Für Mußestündchen, bei Suhrkamp und Reclam

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Suhrkamp / Insel (14,00 €)/ Reclam (3,95 €)/ Reclam (3,00 €)/ Reclam (5,00 €)/ Reclam (kostenlos)

Mit einem Satz hinein

Nun geht es selbst mit dieser, spät ins Jahr hineingerutschten, Hitze vorüber. Die Tage werden kürzer; das Laub raschelt im Wind. Hier also ein Quartett an Büchern voll mit Gedichten und kurzen Texten, über die man nachsinnen kann – und ein Katalog, zum Stöbern und Lust bekommen, gratis dazu.

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Ulrich Moritz; Meeresschnecken, 2007 (21 x 18 cm) / Aquarell
Titelillustration zum Band 1427 aus der Insel-Bücherei

Ich habe sie vom Strande aufgelesen. Sie fiel mir auf, weil sie kein gestaltloses Ding, sondern ein Gegenstand war, dessen Teile und Ansichten mir alle in gegenseitiger Bindung und Abhängigkeit, mit solch lieblicher Einheitlichkeit auseinander aufzutauchen und ineinander zu zerfließen schienen, daß ich nach einem einzigen Blick die Aufeinanderfoge aller Offenbarungen der Gestalt zu erfassen und vorauszufühlen vermochte.

aus: Paul Valerie; Der Mensch und die Muschel (S. 68), in der Werkausgabe, Bd. 4 (vergriffen), übersetzt (vermutlich) von Bernhard Böschenstein/Ernst Haerle/Kurt Leonhard u. a.

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Ferdinand Hodler; Kastanienallee bei Biberist (1898)
Öl auf Leinwand / 38 x 55 cm / in Privatbesitz
Bildquelle: Wikimedia commons
gebunden oder kartoniert – Der Herst auf 85 Blättern bei Reclam

Herbst

September sitzt auf einer hohlen Weide,
Spritzt Seifenblasen in die laue Luft;
Die Sonne sinkt; aus brauner Heide
Steigt Ambraduft.

Als triebe Wind sie, ziehn die leichten Bälle
Im goldnen Schaum wie Segel von Opal,
Darüber schwebt in seidener Helle
Der Himmelssaal.

Auf fernen Tennen stampft der Erntereigen,
Im Takt der Drescher schwingt der starre Saum.
Handörgelein und Bass und Geigen
Summt süss im Raum.

Ricarda Huch

(S. 46) aus: Gesammelte Werke. Hrg. von Wilhelm Emmerich, Bd. 5 / Kiepenheuer & Witsch, 1971 – mit Genehmigung von Alexander Böhm, Rockenberg

… und noch eins:

Es knospt
unter den Blättern
das nennen sie Herbst.

Hilde Domin
(S. 15) aus: Gesammelte Gedichte / S. Fischer, 1987

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Nikolaus Heidelbach Illustration vom Bucheinband
Oktober Gedichte bei Reclam

Herbstmanöver

Ich sage nicht: das war gestern. Mit wertlosem
Sommergeld in den Taschen liegen wir wieder
auf der Spreu des Hohns, im Herbstmanöver der Zeit.
Und der Fluchtweg nach Süden kommt uns nicht,
wie den Vögeln, zustatten. Vorüber, am Abend,
ziehen Fischkutter und Gondeln, und manchmal
trifft mich ein Splitter traumsatten Marmors,
wo ich verwundbar bin, durch Schönheit, im Aug.

In den Zeitungen lese ich viel von der Kälte
und ihren Folgen, von Törichten und Toten,
von Vertriebenen, Mördern und Myriaden
von Eisschollen, aber wenig, was mir behagt.
Warum auch? Vor dem Bettler, der mittags kommt,
schlag ich die Tür zu, denn es ist Frieden
und man kann sich den Anblick ersparen, aber nicht
im Regen das freudlose Sterben der Blätter.

Laßt uns eine Reise tun! Laßt uns unter Zypressen
oder auch unter Palmen oder in den Orangenhainen
zu verbilligten Preisen Sonnenuntergänge sehen,
die nicht ihresgleichen haben! Laßt uns die
unbeantworteten Briefe an das Gestern vergessen!
Die Zeit tut Wunder. Kommt sie uns aber unrecht,
mit dem Pochen der Schuld: wir sind nicht zu Hause.
Im Keller des Herzens, schlaflos, finde ich mich wieder
auf der Spreu des Hohns, im Herbstmanöver der Zeit.

Ingeborg Bachmann

(S. 28) aus: Werke, Bd. 1 Gedichte. Hörspiele. Libretti. Übersetzungen. / Hrg. Koschel, Weidenbaum, Münster / Piper 1978

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Reclam Kataloge – Der Lauf der Zeit: 1988 und 1915
Der Herbstkatalog 2016 ist vorrätig

Inzwischen sind über 3500 Titel im Programm. Die Schröersche muß sich nicht schämen and bietet etwa 200 Titel an. Wen’s interessiert, es existiert ein sehr kryptisches Verzeichnis, Stand September 2016 (PDF). Alles andere bestelle ich gern.

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2 Kommentare zu „Für Mußestündchen, bei Suhrkamp und Reclam“

  1. Danke für die anregende Auswahl, während der Spätsommer dem Frühherbst weicht. In einem Reclam-Universal-Notizbuch hab‘ ich mir ein paar Herbstgedichte notiert.

    Herbstbild

    Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah.
    Die Luft ist still, als atmete man kaum,
    und dennoch fallen raschelnd, fern und nah
    die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

    O stört sie nicht, die Feier der Natur.
    Dies ist die Lese, die sie selber hält,
    Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
    was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

    Friedrich Hebbel

    Gefällt mir

    1. Lieber arnoldnuremberg;
      vielen Dank für das schöne Gedicht von Friedrich Hebbel. Er hat auch gute Dramen verfasst, die ich von den Reclam-Heftchen her kenne: Agnes Bernauer und Maria Magdalena. Von ihm lasen wir beim Vorlesemontag auch „Gyges und sein Ring“:

      aus dem Archiv, Mai, 2012:
      Friedrich Hebbel; Gyges Ring – Drama, gelesen mit verteilten Rollen nach einer Anekdote in Herodots Historien
      
      covert agents, Special Forces, stealth – und schon ist uns klar, wie aktuell Hebbels Theater leider bleibt: die Geschichte vom Helden unter der Fremdherrschaft, Günstlingstum, Gefälligkeiten und die innere Stimme, auf die man nicht hört. Durch ein harmlos erscheinendes „window of opportunity“ stürzen die Beteiligten bald schon in den Abgrund. Politik und Intimes verknäueln sich unentwirrbar, und der Verlauf der Geschichte eines Staates hängt ab von einer raschen heimlichen Einmischung in Angelegenheiten, die einen nichts angehen.
      In den voraufgegangenen Leseabschnitten waren wir in der Runde erstaunt, wie zugänglich dieser Klassiker ist und wie frisch seine Dialoge uns treffen. Auch Herodot ist alles andere als angestaubt. Versuchen Sie es doch mal mit Hebbel.

      Ein gutes Wochenende Ihnen,
      die Schröersche

      Gefällt 1 Person

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