Landschaft, Bild und Sprache

altdorfer
Albrecht Altdorfer; St Georg (1510) / 28 x 22 cm / Alte Pinakothek München

Reading Along the NYRB
50 Jahre New York Review of Books 50 Years

uchicago
UChicagoPress, 2. revidierte und erweiterte Ausgabe 2014

In der Oktober-Ausgabe von 1994 war eine schöne Besprechung von Anthony Grafton (Autor, z. Bsp., von „The Footnote“) zu dem Buch von Christopher S. Wood über „Albrecht Altdorfer And the Origins of Landscape“ (University of Chicago Press) erschienen. So beginnt der Artikel (frei übersetzt): „Es gibt zwei Zentren der Zivilisation, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Die Bibliothèke Nationale in Paris und das Kupferstichkabinett in Berlin. Die formale, schöne französische Bibliothek steht in einer charmanten Nachbarschaft, gleich neben einem hübschen Platz mit Fontäne. Die blendenweiße, nüchtern-moderne deutsche Graphikensammlung duckt sich in eine Wildniss, umgeben von mächtigen modernen Gebäuden, den verwitternden Blöcken von Nazideutschlands Reihen der Botschaften und hageren Brachen, angefüllt mit parkenden Autos.“
So war das noch, 1994, auch bevor die Bibliothèke Nationale ihr neues Quartier bezog. Meine Suche nach Fotos vom Kulturforum zu der Zeit verlief erfolglos im Netz, was zeigt, wie wichtig schriftliche Beschreibungen sind.

Grafton merkt an, dass keine zeitgenössischen schriftlichen Urkunden zu Altdorfers Werk die Zeiten überstanden haben und Wood in seiner Arbeit von dem ausgeht, was er selbst sieht. „Dürers Werke, beispielsweise, animierten Erasmus und viele andere beredte Amateure wie auch Kollegen seines Fachs und Rivalen dazu, lebhafte und wachsame Antworten zu verfassen.“

Christopher Woods Buch beginnt mit „Landschaft mit Holzfäller“. So schreibt Grafton das Bild:

 "Auf einem kleinen Blatt mit einem weiten schwarzen Rahmen heben rasch gezogene Umrisse und Lavierungen von Farben, die diesen nicht streng folgen, einen gewaltigen geschwungenen Baum auf einer Lichtung heraus. Schattierungen von Blau suggerieren einen dräuenden Himmel. Ein Gebilde, einem Haus ähnlich, hängt von einem Ast. Auf den ersten Blick sieht es winzig aus, wie ein Vogelhaus; aber eine menschliche Figur, ein Holzfäller, der bei den riesigen Wurzeln sitz, bringt alles ins Maß und zeigt, dass es einen großen Heiligenschrein darstellt, verbreitet im mittelalterlichen Deutschland. Alles ist vage, suggestiv, ungenau: nichts könnte schärfer mit Dürers geographischer und meteorologischer Präzision kontrastieren. Doch hoch oben auf Altdorfers Baum erscheint das Monogramm das seine Autorenschaft verbürgt und erklärt, dass dieses schummrige kleine Blatt eine vollausgeführte und fertige Arbeit ist."

Und später zitiert Grafton Christopher Woods Beschreibung – „er schreibt gut über Bilder“ – von St. Georg:

The fundamental formal unit of the St George is this overlaying of light strokes upon a dark ground to describe the body of a branch. Then the units multiply, so that the picture space realizes natural disorder. It does not merely offer a parcel of disorder embedded within order – it lets disorder become the ordering principle of the entire picture. Individual trees are hardly to be distinguished from one another. A cluster of slender trunks emerges at the left; a more bulky trunk gleams forth at dead centre; the two trunks at the right disappear into the swarm of green. The rest is a conversation among branches.

"Die grundsätzliche formale Einheit in St. Georg ist dieses Überlagern leichter Striche auf dunklem Grund, um den Körper eines Asts zu beschreiben. Dann häufen sich die Einheiten, so dass die Dimension des Bilds natürliche Unordnung wirklich werden lässt. Das bietet nicht einfach ein Bündel an Unordnung, eingebettet in Ordnung - es läßt Unordnung das ordnende Prinzip des gesamten Bildes werden. Einzelne Bäume können kaum aus dem Verbund anderer heraus unterschieden werden. Eine Gruppe schlanker Stämme erscheint links, ein wuchtigerer Stamm leuchtet genau in der Mitte hervor; die zwei Stämme rechts verschwinden in einem Schwarm von Laub. Der Rest ist ein Unterhaltung unter Zweigen."
Vorlesen am Montag
Vorlesen am Montag

Der Vorlesemontag zur Lyrik am 25. Juli hat mich auf den Begriff Ekphrasis gebracht, weil der Gast, die Lyrikerin Subhashini Kaligotla, sich eine Weile damit befasst hat: „a literary description of or commentary on a visual work of art“ – wie es im Merriam-Webster heißt, wobei der deutsche Duden ganz platt erklärt: „die detaillierte Beschreibung von Personen, Sachen, Ereignissen nach eigener Anschauung“. Also gemeint ist hier aber, in Worten (poetisch) auszudrücken, was Bilder zeigen. Näheres zu Programm folgt. Bitte Termin schon einmal vormerken.

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