Von den Lesestunden im Grünen, Teil 4

volkspark
„Berlin, Rudolph-Wilde-Park. Blick von Osten zur Carl-Zuckmayer-Brücke mit dem darunter liegenden U-Bahnhof Rathaus Schöneberg.“
Foto: Manfred Brueckels, 2009 (wikimedia commons)

Sommerferien Matinée

Mittwoch, den 27. Juli – Elizabeth Hardwick

Beinahe wäre das Lesen in der Thomas-Dehler-Bibliothek gewesen; denn es hatte geregnet und die Stadt war naß. Aber ich traf die Bibliothek verschlossen an und radelte doch noch zum Volkspark, zum Schöneberger Teil, der nach dem ersten Schöneberger Bürgermeister, Rudolph Wilde, benannt ist. Der Park lag in smaragdgrüner Frische und halbverlassen da. Ich steuerte auf eine der weißgestrichenen Bänke zu und wischte mir ein Plätzchen trocken. Dann ließ ich erst einmal meinen Blick schweifen. Es war nicht viel los auf der Carl Zuckmeyer Brücke. Irgendwann goß sich Gelb hinter die Scheiben des Viadukts: die U-Bahn hielt. Nach einer kurzen Spanne tauchte dann ein Sprengel* von Passagieren auf, der sich rasch in alle Richtungen auflöste.

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Bildquelle: Bezirksamt

Zur anderen Seite hin ist der Blick frei auf den goldenen Hirschen, weiter hinten, der hoch auf der Säule glänzt, umhuldigt von prasselnden Fontänen. An trockenen Sommertagen ist der sandige Platz ringsum mit Boule-Spielern bevölkert: die „dran sind“, in ernster Sammlung, die zuschauen, gelöst und heiter. Aber nun gab es nur zwei Ausflügler, die sich gegenseitig vor der Kulisse des Brunnens photographierten. Erst warf sich der eine in herkuläische Posen, dann der andere: stemmend, triumphierend, brüstend. Und schon waren sie wieder verschwunden.

Über der Blätterwand, die den Blick auf das Schöneberger Rathaus versperrt, reckte sich keck die Fahne und kleckste Farbe in den klaren Himmel. Alle Wolken hatten sich inzwischen verzogen, aber der Wind zauste in den Baumkronen und schickte einen leichten Schauer verspäteter Regentropfen nieder. Dann konnte ich es aber wagen, den Band der NYRB Classics Serie hervorzuholen.

*“Sprengel“ heißt eigentlich was anderes, aber ich habe es für „versprengtes Grüppchen“ umbenutzt

hardwick
Elizabeth Hardwick
Bildquelle: goodreads

Part One

It is June. This is what I have decided to do with my life just now. I will do this work of transformed and even distorted memory and lead this life, the one I am leading today. Every morning the blue clock and the crocheted bedspread with its pink and blue and grey squares and diamonds. How nice it is – this production of a broken old woman in a sqalid nursing home. The niceness and the squalor and sorrow in an apathetic battle – that is what I see. More beautiful is the table with the telephone, the books and magazines, the ‚Times‘ at the door, the birdsong of rough, grinding trucks in the street.

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NYRB Classics
»Dieses dichte, zusammengefasste einzigartige Werk wurde, als es 1979 erschien, als Roman bezeichnet. Es barg allerdings eine merkwürdige Verwandtschaft zu dieser Gattung. Es war ein Roman ohne Handlungsführung, mit einer Protagonistin, die den Namen mit der Autorin teilte und deren aneinandergereiten Umstände den bekannten Zügen von Elizabeth Hardwicks Leben folgten, ein Roman der es sich erlauben konnte, jederzeit eine beliebige Richtung einzuschlagen, der seine Aufmerksamkeit von einer Person oder Situation zur nächsten wenden, gerade so abrupt wie meinetwegen ein Filmregisseur zwei ungereimte Bilder zusammenführen könnte; ein Roman, der scheinbar seine Untrennbarkeit vom Leben erklärt, dabei zugegeben einer "der wahr erscheint, wenn doch alles darin es nicht ist." ("Ein guter Teil des Buchs," erkläte Hardwick in einem Interview aus der Zeit, "ist, wie behauptet 'erfunden'".) Sleepless Nights läßt sich als Erkundung zum Problem des Genres lesen, das Problem, Fiktion von dem zu unterscheiden, was grob als "nonfiction" beschrieben wird [wörtlich: Unfiktion, im Deutschen, nicht weniger unbefriedigend: Sachbuch], außer dass das Buch eher demonstriert, dass dieses Problem illusorisch ist.«

frei übersetzt nach der Einführung von Geoffrey O'Brien.

Bücher von Elizabeth Hardwick sind meines Wissens noch nicht ins Deutsche übersetzt. Ich denke, den deutschsprachigen Lesern könnte damit ein Geschenk bereitet werden, weil Hardwick sich als kluger Botschafter für ein amerikanisches Lebensgefühl durch die Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts erweist. Ich habe ihr Buch gerne im Park gelesen und möchte auch die anderen Titel kennenlernen.

Reading Along the NYRB
50 Jahre New York Review of Books 50 Years

nyrb_june_1979
NYRB June 14, 1979 Issue

siehe auch: Diane Johnson; Beyond the Evidence
NYRB June 14, 1979 Issue

If it is true, as seems likely and in the face of much contemporary talk to the contrary, that we know ourselves through the recognition of the otherness of others, with whom we share the condition of humans, then prose fiction can do the best that can be done for us to console and affirm. That is why, in spite of its traditional skepticism, this book brings happiness.

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