Größe und Besitz – Das Henri Quatre Colloquium

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Sully-sur-Loire
Foto: Manfred Heyde, 2007 (wikimedia commons)
Willkommen, liebe compagnons im Henri Quatre Colloquium!

hqcSo viel ist geschehen, seit wir uns das letzte Mal zum Abschnitt „Der Sieger“ trafen. (siehe hqc).  Im nächsten Abschnitt wird die schöne Gabriele noch einmal gewürdigt. Vielfach bedrängt und von vielen ungeliebt wächst sie an Charakter und Tiefe und nimmt schließlich ein trauriges und tragisches Ende. (S. 650)

Grausames Abschiedgeben,
O Tag voll Schmerz,
Hätt ich nicht dieses Leben
Oder kein Herz!

Auf dem Fluß

Heinrich Mann hat offenbar große Freude daran, sprachlich alte holländische Meister oder Maler der Stundenbücher zu imitieren. Später wird Rubens als Hofmaler ein großer Teil gewidtmet. Darauf komme ich vielleicht noch zurück. Hier eine Miniatur:

Es war ein Tag, als die Wolke im Vorübersegeln etwas Regen auf das Zelt sprühte. Die Bäuerinnen hinter den Ufern verrichteten ihre Arbeit in Röcken, die sie über die Schultern zogen, die Männer bedeckten den Kopf mit Säcken, bevor sie eine Zuflucht suchten.

In ‚Der große Maulnes‘ wird eine ähnliche Regenszene beschrieben, daran erinnere ich mich noch gerne nach vielen Jahren, die vergangen sind, seit ich diesen schönen Roman gelesen habe.

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Anne de Courtenay / Madame de Sully (* 1564 † 1589)
Quelle: Histoire d’Europe

Wie die Szene zwischen Madame de Rosny und Gabriele auf der Loire, die gleich in eine ländliche Königsproklamation übergeht (S. 493 / 494), stoßen kleine Szenen im Alltag immer wieder auf große Ereignisse von staatspolitischer Tragweite.  Mich wundert ja immer, warum Menschen es sich in einer Welt voller Schönheit oft so häßlich bereiten. So auch Madame de Rosny, wie sie (mit dem königlichen Troß und uns Lesern) auf dem Schiff die Loire hinauf von Nantes nach Orleans schippert, durch Wiesen, Felder, Wälder und Hügel. »Ihr Haß gegen Gabriele, der eigentlich [de Rosnys] war, sie hatte damit gewuchert und brachte ihm den Zins.« Kurz darauf (S. 502) kommt Rosny zu Schloß und Gebiet und Titel Sully, von Gabrieles Gnaden, sozusagen.

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Quelle: Chateaux de la Loire

 

Zeit der Kriege, Zeit der Vernunft

König Henri sagt: »Die Welt ist greuelhaft, solang ich es mit ihr zu tun habe. Ließ mich’s nicht verdrießen. Krieg hab ich immer nur geführt um der Menschlichkeit willen.« (S. 511 ff.) – da meinen schon Mylord Cecil und der Prinz von Nassau, dass sie, nach dem Tod von Philipp II von Spanien, mit Henris Heer im Kampf gegen die mit Spanien verbündeten ‚Freischärler‘ rechnen können:

»Mylord Cecil, Prinz Nassau – sprechen gleichzeitig: „Abgemacht! Sie handeln. Sie sind ein großer Mann. Mag doch ihr Heiliges Römisches Reich zerfallen, ihre Heilige Kirche stürzen.“«

Aber nichts da. Obwohl Prinz von Nassau ‚an seinen Tränen würgt‘ – wieder eine typische Art von Heinrich Mann, historische Ereignisse beinahe kasperlehaft über die Bühne zu bringen – entscheidet Henri:

Ich bin nicht der Herr des Schicksals und würde mich vermessen, wollte ich die anderen Länder bewahren vor dem großen Religionskrieg, den dieses Land durchgekämpft hat und hat ihn überlebt. Mein Königreich hat aus seiner langen Verwüstung eine neue Neigung zur Vernunft davongetragen: die will ich stützen, nicht abbrechen. Es hat offene Grenzen, vernachlässigte Festungen, seine Flotte ist in schlechtem Zustand, mehrere seiner Provinzen sind vom Krieg in Einöden verwandelt. Es ist nötig, wenn mein Volk Essen und Kinder haben soll, daß ich abrüste.

Einige seiner Reformen (S. 527): »In [Gabrieles] Park, an sie gelehnt, verordnet er, daß im ganzen Königreich bei strenger Strafe niemand mehr sollte Feuerwaffen tragen dürfen, auch nicht die kleinen Pistolen, die jetzt aufkamen. Das ist die öffentliche Sicherheit, was läge an ihr den Mächtigen oder den Glücksrittern. Alle arbeitenden Stände sind einverstanden mit diesem König.« Weitere Reformen sind unabhängige Gerichte, Richter auf Lebenszeiten und »er verbietet den Familien, die schon zu viel besitzen, die reichen Heiraten«.

Von der neuen Welt

Erstmals werden Frankreichs Interessen an Gebieten auf dem amerikanischen Kontinenterwähnt. Wer neue Länder regieren will, teilt sich grob in zwei Typen: die Plünderer und die Utopisten. Wir lernen François de Bassompierre und Marcus Lescarbot in einer Schenke kennen, wo sie dem Volk auf den Zahn spüren, dem ein fernes weißes Land voll Eis und Schnee vorschwebt. Lescarbot hat Neufrankreich bereist und sagt ihnen:

»Menschen sind hier, die keine Arbeit finden und nicht satt essen - entlassene Soldaten und der Überschuß der Handwerker. [...] Menschen sind drüben, sie verstehen kein Gewerbe und beackern wenig Boden. [...] Die Menschen drüben, die Menschen hier, unser König hilft beiden. [...] Dürfen wir die Länder, die Neufrankreich genannt werden, dürfen wir sie denn besetzen, ihre Bewohner berauben? Nein. Sondern wir wollen ihre Freundschaft erobern, bis sie unseresgleichen sind. Sie ausrotten, wie der Spanier getan hat, wir haben es nicht im Sinn mit den fernen Völkern. Wir halten das Gesetz der Gnade und des Mitleids, nach dem Wort unseres Heilands: Kommt zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch trösten, nicht aber euch ausrotten, das ist die Meinung des Herrn, und keine andere hat unser König.«

Mit diesen schönen Worten laß ich es fürs Erste gut sein. Auf der Colloquium Seite haben sich noch diverse Beiträge zu den vorherigen Abschnitten eingefunden, auch eine Aufforderung von der literarischen Seite ‚tell‚, Henri Quatre zu lesen.

Kommentare und Beiträge sind stets höchst willkommen.

Alle Seitenangaben sind aus der Studienausgabe bei S. Fischer von Heinrich Mann; Die Vollendung des Königs Henri Quatre

Bilder:

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