Von den Lesestunden im Grünen, Teil 3

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Im Anflug auf den Heinrich-Lassen-Park
Aussicht vom Turm im Rathaus Schöneberg
Foto: A.Savin (Wikimedia Commons)

Sommerferien Matinée

Dienstag, den 26. Juli – Aldous Huxley und George Bernard Shaw
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Postkartenfoto, das ganz gut die Stimmung wiedergibt Quelle: „Kiezpostkarte

Es war ein warmer und sonniger Tag, und der Rasen des Heinrich-Lassen-Parks war getupfelt mit Familien und Freunden, die sich in Gruppen lagerten. Linkerhand räkelte sich eine Yoga-Schar. Rechts umgab einen betagten Hippie die Aura einer friedfertigen, mußevollen Welt. Auf dem schattigen Gehege des Spielplatzes – dieser organisierten gesellschaftlichen Freizeitinstitution – tummelten sich die Kleinen unter der Obhut ihrer Erziehungsberechtigten, und ganz unten hin zur Belziger Starße hatten sich zwei größere Clans niedergelassen. Von dorther schoß das quirlige Leben die Wiese herauf in Gestalt eines Dreikäsehochs, der mit hellem Glucksen Reißaus spielte, der Papa in stetem großen ruhigen Schritt hinterher. Der kleine Kerl war wie ein Junghähnchen zwischen den drei großen Bäumen und wieder zurück, hinunter Richtung Basislager.

So richtig bequem ist es mir auf flachem Rasen nicht. Es erinnert mich an Schilderungen von Romantikern, die sich im lichten Wald Gedichte vortragen und dabei von Tannennadeln und Ameisen gepiekst werden. Aber ich kam dann doch ins Lesen.

Dies sind Ausgaben der beiden Exemplare – natürlich schon seit langer Zeit vergriffen – die zu Hause im Regal stehen. Auf Aldous Huxley hatte ich keine Lust, auf Shaw schon, wobei bei der „Autobiographie“ der erste Band fehlt und beim zweiten Band, ‚The Playwright Years‘, der Schutzumschlag. Autobiographie in Anführungszeichen deshalb, weil Stanley Weintraub aus den diversen Schriften mühsam eine solche zusammengestellt hat.

The strategy of weaving such first-person material, with varying tones and intentions, into an autobiographical narrative offers perplexing challenges, although all of Shaw’s words in the narrative are words which were originally intended to present him in public print or actually published.

(from the preface by the Editor)

Wagner, Shaw und andere Bewunderer

Der Tag im Heinrich-Lassen-Park liegt nun schon einen Monat lang zurück, und ich hätte schwören können, dass ich im Band gelesen hatte, was Shaw zum ‚Ring‘ Wagners zu sagen hatte; aber jetzt, wo ich noch mal das Kapitel 1 aufschlage, überschrieben: Theater für Puritaner (‚Plays for Puritans‘), fällt mir ein, dass ich seine Opernrezension anderswo gelesen hatte, aber wo? Lieferbar ist ‚Ein Wagner Brevier‚ jedenfalls als Bibliothek Suhrkamp Band (Ü: Bruno Vondenhoff).

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David Levine, „George Bernard Shaw“ im NYRB Reader’s Catalogue / S. Fischer / Berenberg

Shaw hat es auch nicht geschafft, mich für Wagner zu erwärmen, zumal die im Fischer Taschenbuch ausgelassenen Ausführungen zu Siegfried als Exponat des erstrebten triumphierenden Heroengeschlechts mir das Grausen verursachten. Kurz vermerkt sei noch der lesenswerte Zeitzeugenbericht aus den frühen Tagen auf dem Grünen Hügel in Bayreuth, der in den Aufzeichnungen der Else Sohn-Rethel zu finden sind. (Herausgegeben von Hans Pleschinski, bei C. H. Beck).

Drama für die Bühne, Drama als Lesestoff

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Penguin

Im Kapitel ‚Plays for Puritans‘ las ich mit Interesse, wie Shaw wieder dafür sorgte, Theaterstücke lesbar zu machen. Zu seiner Zeit fand er Dramen immer als Auszüge für die einzelnen Rollen gedruckt, gespickt mit Regieanweisungen. Shaw verbannte diese aus dem Text.

Grant Richards, who was then starting in business, published two volumes of plays written in this manner; and their success practically re-established the public habit of reading plays, […]

Nachdem ich mich in meiner Jugend durch etliche Reclams Ibsen und Storm Dramen gelesen habe, kann ich nur bestätigen, dass für den Durchschnittsbürger in der Kleinstadt, der sich eine Reise nach Düsseldorf zum Theaterbesuch kaum leisten kann, es eine Geschenk ist, die Bühne in seinen Kopf zaubern zu können mit Hilfe kleiner gelber Taschenbücher. Beim Vorlesen am Montag lesen wir bekanntlich Dramen mit verteilten Rollen, von Shakespeare und anderen (z. Bsp. Georg Kaiser, Friedrich Hebbel, –  Shaw noch nicht, aber das läßt sich ja machen); es ist jedesmal eine anregend verbrachte Zeit.

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Quelle: The Morningside Players, NY
aus der Spielsaison 2012-13

Bei den drei Dramen kam ich, nach dem Vorwort des Herausgebers und dem von Shaw selbst, nur noch bis zum ersten, ‚The Devil’s Disciple‘, 1897 (Der Teufelsschüler/ Ü: Hans Günter Michelsen für das Volkstheater Wien,  1971), in dem ein junger Kerl, Dick Dudgeon, unter der harten Fuchtel seiner Erzpuritanischen Mutter aufwächst. (S. 11)

In such a home the young Puritan finds himself starved of religion, which is a most clamorous need of his nature. With all his mother’s indomitable selffulness, but with Pity instead of Hatred as his master passion, he pities the devil; takes his side; and champions him, like a true Covenanter, against the world.

 

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6 Kommentare zu „Von den Lesestunden im Grünen, Teil 3“

    1. hurra, die Seite ist zurück! Ich hatte immer wieder mal gesucht und nichts gefunden. Hab‘ die Seite jetzt neu verlinkt. Vielen Dank, Meinolf! Heute hat Apollinaire Geburtstag, wie ich übrigens sehe.

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      1. Neulich, als mir in Moabit Yvette die Haare schnitt, lag auf einer rund um einen Baum geschlagenen Bank Oscar Wildes „Salome“ (1891), das ich mitnahm. Vielleicht lese ich das mal. Der Stoff war zu Ende des 19. Jahrhunderts wohl sehr beliebt. Früher oder später werde ich auch auf Peter Szondis „Theorie des modernen Dramas“ zurückkommen.

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