„Die vergessene Moderne“

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Kröner

Jörg Schuster über Deutsche Literatur 1930 – 1960 bei Kröner *

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Jakob van Hoddis, von Ludwig Meidner
in: Menschheitsdämmerung

* Kröner Titel  im Laden

Eines mal vorweg: es steht eine Menge in diesen 200 Seiten, anregend, vielseitig, vertiefend. Ich hatte erst mal schnell nachgeguckt, ob [Erich von Nossack] Hans Erich Nossack drinsteht, der für B* so wichtig ist und allenfalls ab und an mal im Fenster der Bücherhalle auftaucht aus allgemeinem Vergessen. Nein, nicht meines Wissens. Ricarda Huch? Fehlanzeige. Marie Luise Kaschnitz? Nichts. Na, was steht nun drin zur Moderne?

„Ich […]  begnüge mich in bewusster Vereinfachung und Reduktion mit einigen Andeutungen, vor allem im Blick auf einige exemplarische Texte.“

Und das tut er, angefangen bei Nietzsche und Hofmannsthal bis hin zu Celan und Eich, und dazwischen lauter ziemlich Untergegangene – oder hat irgendjemand Peter Huchel, Horst Lange, Friedo Lampert gelesen? Die standen in den späten Sechzigern nicht einmal in meinem Schul-Lesebuch, wohl aber Elisabeth Langgässer, Oskar Loerke, Jakob van Hoddis (dank des legendären Rowohltbändchens „Menschheitsdämmerung„, hrg. von Kurt Pinthus).

Das erste Textbeispiel ist „Vorfrühling“, von Hugo von Hofmannsthal, und Schusters Ausführungen dazu:

Aus dem Spannungsverhältnis zwischen der relativen Beliebigkeit der ›souverän‹-autonomen einzelnen Wörter und deren ästhetischer Aufhebung im Rahmen eines artifiziell-poetischen Einheitsprinzips (Wind) entsteht ein Effekt des Rätselhaft-Bedeutungsvollen – wir verstehen nicht, was das alles bedeuten soll, wir verstehen aber, dass es sehr bedeutungsvoll ist.

Ich fand, was er sagte, klug, wie er es sagt, mühsam. Mit einem Seufzer kam wieder die Frage hoch: Warum können Deutsche nicht einfach sagen, was sie meinen? Aber wie gesagt, es lohnt sich, die Mühe auf sich zu nehmen und in den Jargon hineinzufinden, weil es nicht Gerede ist, sondern Schuster wirklich vieles zu sagen hat.

Der Band von trauriger Aktualität. Kommen doch für viele Schriftsteller Fragen auf: soll ich ins Exil, soll ich Stellung beziehen, soll ich ins Geheimnisvolle oder Parabelhafte ausweichen? Soll ich Gegenwelten schaffen? Soll ich schweigen?

schuster
Kröner

Geben wir das letzte Wort noch einmal Jörg Schuster:

„Welche Bedeutung man solchen auf der Ebene der Textverfahren bestehenden Kontinuitätslinien [wie die der literarischen Moderne] im Vergleich zu politisch-zeithistorischen Erklärungsmodellen im Rahmen der Literaturgeschichtsschreibung zumisst, ist eine Frage, die nicht pauschal beantwortet werden kann; ganz im Gegenteil sollte sie stets aufs Neue so differenziert wie möglich diskutiert werden. Wenn ich versucht habe, diese formalästhetische Kontinuitätslinie stark zu machen, so – in bewusster Ausklammerung sehr vieler anderer Aspekte, Autoren und Texte – um aus diesem Blickwinkel heraus auf Texte einer vergessenen Moderne aufmerksam zu machen, die nicht so ganz vergessen werden sollte.“

siehe auch:

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1 Kommentar zu „„Die vergessene Moderne““

  1. Tsk, wie konnte das passieren!? Kenner B* interpretiert’s gütigerweise als ironisch so gewollt – ‚Dass Du meinen Hans „Erich von Nossack“ nennst, hätte dem „Revolutinär alter Schulung“ wohl gefallen.‘ – aber es soll natürlich heißen: Hans Erich Nossack.

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