Die blaue Blume und der Schutzgeyst (4)

sophie_ring
„Die Fotografie auf S. 227, von Friedrich von Hardenbergs goldenen Verlobungsring, ist mit freundlicher Erlaubniß des Weißenfels Museums an der Saale wiedergegeben“ – vom Imprint der Mariner Books Ausgabe, 1997, (die besserer Qualität ist als die in der 4th Edition Fassung, in der ich lese.)

Das Penelope Fitzgerald Januar Projekt

fitzgerald_levineDem Roman ist eine Illustration beigefügt. Ganz zum Ende hat die Autorin den Ring abbilden lassen, mit dem Friedrich und Sophie ihre Verlobung besiegelten (Kapitel 41: Sophie mit vierzehn Jahren).

»Zwei Tage vor Sophies vierzehnten Geburtstag, am 15. März 1796, dem Jahrestag der Verlobung - immer noch nicht autorisiert und übrigens bislang nicht einmal mit seinem Vater besprochen - ging Fritz zum Juwelier in Tennstedt, um den Ring abermals ändern zu lassen. Er solle ein winziges Ebenbild Sophies tragen, erklärte er, nach der Miniatur, die alle so enttäuscht hatte - da war nun nichts zu machen.«

von Hardenberg hatte nämlich extra einen Porträtmaler kommen lassen (Kapitel 31: Ich konnte sie nicht malen), aber vergebens.

Das ist wieder so eine Episode, die das Geheimnisvolle und Flüchtige der blauen Blume ausdrückt: das unfassbare Bildnis, das Versiegeln des Ungenügenden.

In der Diskussion auf der Seite von „The Guardian“ kam die Frage auf, was es mit der blauen Blume auf sich habe. (lljones am 10. Januar bei „The Blue Flower’s elusive magic“ – womit Sam Jordison von Hardenbergs Bild meint, aber auch Fitzgeralds Dichtung). Spontan fällt mir dazu die Suche nach dem heiligen Gral ein (Wolfram von Eschenbachs „Parzival„), nach dem Himmlischen Jerusalem (Isaak B Singers „Satan in Goray„), das El Dorado (Jakob Wassermanns „Gold von Caxamalca„) usw.

Bei Fitzgerald kommt ganz deutlich auch das Thema des Heilen auf, was an der alten Vorstellung von Platon knüpft, dass sich der Mensch allein unfertig und zerrissen fühlt und auf ein „für“ hin geschaffen ist. Es ist ein weites Feld im Roman …

Es ist aber wohl nicht die Sehnsucht von Fritz, in Sophie diese Erfüllung zu finden, sondern sie soll sein Schutzgeist sein, eine Gefährtin auf der Suche nach der blauen Blume. Bemerkenswert ist auch, dass Fritz die Tiefe ergründet, um den Sternen nahe zu kommen. (Kapitel 40: Wie man ein Salzbergwerk führt)

"Er hatte vor, praktischer Ingenieur zu werden und stieg, so oft er es einrichten konnte, in die Schächte der Bergwerke [dt. auch im Original] hinab, wobei er die grauen Bergmannsjoppe und -Hose trug."

Bergwerke spielen in der Romantik eine bedeutende Rolle, und auch in diesem Roman. Zuletzt las ich noch von Heines Exkursion untertage bei seiner Harzreise.

In Fitzgeralds sorgfältiger Komposition des Romans – *** [muß ich noch heraussuchen] in der Buchgruppe von The Guardian vergleicht es treffend, wie ich finde, mit einer musikalischen Komposition – taucht Fichte gewiß nicht von ungefähr auf. Nachts kehrt Fritz mit seinen Kommilitonen durch die Gassen heim: »Late into the windy lamp-lit autumn night Jena’s students met to fichtisieren [dt. auch im Original], to talk about Fichte and his system.« (Kapitel 8, „In Jena“)

Russell, in seiner „History of Western Philosophie“, schreibt: „[…] both, Fichte and Hegel were philosophical mouthpieces of Prussia, and did much to prepare the way for the later identification of German patriotism with admiration for Prussia.“ und vorher (S.650/651): „Fichte (1762 – 1814), abandoned ‚things in themselves‘, and carried subjectivism to a point which seems almost to involve a kind of insanity.“ All dies auf dem Hintergrund der französischen Revolution und dem folgenden Aufstieg Napoleons findet Raum im Roman und verleiht dem romantischen Streben des jungen von Hardenbergs konkrete Bezüge. In der windigen, lampenbeleuchteten jenaer Herbstszene, oben erwähnt, folgt Fritz nachdenklich hintenan und bleibt jäh stehen mit dem Ausruf: „Jetzt weiß ich, was an Fichtes Philosophie nicht stimmt: Es gibt keinen Platz darin für die Liebe.“

Aber Fitzgerald hebt besonders das Fragment von Hardenbergs hervor, das später in „Heinrich von Ofterdingen“ von Novalis gedruckt erscheinen wird, jetzt erst als Eingebung zu Papier gebracht macht es als Manuskript dier Runde. Zuerst zeigt Fritz es seiner ‚Justen‘, Karoline, der Nichte von Kreisamtmann Coelestin Just von Tennstedt, die für ihn den Haushalt führt (Kapitel 17: Was bedeutet es?). Später bekommt Sophie, die Auserwählte, eine von Karoline verfasste Abschrift (Kapitel 29: Eine zweite Lektüre):

»Sophie besaß nicht viele Bücher. Sie hatte ihr Gesangbuch, ihr Evangelium und eine Liste, mit einem Band umschlungen, von allen Hunden der Familie; manche darunter waren schon vor so langer Zeit gestorben, daß sie sich nicht an sie erinnern konnte. Diesen Büchern fügte sie nun das Anfangskapitel der Geschichte von der Blauen Blume hinzu.«

1796, nach der dritten Operation, die Sophie erleiden muß, beschließt Fritz‘ Vater, nach Jena zu reisen; „dabei wollte er möglichst viele seiner Familie mit sich nehmen und in Schlöben-bei-Jena übernachten.“ (Kapitel 48: Nach Schlöben)

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Das Gut der Hardenbergs in Schlöben
Foto: Archiv Romantikerhaus
Bildquelle: Thüringische Landeszeitung

„Der Bernhard“, der eigentlich eher unwillig mitkam, vernimmt abends im Bett in den dicken Wänden des alten Familiensitzes in Schlöben das Uhrwerk der „enormen und antiken goldenen Uhr“ die außen die Hauswand ziert. Er hat sich das Fragment aus dem Büchersack seines Bruders gefischt und liest darin.

»Seit einiger Zeit schon kam es ihm so vor, daß das Eingangskapitel von Fritz' Geschichte nicht so schwer zu verstehen war."

Die Eltern lagen schon und schliefen, die Wanduhr schlug ihren einförmigen Takt, vor den klappernden Fenstern sauste der Wind; abwechselnd wurde die Stube hell von dem Schimmer des Mondes. Der Jüngling lag unruhig auf seinem Lager, und gedachte des Fremden und seiner Erzählungen. »Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben«, sagte er zu sich selbst; »fern ab liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume sehn‘ ich mich zu erblicken. Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn, und ich kann nichts anderes dichten und denken. So ist mir noch nie zumute gewesen: es ist, als hätt ich vorhin geträumt, oder ich wäre in eine andere Welt hinübergeschlummert; denn in der Welt, in der ich sonst lebte, wer hätte da sich um Blumen bekümmert, und gar von einer so seltsamen Leidenschaft für eine Blume hab‘ ich damals nie gehört. Wo eigentlich nur der Fremde herkam? Keiner von uns hat je einen ähnlichen Menschen gesehn; doch weiß ich nicht, warum nur ich von seinen Reden so ergriffen worden bin; die andern haben ja das nämliche gehört, und keinem ist so etwas begegnet.«

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1 Kommentar zu „Die blaue Blume und der Schutzgeyst (4)“

  1. Der Roman „Die blaue Blume“ von Penelope Fitzgerald ist ein grossartiger historischer Roman und eine neuartige Sichtweise der preussischen Literatur und Geschichte des späten 18. Jahrhunderts. Fitzgerald kontrastiert bis in kleinste Einzelheiten gehende Beschreibungen des beschwerlichen, materiellen Lebens des preussischen Landadels mit romantischen Texten wie dem von der blauen Blume von Novalis (Hardenberg), die in diesem Kontext entstanden. Im Unterschied zum französischen Landadel waren Leute wie die Hardenbergs relativ arm. Dass Novalis sich mit einem dreizehnjährigen Mädchen verlobte, die zwei Jahre später an Tuberkulose starb und dass er selber keine dreissig Jahre alt wurde, passt zwar ins Bild. Noch einprägsamer sind aber Fitzgeralds Schilderungen des Alltagslebens wie die eines Waschtags (der grossen Wäsche) oder des frühmorgentlichen Frühstücks mit Kaffee aus gebrannten Rüben oder des Arbeitsalltags von Novalis als Schreiber in einem Kreisamt. Vor diesem Hintergrund bekommen seine romantischen Texte einen völlig neuen, unvertrauten Sinn.

    Die englische Autorin, die zunächst zwei biographische Werke veröffentlicht hatte, schrieb ihre neun Romane erst in den letzten beiden Jahrzehnten ihres Lebens und ihren Novalis-Roman zwischen ihrem 74. und 79. Lebensjahr. Ihre Beschäftigung mit Novalis reichte da aber bereits mehrere Jahrzehnte zurück (vgl. wikipedia: The Blue Flower). 2014 erschien eine lesenswerte Biographie Penelope Fitzgeralds von Hermione Lee (Penelope Fitzgerald: A Life).

    Fitzgeralds Roman „Die blaue Blume“ sollte jeder lesen, der sich ein Bild von Deutschland um 1800 machen will, sicher vor vielen anderen historischen Romanen, die nicht so kurz, anschaulich und prägnant sind. Sogar noch vor Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Leider ist sowohl die deutsche Übersetzung dieses Romans als Insel-Taschenbuch wie auch die Ausgabe in der SZ-Bibliothek vergriffen. Sie sollte unbedingt neu aufgelegt werden und diesen Roman nicht nur in Antiquariaten oder im englischen Original wieder zugänglich machen. Es ist selbstlos, dass die Schröersche Buchandlung auf diesen wichtigen, viel zu rasch vergriffenen Roman wieder hinweist. Hoffentlich wird sie ihn auch eines Tages wieder in ihr Schaufenster stellen und verkaufen können.

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