von Hentig; Noch immer Mein Leben (EA 2016)

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Was mit Kindern Verlag

Anmerkungen von K.*

Von dem neuen Buch sind nur 1000 Stück erschienen, davon 100 Freiexemplare für den Autor. Sein alter Verlag Hanser hatte es abgelehnt, das Buch zu publizieren. C. H. Beck wollte es daraufhin auch nicht drucken, weil das dann wie eine Anti-Hanser-Aktion ausgesehen hätte. Jetzt hat es ein von Jürgen Zimmer vermittelter Kleinverlag gestemmt, Wamiki, der eigentlich Kindergarten-Literatur veröffentlicht.

Bei Amazon gab es sofort drei kurze ablehnende Leser-Reaktionen und nach zwei Wochen eine lange positive. Die Zeit hat das Buch schon 14 Tage vor dem Veröffentlichungstermin zerrissen, die
Frankfurter Rundschau hat eine Zusammenfassung dieses Verrisses gebracht, die Süddeutsche Zeitung war dann nicht ganz so negativ, und die FAZ hat heute das Buch „Pädagogik, Elite, Missbrauch / Die »Karriere« des Gerold Becker“ von Jürgen Oelkers gepriesen, Hentig dabei in die Pfanne gehauen und sein neues Buch "Noch immer mein Leben" gar nicht erwähnt. Der entscheidende Satz von Oelkers und Schmoll (der FAZ-Rezensentin) besagt, dass die Staatsschulen und ihre Pädagogik schon immer den Privatschulen und allen Varianten der Reformpädagohik überlegen gewesen seien. (Warum? Auch in der Nazizeit und den 50er Jahren?) Und von Hentig und Hellmut Becker hätten den Päderasten Gerold Becker gedeckt und zum Chefideologen der Privatschulen und der Reformpädagogik gemacht, obwohl der niemals als Pädagoge ausgebildet worden und nur ein verkrachter Theologiestudent gewesen sei.

Das Hentig-Buch widmet ca die Hälfte seiner 1350 Seiten der kritischen Diskussion all dessen, was zwischen 2010 und 2015 zum Skandal an der privaten Odenwaldschule (OSO) geschrieben wurde. Die Bücher von Oelkers und Jens Brachmann werden nicht mehr diskutiert, weil sie erst nach Abschluss des Manuskripts von Hentig erschienen sind.

Welcher Laie wird sich in diese tausende von Seiten vertiefen wollen, über die in den einen Rezensionen die Reformpädagogik (allgemein oder in ihren verschiedenen Spielarten) für den
sexuellen Missbrauch an der OSO verantwortlich machen und in den anderen die Argumente für einen Zusammenhang zwischen Reformpädagogik und sexuellem Missbrauch als unsinnig zerpflückt werden?

Das Hentig-Buch ist viel besser als der Shit-Storm, der ihn nicht zu Wort kommen lassen will, aber wer wird schon 1350 Seiten dazu lesen wollen? Der Autor selbst sagt, er sei halt schon über 90 und hätte sich daher nicht mehr knapper fassen können.

Es wäre sicher schon schwer genug, gegen die öffentliche Verteufelung mit einem kurzen, prägnanten Buch anzukommen, mit 1350 Seiten in einem Kleinverlag wird es noch schwerer, egal
wie gut von Hentig argumentiert.

Ich habe inzwischen Seite 1000 bis Schluss gelesen und mir haben diese letzten 350 Seiten eingeleuchtet. Aber wer wird sich schon die Mühe machen, sie zu lesen und sich in diese Streitigkeiten hineinziehen lassen?

*K. steht für Kunde

Bücher von Hartmut von Hentig, die mich zum Nachdenken anstifteten – und auch zum Widerspruch hier und da reizten:

paff
Hanser / vergriffen

War die gelbe Reihe Hanser nicht legendär? Und einer der herausragenden Autoren war Hartmut von Hentig mit seiner Modellschule in Bielefeld. Und in der Tat, wenn man die Werkeliste bei Hanser aufklappt, sieht man, wie viele berühmte Titel er unter dieser Flagge hervorgebracht hatte, angefangen mit „Paff, der Kater“ (vergriffen). Vier Titel sind lieferbar geblieben, aber die Verlagsseite sieht traurig aus.  Sein Reclam-Bändchen mit dem „Plädoyer für die Wiederherstellung der Aufklärung“ (1986) werde ich mir mal endlich vornehmen. Wegen der Aufklärung (Enlightenment) hatte ich es für die heimische Bibliothek gekauft. Mir ist auch Hentigs Zusammenarbeit mit Ivan Illich noch in lieber Erinnerung.

Zuletzt hatte ich „Bewährung“ (2006) gelesen, und obschon mir das von ihm beschriebene Modell vom Ansinnen her durchaus gefällt, nämlich Jugendliche tätig werden zu lassen, statt sie nur schriftlich zu schulen, kann es meinen Argwohn gegenüber jeglicher Art von einer Erziehung nicht zerschlagen, die Jugendliche aus dem alltäglichen Gemeindeleben heraushebt. Ich finde ja, Schule dürfte nur bis zum Mittag dauern, und wir sollten die Gesellschaft entsprechend gestalten, dass für den Rest des Tages alle Generationen koexistieren können, die Arbeitenden an der Seite der „Müßigen“ und die dazwischen. Das ist meine Utopie.

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2 Kommentare zu „von Hentig; Noch immer Mein Leben (EA 2016)“

    1. „Das Hentig-Buch widmet ca die Hälfte seiner 1350 Seiten der kritischen Diskussion all dessen, was zwischen 2010 und 2015 zum Skandal an der privaten Odenwaldschule (OSO) geschrieben wurde. Die Bücher von Oelkers und Jens Brachmann werden nicht mehr diskutiert, weil sie erst nach Abschluss des Manuskripts von Hentig erschienen sind.“ – urteilen Sie selbst.

      Ich schätze, die Auffassung von Stan Nadolny trifft’s, dass von Hentig mit den Enthüllungen der schwerwiegenden kriminellen Übergriffe Gerold Beckers ahnungslos konfrontiert wurde, die zuvor – bis in die 80er – im Zeitgeist der sexuellen Enthemmung und allgemeinen Desorientierung und später anschließendem schlichten Desinteresses – bis Ende der 90er – verborgen geblieben waren.

      Dieser Blogeintrag soll auf den Reichtum von Hentigs Denken und Wirken hinweisen, der offenbar ausradiert wird in einem Klima der Lynchjustiz, was ich eine Schande finde.

      Gefällt 1 Person

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