Anderson; Winesburg, Ohio

anderson
Schöffling & Co. / Suhrkamp / The Modern Library
Der junge Mann ließ sich von seinen Träumen davontragen, eine Neigung, die bei ihm immer stärker wurde. Für sonderlich schlau hätte ihn ein Beobachter jedenfalls nicht gehalten. Er schloss die Augen, lehnte sich ins Sitzpolster zurück und gab sich den Kleinigkeiten hin, die ihm durchs Gedächtnis schwirrten. So verharrte er eine ganze Weile, und als er sich irgendwann aufsetzte und wieder aus dem Zugfenster sah, war das Städtchen Winesburg verschwunden und sein Leben dort nur mehr ein Hintergrund, uf dem die Träume seines Mannesalters gemalt werden sollten.
Übersetzung von Mirko Bonné, 2012, bei Schöffling & Co. (S. 273 / 274)
******* Immer tiefer und mit wachsender Begeisterung gab er sich seinen Träumereien hin. Wer den jungen Mann gesehen hätte, würde ihn nicht für besonders schlau gehalten haben. Er schloß sogar die Augen und lehnte sich auf seinem Platz zurück, um sich all diese Kleinigkeiten besser ins Gedächtnis zurückrufen zu können. So blieb er lange Zeit, und als er sich endlich aufrichtete und wieder aus dem Wagenfenster sah, war die Stadt Winesburg längst verschwunden, und das Leben, das er dort verbracht hatte, war nichts mehr als ein Hintergrund, auf den die Träume seines Mannesalters gemalt werden sollten.
Übersetzung von Hans Erich Nossack, 1958, bei Suhrkamp (S. 242)

„The young man’s mind was carried away by his growing passion for dreams. One looking at him would not have thought him particularly sharp. With the recollection of little things occupying his mind he closed his eyes and leaned back in the car seat. He stayed that way for a long time and when he aroused himself and again looked out of the car window the town of Winesburg had disappeared and his life there had become but a background on which to paint his dreams of his manhood.“ (from Winesburg, Ohio)

Heute hat Sherwood Anderson Geburtstag. Er wurde 1876 in Camden, Ohio, geboren.

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Des Schriftstellers Almanach
Aus Petri Liukkonens Authors’ Calendar für den deutschsprachigen Leser
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Sein dritter Roman, Winesburg, Ohio, war "halb einzelne Erzählungen, halb Novelle", wie der Autor ihn selbst beschrieb. Er bestand aus dreiundzwanzig themenmäßig untereinander verwandten Skizzen und Geschichten. Anderson setzt entscheidende Episoden im Leben seiner Personen in Szene; er schreibt in einfacher, realitätsnaher Sprache, aufgehellt mit einem gedämpften Lyrikton.  "Mein eigenes Vokabular war klein", sagte Anderson mal. "Ich kannte weder Latein noch Altgriechisch, auch nicht Französisch. Wenn ich an irgendetwas heranwollte in meinem Schreiben, wie delikate Schatten von Bedeutung, so mußte ich mich mit meinem sehr beschränkten Wortschatz begnügen." In vielen seiner Geschichten ist eine Moral hineingewebt. Die Erzählung wird zusammengehalten mit der Erscheinung von George Willard, einem jungen Reporter, der gegen die Enge des Kleinstadtlebens aufbegehrt und der als Kontrapunkt zu den anderen Menschen in der Stadt agiert. 
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anderson_levine_nyrb
by David Levine
NYRB
Anderson gehörte zu den ersten amerikanischen Schriftstellern, die auf Freuds Theorien reagierten, und seine besten Arbeiten hatten Einfluß auf ziemlich jeden wichtigen Autoren der nächsten Generation. Er unterstützte auch William Faulkner und Ernest Hemingway in ihren schriftstellerischen Ambitionen, obschon sie sich später gegen ihn wendeten. Hemingway schrieb eine Parodie auf Andersons Stil mit Die Sturmfluten des Frühlings (1926). Stein fand, dass Anderson ein "viel originellerer Schriftsteller" sei, als Hemingway.
(frei übersetzt nach Petri Liukkonen / Authors' Calendar)

vignettePS:

Lange hatte ich schmerzlich die Seite von Petri Liukkonen vermisst, als M* mir sagte, dass Authors‘ Calendar sehr wohl im Netz sei, nur unter neuer Adresse. So ist es! Jetzt bin ich von Herzen froh und nehme den Geburtstag eines meiner Lieblingsautoren zum Anlaß für ein comeback. Ich übersetze immer so gut ich kann, oft auch im Fluge zwischen Buchhändlertätigkeit und Aufbruch zur Über-Mittag-Arbeit. Im Text unten ist beispielsweise ein kniffliger Satz:

"Written in a simple, realistic language illuminated by a muted lyricism, Anderson dramatized crucial episodes in the lives of his characters."

Wer eine bessere Übersetzung hat, bitte im Kommentar mitteilen. Wer englisch kann, sollte sowieso das Original lesen, weil ich auch oft nur kleine Auszüge übersetze, und weil man überdies auf Liukkonens Seite die vollständige Bibliographie findet.

Bei der Gelegenheit entschuldige ich mich auch mal für Tipfehler und sonstige Fehler von der schwerwiegenderen Art. Korrekturen arbeite ich gerne ein.

PPS: Clara Schumann hat heute übrigens auch Geburtstag. Sie wurde 1819 in Leipzig geboren.

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