Die „kleine, gelbe Broschur“

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Reclams Ständige Vertretung mit wechselnden Bänden

Beim Blättern im Magazin meines Padrone, des ‚Börsenverein des Deutschen Buchhandels‘, lese ich stets mit Vergnügen die Glossen von Jochen Jung (Jung & Jung Verlag). Im ‚Börsenblatt Heft 31‘ stieß ich auf diese Stelle:

Und warum sollte man absichtlich und vorsätzlich schlechtere Literatur lesen (und verkaufen), wenn es bessere reichlich gibt? Egal, ob es eine kleine gelbe Broschur ist oder ein schön gebundenes Buch.

Ah, mit kleiner, gelber Broschur kann nur Reclam gemeint sein – obwohl die Reihe SuKuLTuR Erwähnung daneben verdient. Leider stoße ich immer noch auf Zeitgenossen, denen Reclam ein Graus ist, weil sie damit gräßlich-langweilige Unterrichtsstunden verbinden. Ein Jammer. Vielleicht könnte der Verlag einen reisenden Therapeuten stellen, der beispielsweise zu Messezeiten in Leipzig und Frankfurt, etcetera, Betroffene von diesem Leiden befreit. Was ich als Buchhändler da tun kann, tu ich gern.

Was Herrn Jungs Frage betrifft, so erwartet er von uns, dass wir uns etwas auf die Hinterbeine setzen, „schwierige“ Literatur unter die Kunden zu bringen:

[E]s wäre eine Schande, wenn der Buchhändler ganz vergessen würde, warum er gegenüber den meisten Händlern den Vorteil des verminderten Mehrwertsteuersatzes hat.

Mir missfällt diese Unterscheidung zwischen schlechterer und besserer Literatur. Wer kann da urteilen? Was nützt es, wenn man hervorragende Literatur in Reclam-Form für miserablen Unterricht verwendet, und dabei dem Schüler die Beziehung zur „besseren“ Literatur und wohlmöglich zum Lesen überhaupt vermasselt? Ich hatte Kunden glücklich von ihren Lektüren sprechen hören, wo ich im Stillen mit Graus an das betroffene Buch dachte. Warum sollte ich deswegen ihre Freude trüben? Höchstens kann ich den Geschmack ein wenig erziehen mit Nachfolgelektüren, aber sanft, sanft. Die Beziehung zum Buch ist wichtig, auch meine als Buchhändler; und da lob‘ ich mir die Freiheit, aussuchen zu dürfen. Anderes bestelle ich – bis auf extreme Ausnahmen – gerne und ohne Grimassen. Jeder nach seiner Façon.

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