Brodskys Leseliste, 1. Karte; Teil 1

Auf seiner virtuellen Litfaßsäule hat Sinn und Form einen Beitrag von „Open Culture„, vom November 2013, ausgegraben, in dem es um Joseph Brodskys Leselisten geht.

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Joseph Brodskys obligatorische Leseliste, Seite 1, versehen mit den handschriftlichen Vermerken des Dichters.

Eine frühere Studentin bei Brodsky am Mount Holyoke College, Monica Partridge, schrieb auf dem Brodsky Reading Group blog: (frei übersetzt)

Als die Vorlesung gerade begonnen hatte, teilte er handgeschriebene Listen von Büchern aus, die jeder gelesen haben sollte, damit eine vernünftige Unterhaltung möglich würde. Damals dachte ich: 'eine Unterhaltung worüber?' [...] Mit einigen Jahren mehr an Erfahrung hinter mir verstehe ich nun, was er meinte. Intelligenter Austausch ist gut. Tatsächlich können wir etwas mehr davon gebrauchen.

Hier ist also der Anfang der Liste, und dies sind die im Laden vorrätigen Titel, alles andere bestelle ich gerne; wer will, kann gleich loslegen.

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im Uhrzeigersinn von oben links: Rowohlt / Oxford UP / 2x Reclam / Kröner / Kröner / Reclam / Reclam / Suhrkamp (Insel) / 2x Kröner / Bantam (Random)
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Gott Krishna umgeben von drei Musikantinnen im Blütenhain, Indien, Bundi-Stil, 17. Jh.
© Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst / Jürgen Liepe

Mahabharata mit der Bhagavad Gita

habe ich vor vielen Jahren gelesen, als sie noch bei der alten „Diederichs gelbe Taschenbücher“- Reihe lieferbar war. Ich erinnere mich daran, dass sie mir wie ein Nibelungenlied der Inder erschien, aber dass in die heldenhaften Episoden Lehrtexte und Weisheitssprüche eingefügt waren, eben auch die Bhagavadgita. Als wir auf dem dovegreyreader-Forum 2013 A Suitable Boy lasen, versetzten mich die hinduistischen Passagen wieder in die Stimmung jener Zeit des Bhagavadgita-lesens. Lieferbare Ausgaben sind derzeit beispielsweise die Übersetzung von Robert Boxberger (1836 – 1890) bei Reclam, eine neuere Übersetzung der Bhagavad Gītā, von Michael von Brück, ist 2007 in der Reihe Weltreligionen bei Suhrkamp erschienen, dort wurde auch die Mahabharata (Auszüge) in der Übersetzung von Georg von Simson verlegt. Der gerade erschienene Roman „Alle Farben Rot“ (Ü: Martina Heinschke, bei Ullstein), für den Laksmi Pamuntjak bei der Frankfurter Buchmesse den LiBeraturpreis 2016 von Litprom verliehen bekommt, hat auf eine der Erzählebenen offenbar auch die Mahabharata zum Thema.

Gilgamesh von Khorsabad (heute Dur-Sharrukin, Irak), ca. 706 v.Chr. / Pergamonmuseum SMB

Das Gilgamesh Epos

ist, in einer Übersetzung von Raoul Schrott von 2001, als Fischer Taschenbuch lieferbar. In der Vorderasiatischen Sammlung im Pergamonmuseum gibt es Kunst aus dem Kulturpreis zu bewundern. Gilgamesh aber habe ich noch nicht gelesen.

Das Alte Testament

ist in der King James Fassung vorrätig. Diese und die Luther-Übersetzung lese ich, allen zahlreichen Neuübersetzungen und jüngeren Bibelforschungen zum Trotz, am liebsten, nämlich der Sprache wegen. So klingt in der King James Bibel Amos, einer der mir wichtigen Propheten. Er berichtet über einen mächtig wütigen Gott, der allerlei Strafen bereit hält, um seinem Volk den Kopf zu waschen; denn:

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Amos, Kupferstich von Gustave Doré
Quelle: wikimedia commons

„I hate, I despise your feast days, and I will not smell in your solemn assemblies. / Though ye offer me burnt offerings and your meat offerings, I will not accept them: neither will I regard the peace offerings of your fat beasts. / Take thou away from me the noise of thy songs; for I will not hear the melody of thy viols. / But let judgment run down as waters, and righteousness as a mighty stream.“

(Amos 5:21-24, King James Bible S. 1003)

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„Entre Charybde et Scylla“
Bildquelle: Muséum Toulouse

Homer

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Neuübersetzung von Peter Green
University of California Press

So fuhren wir in die Enge, wehklagend: hier Skylla, drüben aber schlürfte die göttliche Carybdis furchtbar das Wasser des Meeres ein. Wahrhaftig, und wenn sie es ausspie, so brodelte sie ganz auf wie ein Kessel auf vielem Feuer, herumstrudelnd, und hoch auf flog der Schaum bis auf die Spitzen der beiden Klippen.

Doch wenn sie das salzige Wasser des Meeres wieder verschluckte, so wurde sie, herumstrudelnd, bis ganz nach innen hinein sichtbar, und ringsher brüllte fürchterlich der Fels, und unten wurde die Erde sichtbar, schwarz von Sand.

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Skylla verschlingt sechs Gefährten des Odysseus, in: „L’Odyssee d’Homere gravee par Reveil d’apres les compositions de John Flaxman (Paris, 1835)“
Bildquelle: Boston College

homer_odyssee_schSchadewaldt Übersetzung von „Die Odyssee„, vorrätig in der Rowohlt Taschenbuchausgabe. [Das Titelmotiv, in dem der heimkehrende Odysseus beim Töten der Freier abgebildet zu sehen ist, stammt von einem Fresko von Friedrich Preller, im Landesmuseum Weimar, von 1859/186 / Bildquelle: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München]

So klingt es bei Voß (lieferbar als Taschenbuch bei dtv):

Drunter lauert Charybdis, die wasserstrudelnde Göttin.
Dreimal gurgelt sie täglich es aus, und schlurfet es dreimal
Schrecklich hinein. Weh dir, wofern du der Schlurfenden nahest!
Selbst Poseidaon könnte dich nicht dem Verderben entreißen:
Darum steure du dicht an Skyllas Felsen, und rudre
Schnell mit dem Schiffe davon.

Zeitlos großartig auch Alexander Pope im Englischen:

Beneath, Charybdis holds her boisterous reign
‘Midst roaring whirlpools, and absorbs the main;
Thrice in her gulfs the boiling seas subside,
Thrice in dire thunders she refunds the tide.
Oh, if thy vessel plough the direful waves,
When seas retreating roar within her caves,
Ye perish all! though he who rules the main
Lends his strong aid, his aid he lends in vain.
Ah, shun the horrid gulf! by Scylla fly.

Vermutlich sind Pope und Voß näher am Original. Offensichtlich hat Schadewaldt sich Freiheiten genommen, aber mir gefällt’s.

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Oxford UP

Das Original mit lateinischer Übersetzung gibt es in der wunderbaren Reihe Oxford Classical Texts

siehe auch: „Odysseus lebt“ von Jens Jessen in ‚Die Zeit‘ zur Kurt Steinmann Übersetzung, Manesse (Random)

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