Reclam – gelb, rot, bunt

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Reclam, im Oktober aufgestockt

Gelb!

Czum zwentzigsten, Ob wol der mensch ynwendig nach der seelen durch den glauben gnugsam rechtfertig ist, und alles hatt was er haben soll, on das der selb glaub und gnugde muß ymer zunehmen biß ynn yhenes leben, So bleybt er doch noch ynn dißem leyplichen lebenn auff erdenn, und muß seynen eygen leyp regiern und mit leuthen umbgahen.

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siehe auch: Abgeworfen und Aufgesessen: Von Paulus und von Pferden

Wohl wahr, wackerer Luther! Hier zitiert aus „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ – oder eher: ‚Von der Freyheyt eynisz Christen menschen‘ – in der Studienausgabe, versehen mit dickem Kommentarteil und umfangreichem Nachwort. Aber auch so stelle ich fest, dass es ganz erfrischend ist, an die Wiege des gedruckten Wortes zu treten und, durch die Jahrhunderte hergeweht, mutige Gedanken zu vernehmen, wenn nicht als Christ, so jedenfalls als Bürger.

zur Religion / unter: Religion und Philosophie

siehe auch: Ein kleines Reclam Potpourri, mit einem weiteren „starckteutschem“ Zitat

Bis auf die Luther Fassung vom Neuen Testament (bei Diogenes) ist das alles, was derzeit von Luther vorrätig ist. Diese kleine Buchhandlung zeigt großen Mut zur Lücke, aber es gibt ja das Bestellwesen: Alle Reclam Bücher von und zu Luther bestelle ich gerne

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Als 1867 das ›Deutsche-Gewerbe-Museum zu Berlin‹ gegründet wurde und einige Exponate der Pariser Weltausstellung präsentierte, war es das erste ›Kunstgewerbemuseum‹ Deutschlands.

okt_tischDas und mehr ist zum Kunstgewerbemuseum, zu seiner Architektur, Sammlung und Geschichte zu lesen im Reclam Städteführer Berlin. Das Kunstgewerbemuseum hatte ich probeweise nachgeschlagen, weil ich jetzt ein paar mal dort war, um zu schauen. Der Städteführer protzt natürlich von weiteren Ideen für Streifzüge, lädt ein, die Stadt zu entdecken und das Gesehene zu vertiefen, kompakt genug, um mit herumgetragen zu werden als ein gutes Vademecum.

Rot!

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Bob Dylan, by David Levine, NYRB

„I hear the ancient footsteps like the motion of the sea
Sometimes I turn, there’s someone there, other times it’s only me
I am hanging in the balance of the reality of man
Like every sparrow falling, like every grain of sand.“

Das ist nun der Text ohne die Musik, ohne die Stimme von Bob Dylan, ohne die Geräusche des Konzerts, aber es lohnt allemal. Er ist nun mal ein Dichter! Reclam liefert für den Leser, der im Englischen noch auf wackeligen Füßen steht, das Vokabular am Fuß jeder Seite – eine feine Art, langsam und gründlich zu buchstabieren, auch für den, der’s schon kann.

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J’ai du bon tabac dans ma tabatière,
J’ai du bon tabac, tu n’en auras pas.
J’en ai du bon, du frais, du râpé,
Mais qui n’est pas pour ton vilain nez !
J’ai du bon tabac dans ma tabatière,
J’ai du bon tabac, tu n’en auras pas.

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aus: C. W. Jefferys; The Picture Gallery of Canadian History, Vol. 1 (Ryerson Press, Toronto, 1942 / 14th printing, 1970) – aus privatem Bücherschrank

Dies fröhlich Liedchen aus den Chansons populaires habe ich ausgewählt, weil es einen Aspekt bei der Lektüre von Heinrich Manns Henri Quatre Romane kommentiert, nämlich die Begegnung mit der „Neuen Welt“ und der Gründung von Nouvelle-France (siehe: Das Henri Quatre Colloquium).

Bunt!

Gitarre

[…] Im 9. Jh. n. Chr. erscheint (ar.) qiţāra / qīţāra bei muslimischen Gelehrten als Bezeichnung einer zwölfsaitigen Leier, die bei den byzantinischen Griechen in Gebrauch sei. Wie diese Bezeichnung später auf ein lautenähnliches Saiteninstrument im muslimischen Spanien übergehen konnte, aus dem sich ab dem 13. Jh. Vorformen der späteren Gitarre entwickelten, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. […]

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Titelillustration zu „Von Algebra bis Zucker“ Arabischer Segensspruch auf der Borte des „Krönungsmantels“ von König Roger II. von Sizilien (Wien, Kunsthistorisches Museum)

Andreas Unger, in „Von Algebra bis Zucker“ lädt den Leser zu einer (weltum-)spannenden Reise durch die Geschichte arabischer Wörter.

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"Die Welt, in die Johan Huizinga am 7. Dezember 1872 geboren wurde, war das kleinstädtische Groningen, ein Städtchen von ungefähr 42 000 Einwohnern, in dem sein Vater Professor war."

So Willem Otterspeer (* 1950, Historiker) im Nachwort: Johann Huizinga und sein „Herbst des Mittelalters„, übersetzt von Annegret Klinzmann. Hier, was Huizinga im Kapitel „Die Kunst im Leben“ schreibt (übersetzt, unter Benutzung der älteren Fassung von T. Wolff-Mönckeberg, 1923, von Kurt Köster.):

Hinter dem Auftrag auf ein Kunstwerk steht fast immer ein praktischer Zweck, eine Bestimmung für das Leben. Dadurch wird die Grenze zwischen der freischaffenden Kunst und dem Kunsthandwerk praktisch verwischt, oder besseer gesagt, sie ist noch nicht gezogen.

mechelen
Beslotenhofjes, Mechelen: „Daniël in de Leeuwenkuil“
Motiv aus dem reichen Illustrationsbestand in „Herbst des Mittelalters“

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Melonenernte. Abbildung aus „tacunium sanitatis“ – nicht ganz das Hausbuch der Cerruti, dessen Illustration den Strabo-Tiel ziert, aber auch schön und aus der Zeit, beides aus der Wiener Nationalbibliothek.
priapus
Die „Garstigkeit“ verhüllt –
statuette de Priape
Musée de Picardie à Amiens.“

De cultura hortorum

Plurima tranquillae cum sint insignia vitae,
Non minimum est, si quis Pestanae deditus arti
Noverit obsceni curas tractare Priapi.

zu deutsch, übersetzt von Otto Schönberger, in Strabo; „Über den Gartenbau“ (- sein Vita sancti Galli ist übrigens auch vorrätig):

Über den Gartenbau

Unter sehr vielen Zeichen des ruhigen Lebens ist es nicht das geringste, wenn sich einer der Kunst von Paestum weiht und es versteht, die sorgsame Gartenpflege des garstigen Gottes Priapus zu üben.

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Allen guten Menschen, die diese Blätter zu Gesicht bekommen mögen, entbiete ich, Eiúlfur Kolbeinsson, unwerter Kaplan der Kirche von Saurbær im Kirchspiel Rauðarsandur in der Barðastrandarsýsla, Gottes Gruß und den meinen.

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Islands Lanschaft und Literatur wird besungen von Wolfgang Schiffer, von dem auch das Foto stammt, auf seinem literarischen Blog Wortspiele.
"[Gunnar Gunnarsson (1889 - 1975)] studierte die Akten dieses Gerichtsfalls aus dem Jahr 1802, bevor er an die Arbeit seines raffiniert gebauten Romans ["Schwarze Vögel"] ging, der nunmehr [2015] im Taschenbuch in neuer Übersetzung [Karl-Ludwig Wetzig, 2009] vorliegt." (Reclam)

…. und schon einmal vormerken; es sind nur noch wenige Wochen: Gunnar Gunnarssons Erzählung „Advent im Hochgebirge„, übersetzt von Helmut de Boor und mit einem Nachwort von Jón Kalman Stefánsson, ist auch vorrätig.

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4 Kommentare zu „Reclam – gelb, rot, bunt“

      1. Ja, gibt es. Von Luther über die Gitarre bis zu Bob Dylan.

        „Von der Freyheyt eynisz Christen menschen“, Wittenberg 1520, mag ich, aufgrund seiner weisen Dialektik, das Zitat:
        „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“
        (hier zitiert nach Kröners Lexikon der philosophischen Werke.)

        Bob Dylan im Song „Chimes of Freedom“: „Seeming to be the chimes of freedom flashing / Flashing for the warriors whose strength is not to fight / Flashing for the refugees on the unarmed road of flight“ …

        „Von Algebra bis Zucker“ werde ich mir gerne ansehen. Im Asyl-Café kamen wir gerade darauf, dass das Wort Zucker aus dem Arabischen kommt.

        Gefällt 1 Person

      2. Das ist eine gute Antwort. Vielen Dank. Ich liebe Wörtergeschichte, und auch die angesprochene Vielschichtigkeit des Worts. Ein gutes Zitat von Bob Dylan obendrein. Solche Kommentare gefallen mir. Was Luther betrifft, – typische Form des Barock mit dem Widerspruch, der keiner sein soll – berührt er bei mir den Wunden Punkt des Gehorsams und des viel zu inflationär verwendeten Begriffs der Freiheit und verleiht allem wieder Fokus. Unsere Freiheit grenzt ja an der Freiheit des anderen, das heißt, wenn wir zwischen „Knechtschaffen“ wählen können, sie abwägen können, dann ist uns schon viel Freiheit gewährt. Das Algebra bis Zucker Buch ist eine Fundgrube.

        Gefällt 1 Person

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