Der große Plan (2) – Das Henri Quatre Colloquium

henri_rubens_death
L’Apothéose d’Henri IV et la proclamation de la régence de la reine, le 14 mai 1610
Peter Paul Rubens, ca. 1622-1625
© 2009 Musée du Louvre

[…] même aux étrangers je rappellerai que l’humanité n’est pas faite pour abdiquer ses rêves, qui ne sont que des réalités mal connues. Le bonheur existe. Satisfaction et abondance sont à portée de bras. Et on ne saurait poignarder les peuples.

Heinrich Mann läßt seinen Henri im geliebten Französisch zu uns sprechen, in der Allokution, der feierlichen Ansprache. Die Szene ist schon mitten im Barock angesiedelt: Der tote „König von Frankreich und Navarra“ spricht „von einer Wolke herab, die blitzartig den Blick auf ihn freigibt und sich wieder vor ihm zusammenzieht“; und nochmal am Ende: „Statt eines Vorhangs zieht sich die goldene Wolke vor dem König wieder zusammen.“ Das macht mich schwindeln, wegen des gleichzeitigen „blitzartigen“ und der Zeitspanne der Ansprache und dem abermaligen Verhüllen; aber wenn man Tagespolitik verfolgt, passiert dieser Sinnenzauber immer wieder mal, hast-du-nicht-gesehen. Was bleibt vom Eindruck, sind nicht unbedingt goldene Wolken.

Hier die Stelle, übersetzt von Kurt Stern in der Studienausgabe bei S. Fischer (S. 944)

»[...] selbst die Fremden möchte ich daran erinnern, daß die Menschheit nicht dazu erschaffen ist, ihren Träumen zu entsagen, die nichts anderes sind als wenig bekannte Realitäten. Das Glück, es gibt es. Erfüllung und Überfluß sind in Reichweite. Und die Völker kann man nicht erdolchen.«

In seinem Nachwort zitiert Hans Meyer folgende Stelle aus der Allokution:

J’ai été prince du sang et peuple. Ventre-saint-gris! il faut être l’un et l’autre, sous peine de rester un médiocre amasseur d’inutiles deniers.

und er übersetzt es selbst: »Ich war Prinz von Geblüt und Volk. Verdammt noch mal, man muß beides sein, sonst bleibt man ein mittelmäßiger Raffer von nutzlosen Groschen.« Wenn ich diese Fassung mit der von Kurt Stern vergleiche (»Prinz von Geblüt und Volk bin ich gewesen. Ventre saint gris, man muß das eine und das andere sein, will man nicht Gefahr laufen, ein mittelmäßiger Hamsterer nutzloser Staatsgroschen zu bleiben.«) , dann hätte ich gern die ganze allocution in Hans Meyers Übersetzung gelesen. Das nur am Rande.

hqc

Liebe compagnons vom Henri Quatre Colloquium;

wir haben nun also die letzten Seiten gelesen im großen Roman von Heinrich Mann über Henri Quatre. Damit tagt das Colloquium nicht weiter in dieser Form; aber wie schon anderswo gesagt, möchte ich das Buch nicht endgültig schließen, sondern alle Kommentarfelder offen lassen für weitere Beiträge, Kommentare, Fragen und Anregungen. Mich freut, hin und wieder von Ihnen hören.

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Louiz Mazoyer (1903-1976) oder François Suchal (?), einer der beiden Autoren in der Larousse Encyclopedia of Modern History, London, zieht ein wunderbar klares Faztit über die Regentschaft von Henri IV, das uns noch einmal blitzartig die große und lange Lektüre der beiden Romane von Heinrich Mann vorüberziehen läßt. Hier frei übertragen nach der englischen Übersetzung von Delano Ames:

larousse_allocution
Allucation, Notizen, unser etwas gebeutelter und gerne konsultierter Larousse Band

Henri IV (1598 – 1610)

»Henri IV, ein Gascogner von starkem und intelligentem Stamm, liebte die Macht; aber Witz, Güte und ein Talent zum Kompromiß bewahrten ihn davor, ein Despot zu werden. Eine anziehende Persönlichkeit verlieh ihm Beliebtheit bei Männern und Erfolg bei den Frauen, aber er wußte auch, Menschliches gut zu beurteilen. ‚Viele haben mich betrogen‘, sagte er. ‚Wenige haben mich getäuscht.‘ Er war ein Mann der Tat; und um die Stimmung des Volkes im Blick zu behalten, ritt er unentwegt durchs Königreich. Ihn ließ der Ruf unbekümmert, daß seine Regierung ’nicht nach Gelehrsamkeit, sondern nach Stall‘ röche. Sein Ehrgeiz war es, zwei Ruhmestitel zu verbinden: Befreier und Einiger des Staats.

larousse_aDie Monarchie, durch vierzig Jahre Bürgerkrieg heruntergewirtschaftet, gewann an Autorität zurück. ‚Ihr seid mein rechter Arm‘, sagte Henri seinen Rechtspflegern, ‚aber wenn der rechte Arm vom Wundbrand befallen wird, muß der linke Arm ihn abschlagen.‘ Königliche Beamte wurden in die Provinzen zu besonderen Aufgaben entsand, und die Freiheit der Städte wurde beschnitten. Der hochmütige und aufmüpfige Marschall Biron, zweiunddreißigmal verwundet, wollte immer noch glauben, daß ein bedeutender Adelsmann ungestraft gegen den König verschwören könne, aber er wurde 1602 enthauptet.

Frankreich wurde neu geordnet. Sully kümmerte sich um die Finanzen mit dem Eifer eines Buchhalters, und es gelang ihm, Gold in den Gewölben der Bastille anzuhäufen. Er führte Maulbeerpflanzungen ein, lud Fachleute aus Holland ein, um die Sümpfe trockenzulegen, ermunterte und beschützte die Bauern. Sully, der unter einem Portraits von Calvin arbeitete, versuche auch gegen den Luxus anzugehen. Der König hörte aber ebenso auf den Rat seines Handelsministers Laffemas, ein eigentümlicher Autodidakt, der den Handel aufbaute, die Einfuhr ausländischer Güter verbot bei Strafe, gehenkt zu werden, der die Seidenproduktion in Lyon und Tours voranbrachte und im Louvre Werkstätten zur Herstellung von Tapesterien einrichtete. Französische Importe nach Spanien brachten Gold aus Amerika ins Land. Einiges davon diente der Ausschmückung von Paris.

larousse_bFrankreich war jedoch nicht so glücklich dran, wie es dieser prächtige Anschein haben wollte. Die Wirtschaft war überreguliert und Unternehmergeist wurde gedämpft. Das ’sonntägliche Huhn im Topf‘ war eher eine Seltenheit, und die Steuern drückten die Bauern sehr. Versuche, Unabhängigkeitsbestrebungen in den Gemeinden zu unterbinden, riefen Rebellion hervor. Der alte Geist des Feudalwesens war immer noch lebendig. Die früheren Ligisten hatten ihre Waffen nicht niedergelegt. Die königlichen Mätressen, und Liebschaftsintriegen, warfen ihre Schatten auf den König; Alter und die Jagd nach Pläsier hatten ihren Tribut gefordert. Mit seinen Errungenschaften bereitete Henri IV. den Weg zur absoluten Monarchie; aber er hinterließ den Nachfolgern zwei schwerwiegende Probleme. Die Protestanten, denen das Edikt von Nantes von 1598 wesentliche Privilegien eingeräumt hatte, drohten zu einem imperium in imperio zu werden. Und eine neue bürokratische Gesellschaftsschicht trat hervor – die noblesse de la robe, 1904 geschaffen als, durch die Entrichtung einer neuen Steuer, Parlamentsmitglieder ihre Ämter erblich machen konnten und damit ein gesichertes Lehen erwarben. Das könnte die Monarchie in Zukunft lähmen. Ohngeacht erwachender Nationalgefühle waren die alten störenden religiösen Ideale nicht verschwunden; und die Jesuiten, siegreich über ihre Gegner in Frankreich, erneuerten dort ihren Traum vom geeinten katholischen Kaiserreich.

juelich
Belagerung der Stadt Jülich im jülich-klevischen Erbfolgebrieg 1610
Quelle: wikimedia common
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Rudolf II., gemalt von Joseph Heintz d. Ä., 1594

1610 befand Henri IV., daß sich sein Königreich genügend erholt hatte, um dem Anspruch des habsburgischen Kaisers auf die Rheinische Grafschaft von Kleve, der Pforte von Deutschland nach Holland, Widerstand entgegenzusetzen.  Im Verbund mit den protestantischen Prinzen versammelte er ein Heer und beschloß, gegen den Kaiser zu ziehen. Sein Unterfangen drohte, die Gegenreformation zum Scheitern zu bringen. Es wurde gar gemunkelt, er habe es auf den Papst abgesehen. In diesem Moment wurde Henri von einem Fanatiker gemeuchelt. Kein König Frankreichs ist je mehr betrauert worden.

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