Von den Lesestunden im Grünen, Teil 2

nelly_sachs
Quelle: OTFW bei Wikimedia Comons

Sommerferien Matinée

Montag, den 25 Juli – Elias Canetti

„Was tust du hier, mein Junge?“
„Nichts.“
„Warum stehst du dann da?“
„So.“
„Kannst du schon lesen?“
„O ja.“
„Wie alt bist du?“
„Neun vorüber.“
„Was hast du lieber: eine Schokolade oder ein Buch?“
„Ein Buch.“
„Wirklich? Das ist schön von dir. Deshalb stehst du also da.“
„Ja.“
„Warum hast du das nicht gleich gesagt?“
„Der Vater schimpft.“
„So. Wie heißt dein Vater?“
„Franz Metzger.“
„Möchtest du in ein fremdes Land fahren?“
„Ja. Nach Indien. Da gibt es Tiger.“
„Wohin noch?“
„Nach China. Da ist eine riesige Mauer.“
„Du möchtest wohl gern hinüberklettern?“
„Die ist viel zu dick und zu groß. Da kann keiner hinüber. Drum hat man sie gebaut.“
„Was du alles weißt! Du hast schon viel gelesen.“
„Ja, ich lese immer. Der Vater nimmt mir die Bücher weg. Ich möchte in eine chinesische Schule. Da lernt man vierzigtausend Buchstaben. Die gehen gar nicht in ein Buch.“
„Das stellst du dir nur so vor.“
„Ich hab’s ausgerechnet.“
„Es stimmt aber doch nicht. Lass die Bücher in der Auslage. Das sind lauter schlechte Sachen. In meiner Tasche hab ich was Schönes. Wart, ich zeig’s dir. Weißt du, was das für eine Schrift ist?“

map_aDurch den Nelly-Sachs-Park führt schnurgerade ein Weg, den ich immer geradelt bin, als ich am Wochenende noch in der Mendelssohn-Remise Thekendienst versah. Da war man flugs angekommen von der Bülowstraße bei der Kirche her und auch schon wieder raus in Richtung der Mendelssohn-Bartholdi U-Bahnstation, zu der Zeit noch an lauter Brachen entlang des Gleisdreieck-Geländes. Der Park am Gleisdreieck ist lange fertiggestellt, und durch lückenlos hochragende Neubauten zwängt sich inzwischen die Flottwellstraße mit einem schmalen Streifen Himmel über sich.

park_pharus
Quelle: Pharus-Plan, Berlin
bote
Sommerferien Matinée
Juli 2016
Mit Büchern unter die Leute

Trotz all der Zugezogenen fand ich den Nelly-Sachs-Park still und fast leer vor, und diesmal betrat ich einen Teil, der mir bislang verborgen gewesen war. Überrascht stieß ich auf einen Teich, umstanden von allerlei Bäumen, und plazierte mich auf der runden Terrasse. Die Holzbank, um den Baum herumgezimmert, hatte ein altdeutsches Flair. Die Sonnenblumenkernhülsen zu meinen Füßen erinnerten mich an unsere ottomanischen „Mitbürger und Mitbürgerinnen“, wie es Willy Brandt rauchig geknarrt hätte. Der stille Teich mit den Bäumen, die ihre Äste zu ihm hinabhängten, hatte aber durchaus etwas Asiatisches, à propos Kiens Forschungsfeld. Leider dümpelte sein Wasser grün gepackt mit Algen, ein bisschen miefig, und alles wirkte etwas schmuddelig; aber auf eine Stunde Canetti ging’s recht gut.

Bücher von Elias Canetti sind in den Verlagen Hanser und S. Fischer erschienen.

Am liebsten von Canetti habe ich ‚Die gerettete Zunge‘ gelesen, seine Kindheitserinnerungen, auch die folgenden Bände. Gut gefiel mir auch ‚Die Stimmen von Marrakesch‘.

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David Levine / NYRB, September 25, 1980
Ill. zu Susan Sontag, „Mind as Passion“
über Canetti

Ja, und auch ‚Die Blendung‘ packte mich, als ich mich durch Canetti las in den Achtzigern, aber dann hatte ich die Lektüre abgebrochen. Es war zu furchtbar, was er da schrieb. Deswegen nahm ich das Buch, dachte, dort fortzulesen, wo ich aufgehört hatte, betrat dann aber doch noch einmal von vorne Kiens Welt, mit wachsender Beklemmung. Für ‚Die Blendung‘ hat Canetti den Nobelpreis bekommen. Es ist sicherlich ein großer Roman, aber, mein Gott, ist er bedrückend! Eines Tages werde ich ihn zu Ende lesen.

PS: Nelly Sachs wurde am 10. Dezember 1891 in Schöneberg geboren. Bücher von Nelly Sachs sind bei Suhrkamp erschienen.

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