstückhaft gelesen habe – gefällt mir.

Sein jüngstes Buch ist im Frühjahr bei Hanser erschienen: Diese Fremdheit in mir. Wenn ich englische Ausgaben fremdsprachiger Autoren bestelle, hat das oft – abgesehen von der englischsprachigen Kundschaft sowieso – zwei Gründe: einmal lese ich gerne englisch und finde diese Sprache wendig und einleuchtend, zum anderen sind im Englischen oft schon die Taschenbuchausgaben erschienen, die sich mit dem winzigen Budget dieser kleinen Buchhandlung besser vertragen. Also habe ich frisch drauflosbestellt, den neuesten Titel unseres Nobelpreisträgers Pamuk. Und dann, als das Buch heute eintraf, wurde ich wieder mal daran erinnert, dass es ganz nützlich ist, auf die Seitenzahl zu achten. Diese Werk ist bei Faber & Faber, in der Übersetzung von Ekin Oklap, knapp über 700 Seiten dick; dazu kommen noch Abbildungen von Familienstammbäumen, ein Verzeichnis auftauchender Personen und eine Zeittafel. Meine letzte Lektüre dieser Art war Vikram Seths; A Suitable Boy, was ich sehr gerne mit all den Blogbesuchern von dovegreyreader über Monate gelesen habe. Also erst einmal genug mit dicken Romanen, was mich betrifft. Ich bin aber sicher, dass der ein oder andere Leser gerne in die Buchhandlung hereinspaziert kommt, um A Strangeness in My Mind zur ausgedehnten, bereichernden Lektüre einzukaufen. Erschwinglich ist es allemal (9,80 €).
Hier kommt der Satz vom Anfang (nach den vorangestellten Mottos von Wordsworth, Rousseau und Celâl Salik und dem İbrahim Şinasi Zitat und Beyşehir Sprichwort, notiert am 17. Juni 1982):

This is the story of the life and daydreams of Mevlut Karataş, a seller of boza and yogurt. Born in 1957 on the western edge of Asia, in a poor village overlooking a hazy lake in Central Anatolia, he came to Istanbul at the age of twelve, living there, in the capital of the world, for the rest of his life.

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Penguin

Es ist ein unbeabsichtigter Zufall, dass dies Penguin Taschenbuch ausgerechnet einen Tiger im Käfig zeigt (Illustration von Matt Taylor), alldieweil hier in Berlin eine höchst fragwürdige Provokation unter dem Deckmantel kunstvoller Ereiferung zur Durchsetzung von Menschenrechten für Aufsehen sorgt. John le Carrés The Night Manager habe ich bestellt, weil er so gut schreibt und weil er auf intelligente Weise einen dazu bringt, über politische Misstände nachzudenken – hier geht es um Waffengeschäfte. Bei Pamuk habe ich mit dem „einen Satz“ noch geschummelt, weil der erste allein zu  kurz gewesen wäre. Bei John le Carré kommt der geneigte Leser aber voll auf die Kosten; wobei ich den zweiten Satz auch dazunehme, weil der so kurz ist. Hier also mit einem Satz hinein:

On a snow-swept January evening of 1991, Jonathan Pine, the english night manager of the Hotel Meister Palace in Zürich, forsook his office behind the reception desk and, in the grip of feelings he had not known before, took up his position in the lobby as a prelude to extending his hotel’s welcome to a distinguished late arrival. The Gulf war had just begun.

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NYRB Classics Regal Juni 2016

Aller guten Dinge sind drei.

Bei den Ausgaben von NYRB Classics ist es einfach. Hin und wieder besuche ich den Katalog und picke mir ein oder zwei Titel heraus, die ich spannend oder vielversprechend finde – Browse: Classics / Sort by: Oldest to Newest. Anstoß zum Regal gab der große Mäzen, der auch die Mehrzahl der Patronatskinder zu verantworten hat*, und wir einigten uns darauf, dass es am sinvollsten wäre, in der Wahl bei englischen Muttersprachlern zu bleiben, obschon NYRB Classics sich seit jeher verdinstvoll für Übersetzungen stark macht. Spannend ist zu verfolgen, welche Titel aus dem Deutschsprachigen ins Programm finden. Gerade kam beispielsweise Vicki Baums Menschen im Hotel (Grand Hotel) heraus … Aus lauter Eifer ist es mir auch schon passiert, dass ich Erich Auerbachs Dante als Dichter der irdischen Welt bestellt habe; allerdings kostet selbst die Taschenbuchausgabe bei de Gruyter stolze 34,95 € …

* siehe Daniela’s Choice – wie alles angefangen hat

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Titelillustrationzu Dorothy Baker; Cassandra at The Wedding
Figure with Fence, 1953, by David Park
Bildquelle: SFADA

„Dorothy Baker’s entrancing tragicomic novella follows an unpredictable course of events in which her heroine appears variously as conniving, self-aware, pitiful, frenzied, absurd, and heartbroken—at once utterly impossible and tremendously sympathetic. “   (Verlagstext)

[etwa: Dorothy Bakers hinreißend tragikomische Novelle folgt einem unvorhersehbaren Kurs von Ereignissen, bei denen die Heldin mal hinterhältig, mal selbstgewahr, dann erbarmungswürdig, rasend, absurd und herzgebrochen erscheint – zugleich gänzlich unmöglich und unglaublich liebenswert.“]

So beginnt das Buch, wieder etwas über den ersten Satz hinaus:

I told them I could be freeby the twenty-first, and that I’d come home the twenty-second. (June.) But everything went better than I expected – I had all the examinations corrected and graded and returned to the office by ten the morning of the twenty-first, and I went back to the apartment feeling so foot-loose, so restless, that I started having some second thoughts.

(PS: Deutsch von Dorothy Baker ist bei dtv 2015 Zwei Schwestern erschienen,  übersetzt von Kathrin Razum).

Kurzum, es erscheint mir eine gute Sommerlektüre.

carr
The Quince Tree Press

Und, à propos, bin ich gespannt auf die Übersetzung von Monika Köpfer bei Du Mont; endlich kommt nämlich diesen Juli eines meiner Lieblingsbücher für deutsche Leser auf den Markt: Ein Monat auf dem Lande (A Month in the Country), von J. L. Carr. Das gibt es auch in einer schönen Ausgabe in der NYRB Classics Reihe, ich aber habe am Lager die Ausgabe aus dem Verlagshaus vom Autoren selbst, The Quince Tree Press. Ein Besuch auf der Verlagsseite lohnt sich – herrlich englisch exzentrisch -, und die Lektüre allemal.

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