„Die Wallfahrt nach Kevlaar“

wallfahrt
Wallfahrt nach Kevelaer
bemalte Spanschachtel, 1985
Niederrheinisches Museum Kevelaer

Am Fenster stand die Mutter,
Im Bette lag der Sohn.
»Willst du nicht aufstehn, Wilhelm,
Zu schaun die Prozession?«

»Ich bin so krank, o Mutter,
Daß ich nicht hör und seh;
Ich denk an das tote Gretchen,
Da tut das Herz mir weh.« –

»Steh auf, wir wollen nach Kevlaar,
Nimm Buch und Rosenkranz;
Die Mutter Gottes heilt dir
Dein krankes Herze ganz.«

[…]

heine_gedichte
Reclam

Bevor die Pilgerpforte am 3. November geschlossen wird, erreichte mich heute per Bild ein Bote vergangener Zeiten. Es ist lange her, aber wenn man mit den Geschuffel vieler Pilgerschuhe auf dem Pflaster, mit dem Kerzengeruch und den Klängen der Marienlieder aufwächst, stecken die Erinnerungen tief. Als ich die Spanschachtel bemalte, war ich schon etliche Jahre fort von Kevelaer, hinaus in die große Welt. Die Kevelaerer sind mächtig stolz auf Heinrich Heines poetische Würdigung in seinem Buch der Lieder, was mich immer amüsiert; denn ist es ein gutes Ende, wenn die Marienerscheinung folgende Früchte trägt?:

Da lag dahingestrecket
Ihr Sohn, und der war tot;
Es spielt auf den bleichen Wangen
Das lichte Morgenrot.

Die Mutter faltet die Hände,
Ihr war, sie wußte nicht wie;
Andächtig sang sie leise:
Gelobt seist du, Marie!

theodor_bergmann
Theodor Bergmann (1868 – 1948)
Bildquelle: Handbuch der verfassunggebenden deutschen Nationalversammlung, Weimar 1919, Carl Heymans Verlag, Berlin

Aber wer weiß schon, bei Heine… la logique du cœur …

Auch der am Niederrhein groß gefeierte Sankt Martinstag rückt näher, und in Kevelaer wird da immer des Heimatdichters Theodor Bergmann gedacht, wenn sein zur Heimathymne erkorenes „Wor hör ek t’hüß“ gesungen wird, und über Bergmann und seine Dichtung freue auch ich mich nach all der langen Zeit und halte, was die Landschaft Niederrhein betrifft, in einer Ecke meines Herzens „dor hör ek t’hüß!“ wahr.

Wor hör ek t’hüß?

Wor hör ek t’hüß? – kent gej min Land?
Gän Baerge schnejbelaeje
Gän driewend Water träckt en Band
Voerbej an grote Staeje:
Dor, wor de Nirs doer’t Flackland gätt
Wor in dem Baend et Maisüt stätt
On wor de Keckfoars quakt in’t Lüß,
Dor hör ek t’hüß.

Wor op de Heij de Loewrek sengt,
Den Haas sprengt doer de Schmeele,
Wor ons de ricke Sägen brengt
De Aerbeijshand voll Schweele,
Wor in et Koarn de Klappros droemt,
Van Faeld on Weije rond ömsoemt
So frindlek roest et Burenhüß
Dor hör ek t’hüß.

Wor gärn de Lüj en oapen Hand
In Not de Noaber reike,
Foer Gott on Kerk on Vaderland
Noch faas ston, as de Eike.
Wor maenn’gen Drömer, maenn’ge Sock
So gut es, as den andern ok.
Wor saelde Strit on grot Gedrüß,
Dor hör ek t’hüß.

Pries gej ow Land mar allemoal
In Nord, Ost, Süd on Weste,
– Ok maenn’ge grote Noet, es hoal –
Min Laendche es et beste!
Hier stond min Wieg, hier lüjt mej ok,
So Gott well, eins de Dojeklock.
Dann schrieft mej op et steene Krüß:
Hier hört hän t’hüß!

Theodor Bergmann, 1910

 

maisueches
Theodor Bergmann; Maisüches on Heijblomme
Butzon & Bercker, Kevelaer 1948 (vergriffen)
Bildquelle: plattsatt
auch vorhanden im heimischen Buchregal – das muß auch so sein!
Prosaübersetzung nach bestem Wissen; Korrekturen allzeit willkommen.

"Wo ist mein Zuhause?

Wo ist mein Zuhause? Kennst Du mein Land?
Keine schneebedeckten Berge,
kein treibendes Wasser zieht sein Band an großen Städten vorbei;
dort, wo die Niers[*] durch das flache Land geht,
wo auf der Wiese das Gänseblühmchen steht,
und wo der Laubfrosch im Rohr quakt,
dort bin ich zu Hause.

Wo in der Heide die Lerche singt,
der Hase durch die Ackerfurchen springt,
wo uns reichen Segen die schwielige Arbeitshand bringt,
wo im Korn der Klatschmohn träumt,
rings umsäumt von Feld und Weiden
so friedlich das Bauernhaus ruht,
dort bin ich zu Hause.

Wo die Leute dem Nachbarn in der Not gerne eine offene Hand reichen,
weil Gott und Kirche und Vaterland noch fest wie die Eiche stehen.
Wo mancher Träumer, manche Einfaltspinsel
so gut ist wie jeder andere.
Wo selten Streit ist und Verdruß,
dort bin ich zu Hause.

Preist ihr allemal mein Land
in Nord, Ost, Süd und Westen.
Auch wenn manche Nuß hohl ist -
mein Ländchen ist das beste!
Hier stand meine Wiege, hier auch leutet mir,
so Gott will, einst die Totenglocke.
Dann schreibt mir auf mein steinernes Kreuz:
Hier war er zu Hause!"

[* Nebenfluß der Maas.]
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2 Kommentare zu „„Die Wallfahrt nach Kevlaar““

    1. Die Frage läßt mich ratlos, lieber arnoldnuremberg. Aus dem Text erschließt sich eine Verbindung zu Heinrich Heine (sein ‚Kevlaar‘ ist natürlich der niederrheinische Marienwallfahrtsort Kevelaer – das ae darin gesprochen als niederdeutsches Dehnungs-a) und zu meinen Wurzeln am Niederrhein. Das Foto von der Spanschachtel wurde mir gestern zugeschickt, was den Ausschlag gab.

      Tiefere Antwort ist vielleicht ein halb nachdenklich, halb spöttischer Umgang mit religiösem Brauchtum, deren Genuß in Kinderjahren ich als Geschenk empfinde, deren Gefahren im sich gängeln lassen ich aber sehe.

      Was Kultur betrifft, birgt religöses Volksbrauchtum einen ungemeinen Schatz. Ein Freund schickte als Reaktion beispielsweise ein Bild von der hölzernen, bemalten Kreuzigungsgruppe aus der Ausstellung zum goldenen Zeitalter Spaniens, die heute noch bei Prozessionen durch die Straßen getragen wird. Sie entstand zur Zeit der Gegenreformation. Bei der langen Lektüre durch die Henri Quatre Bände von Heinrich Mann wird einem klar, was der Zusammenhang mit Reformation / Gegenreformation auch an Schrecken und Unmenschlichkeiten birgt, ganz abgesehen vom Bildsujet.

      Schließlich nehm ich alles auch gerne zum Anlaß, an den weithin unbekannten Theodor Bergmann zu erinnern, der, wie ich finde, im Mundartdichter-Parnaß an der Seite von Fritz Reuter und Klaus Groth bekannt werden sollte.

      Gefällt 1 Person

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