Brodskys Leseliste, 1. Karte; Teil 3

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Joseph Brodsky
by David Levine, NYRB 1 Feb 1996
in: Coetzee; Speaking for Language; Brodskys Essays

»Sprache war für Joseph Brodsky ein Vehikel für Zivilisation, über Geschichte erhaben, langlebiger als jeder Staat. Gedichte sind ein Vehikel, Zeit umzubilden – Dichter sollten Sprache lebendig halten „im Licht von Bewußtsein und Kultur“.«

frei übersetzt, zitiert nach Petri Liokkonens Authors‘ Calendar

Language was for him a vehicle of civilization, superior to history, living longer than any state. Poems are a vehicle to restructure time – poets should keep language alive „in the light of conscience and culture.“«]

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Aischylos und Sophokles in Ausgaben von zu Hause

Aischylos

So beginnt „Die Schutzflehenden“, in der Übersetzung von Johann Gustav Droysen, durchgesehen von Walter Nestle (1939 – er starb tragisch 1945), in der Kröner Ausgabe von 1962 (nebenan im Bild):

Zeus, Flüchtlingshort, / Schau gnädig herab auf unseren Zug, / Der zu Meer von des Nilstroms Mündungen her, / Von den feinsandigen, / Aufbrach; und verlassend die heilge / Heimat, die an Syria grenzt, flohn wir [...] / Drum welch Land wohl, liebreicher denn dies, / Könnten betreten wir [...]?
aigisthos
Umschlagbild der Kröner Ausgabe von 1962
Orestes mordet Aigisthos / links Klytemnestra, rechts Elektra
Rotfiguriges Vasenbild, Berlin

In der in diesem Jahr erschienenen Ausgabe bei Kröner klingt es folgendermaßen – und mir ist nicht ganz klar, ob die Änderungen nun vom Herausgeber Bernhard Zimmermann rühren:

Zeus, Flüchtlingshort, schau‘ gnädig herab
Auf unsere Schar, die gewagt wir die Fahrt
Von des Nils feinsandigem Dünengestad;
Denn die heilige Heimat verlassend,
Die an Syria grenzet, sind wir geflohn.
[…]
Welch Land, uns freundlicher, könnten da wohl
Wir betreten, denn dies […]?

aischylos_reclam
Walther Kraus Übersetzung bei Reclam

Ich denke, es ist die Textrevision von Siegfried Müller, die ich fast genau so auch in unserer Ausgabe (ohne Jahr) vom Vollmer Verlag Wiesbaden – Berlin finde:
»Zeus, Flüchtlingshort, schau‘ gnädig herab / Auf unsere Schar, die zur See wir her / Von des Nils feinsandigem Dünengestad / Unsre heilige Heimat verlassend, / Die an Syria grenzet, sind nun geflohn. […] / Welch Land, uns freundlicher, könnten da wohl / Wir betreten, denn dies […]?«

sophokles
Sophokles zu Hause im Bücherschrank

Sophokles

2015 kam bei Kröner schon Bernhard Zimmermanns „6. gründlich überarbeitete und neu eingeleitete Auflage“ von der Wittstock-Übersetzung von Sophokles, „Die Tragödien“, heraus. So beginnt „Antigone“:

Ismene, Schwesterherz, mir blutsverwandt,
Weißt du ein Leid, von Oidipus vererbt,
Das Zeus Zeit unsers Lebens nicht erfüllte?
Nichts gibt’s von Schmerzen, nichts von Schicksalsschlägen,
Von Schmach und Schande nichts, ich hätt es denn
In deinem, meinem Leiden schon gesehn.

british_museum
The blind Oedipus being lead through the wilderness by his daughter Antigone; after Thévenin. 1802 Mezzotint
The British Museum

So heißt es von Friedrich Hölderlin in der Ausgabe von Vollmer, Wiesbaden (ohne Jahr):

Gemeinsamschwesterliches, o Ismenes Haupt! / Weißt du etwas, das nicht der Erde Vater / Erfuhr, mit uns, die wir bis hieher leben, / Ein Nennbares, seit Oidipus gehascht ward? / Nicht eine traurge Arbeit, auch kein Irrsal, / Und schändlich ist, und ehrlos nirgends eines, / Das ich in deinem, meinem Unglück nicht gesehn.
sophokles_reclam
Norbert Zink Übersetzung bei Reclam

Elizabeth Wyckoff übersetzt die Passage in der University of Chicago Press, 1954, (3rd Washington Square Press Pb Ausgabe von 1969):

My sister, my Ismene, do you know / of any suffering from our father sprung / that Zeus does not achieve for us survivors? / There's nothing grievous, nothing free from doom, / not shameful, not dishonoured, I've not seen.

O, I do like that one!

PS: Elizabeth Wyckoff scheint auch eine faszinierende Biographie aufzuweisen, wenn man der Quelle glauben kann.

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2 Kommentare zu „Brodskys Leseliste, 1. Karte; Teil 3“

  1. „… Und dieses schreibt zu manchem andern guten Rat,
    Den ihr aus Vaters Munde treulich aufbewahrt:
    Den fremden Haufen kennen lehrt allein die Zeit,
    Doch jeder übt gern an dem Zugewanderten
    Die üble Zunge; leicht spricht die Verleumdung sich.
    Drum mahn ich euch, daß ihr mir keine Schande macht
    In diesem Alter, das die Blicke auf sich zieht. …“

    Danaos, Zeile 990ff, Aischylos, Die Schutzsuchenden,
    Üs: Walter Kraus, Reclam, S. 92

    „Allen Segens Anfang heißt Besinnung,
    Was der Götter ist, entweihe keiner!
    …“
    (Schluss-) Chor, Zeile 1350, Sophokles, Antigone,
    Üs: Wilhelm Kuchenmüller, Reclam, S. 58

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    1. Ja, lieber arnoldnuremberg, Sie haben auch die Mahnung an uns heute herausgelesen in meiner Zitatwahl. Danke für die Erwähnung der Übersetzer.

      Vielleicht melden sich ja noch weitere Leser mit Lieblingsstellen. Ein gutes, besinnliches Wochenende. Die Schröersche

      Gefällt 1 Person

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