Von den Lesestunden im Grünen, Teil 1

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Kleistpark, Schöneberg
Bild: Liptau, Berliner Woche / Quelle: berlin.de

Sommerferien Matinée

bote
Sommerferien Matinée
Juli 2016
Mit Büchern unter die Leute

Die ersten fronfreien Tage, die mir Mußestunden über Mittag bescherten, feierte ich mit einer Serie öffentlicher Lesestunden von Autoren, die an den Tagen zwischen dem 23. und 27 Juli Geburtstag hatten; das war das Sommerferien Matinée (hier das PDF).

Mit den eingeladenen Gästen klappte es nicht ganz, und so war es hauptsächlich ein Solounternehmen mit offiziellem Anstrich. Es gab einen selbstfabrizierten Aufsteller, auf dem Aktion und aktueller Autor angezeigt waren, und einen Flickerlteppich zum darauf Lagern, der sich schon am ersten Tag nützlich erwies.

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Samstag, den 23. Juli – Raymond Chandler

It is quite true that I wasn’t doing anything that morning except looking at a blank sheet of paper in my typewriter and thinking about writing a letter. It is also quite true that I don’t have a great deal to do any morning. But that is no reason why I should have to go out hunting for old Mrs. Penruddock’s pearl necklace. I don’t happen to be a policeman.

Ich schloß den Laden eine Stunde früher und radelte mit den drei Picador-Bänden zum Kleistpark, wo ich die gute alte Blutbuche anvisiert hatte, unter der schon Chamisso gewandelt war, als er dort noch als Kurator vom Botanischen Garten wirkte.

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Lilienfeld

Ich lagerte dann doch links davon. Das Gras war strapaziert, und Ameisen wuselten auf sandigen Blößen. Der Kleistpark ist gewöhnlich reich bevölkert; aber an diesem heißen Julitag gab es nur vereinzelte Paare, die den Blick auf die klassische Fassade des Kammergerichts kaum verstellten. Im Kammergericht hatte Sling seine Beobachtungen zu Gerichtsverhandlungen in der Weimarer Zeit aufgezeichnet, und das passt viel besser zu Chandlers Portraits von Schurken und von armen Tröpfen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten, als die düstere Vergangenheit als Volksgerichtshofs oder die Zeit als Sitz der Viermächte Kommandantur.

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vergriffene Ausgabe bei Picador (Vol 1-3)
Chandler im Diogenes Verlag

Ich wählte aufs Geratewohl eine Geschichte aus dem dritten Band, ‚Pearls Are a Nuisance‚ (1939), las aber erst das witzige und anregende Vorwort, in dem Chandler sich mit der Rolle der Groschenheftkultur bei der Krimiliteratur befasst. Die Krimigeschichte war flott und ruppig, und ich bekam einen guten Teil gelesen. Ein Glas kühler Whisky, eine Zigarre und Gesellschaft hätte alles wunderbar abgerundet. A* tauchte um Drei auf, als ich gerade zusammenpackte. Schade. Ein andermal.

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Alter St Matthäus Kirchhof
Bildquelle: Das Leben in Berlin Blog (russ)
Sonntag, den 24. Juli – Alexandre Dumas père und Robert Graves
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Bellerophon with Pegasus
Bildquelle: nyu.edu

A large part of Greek myth is politico-religious history. Bellerophon masters winged Pegasus and kills the Chimaera. Perseus, in a variant of the same legend, flies through the air and beheads Pegasus’s mother, the Gorgon Medusa; much as Marduk, a Babylonian hero, kills the she-monster Tiamat, Goddess of the Seal. Perseus’s name should properly be spelled Pterseus, ‘the destroyer’; and he was not, as Professor Kerenyi has suggested, an archetypal Death-figure but, probably, represented the patriarchal Hellenes who invaded Greece and Asia Minor early in the second millennium BC, and challenged the power of the Triple-goddess.

Auf dem Alten Sankt Matthäus Kirchplatz war es von allen Parks am schönsten. Ich war etwa bis zur Mitte vorgedrungen.  A*, diesmal pünktlich, fand mich nicht; sie hatte mich am Eingang vermutet und im Programmheft hatte sie mein schlampiges Kirch“platz“, statt „hof“, verwirrt. (Der „Matthäikirchplatz“ ist weiter weg, beim Kulturforum.) Pechös.

Überall unter Bäumen, auf grünen Rasen, luden gemütliche Bänke ein, zwischen liebevoll gepflegten Grabesstätten von weniger und mehr berühmten Toten. Insekten summten versonnen. Ein lindes, kühles Lüftchen wehte. Es roch nach Sommer. Von Dumas hatte ich „Die Drei Musketiere“ dabei, in verschiedenen Ausführungen, und von Robert Graves die beiden Pelican-Bände „The Greek Myths“ (1955) / deutsch bei Rowohlt; Die griechischen Mythen.

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Pelican Edition (vergriffen*) Bildquelle: Favourite Old Penguins Blog

Ich wählte Graves, den Anfang von Band 1., und gleich ging’s los mit Pilzverzehr – siehe die Titelabbildung mit Persephone und Demeter, zwei seligen Konsumenten. Ich hatte mich schon etwas vertieft, als es oben am ansteigenden Ende des Kirchhofs Unruhe gab. Jemand fluchte grob, ausser Sicht. Dann erschien ein schwarzlederner bärtiger Rocker auf einem Easyrider und brauste den Sandweg hinunter mit wildem Grimmen. Sowas! Die wenigen Besucher standen und starrten.

Weiter handelt das Buch vom Matriarchat, was mich an die Zeit erinnert, als ein Jesuit uns für das Katechetenamt unterrichtete – ein Kurs, den ich abbrach, wegen der pädagogischen Aspekte. Religions- und Kulturgeschichte, dafür kann ich mich begeistern. Wer weiß, vielleicht werde ich im Alter doch noch mal zur Universität gehen. Ein Feld das mich beschäftigt war beispielsweise die Figur und Rolle des Joseph. Das nur am Rande.

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Ullstein

Graves schreibt authoritativ, beispielsweise auch kritisch gegen Károly Kerényi, ist – oder zumindest war – aber selbst heiß umstritten. Diese Leidenschaft bei den Gelehrten ist auch ein Aspekt, der mir gefällt. Hierzulande kennt man Graves eher als Ranke Graves (statt ‚Grayves‘, ‚Grahwes‘ ausgesprochen), weil seine Mutter verwandt mit Historiker Leopold von Ranke war.  Berühmt ist sein Buch „Ich Claudius, Kaiser und Gott“ – wie ich das hier so hin schreibe, kommt eine innere erhabene und gestelzte Intonierung auf von humanistisch gebildeten Gymnasialabsolventen, die schon in den Siebzigern im fortgeschrittenen Alter waren – so wird Geschichte konserviert und freigesetzt, wenn Bücher ins Gedächtnis gerufen werden, die man nicht einmal gelesen hat.

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Pelican books

– old and new 1

So etwa nach einer halben Stunde stieß G* hinzu und schnappte sich Band Zwo, und zu zweit machte das Lesen doppelte Freude, weil wir uns hinterher noch etwas austauschten. Kurzum – der Einstieg in die Graves-Lektüre hat mir gut gefallen, so, wie er frischweg behauptet und erklärt und verbindet, und bestimmt lese ich irgendwann darin weiter, zumal ich auch ein Liebhaber der Pelican-Reihe bin.

1 Die Verlagsseite von Pelican Books ist zur Zeit in Deutschland nicht zugänglich, die lieferbaren Bücher kann ich aber bestellen.

Auswahl lieferbarer Ausgaben der hier genannten Autoren (matinee_bestellzettel PDF)

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6 Kommentare zu „Von den Lesestunden im Grünen, Teil 1“

    1. Kommt auf die Stimmung an. Wenn man das Buch hochhält und daraus leise liest, kommt’s auch ‚rüber. Aber vermutlich wird laut gelesen, in den Verkehr hinein die Zuhörerbühne geöffnet; vielleicht nehmen einige den Akt auf.

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  1. Schöne Sache, der Bericht darüber mitsamt Bebilderung auch. Mir gefällt der Humor, der aus der Zweiersequenz des Pelican-Signets spricht. Beim Vorlesen im September (September?) werde ich mich beteiligen, da gab’s doch ein Literaturfest, meine ich mich zu erinnern.

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      1. PS: bei der Schröerschen „World Wide Reading“ 16:00 h, „Edward Said: Literatur und Literalismus“ / „Berlin liest“ 17:00 h, aus Alexander Pope; „An Essay on Man / Vom Menschen – Of the Nature and State of Man with Respect to Society“

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