Romain Rolland (Teil 3)

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Klassiker und Kaffee: Romain Rolland; ‚Michel-ange‘ (Librairie Hachette, 1913) und Robert Minder; ‚Dichter und Gesellschaft‘ (Suhrkamp Tb, 1972), beide vergriffen.

Klassiker und Kaffee

Meine Französischkenntnisse sind mehr als dürftig, aber dieser Rolland ist der einzige in unserem Bestand, aus der Bibliothek der Ahnen herübergerettet. So wenig ich wortwörtlich verstand, fesselten mich doch diese ersten Sätze und ließen mich denken, daß sich in ihnen auch Rolland selbst beschreibt, widerwillig hineingeboren in grausame Zeiten.

Hier aus der Einleitung zu Vie de Michel-ange, von Romain Rolland:

rolland_michel_angeIl est, au Museo Nazionale de Florence, une statue de marbre, que Michel-Ange appelait le Vainqueur. C’est un jeune homme nu, au beau corps, les cheveux bouclés sur le front bas. Debout et droit, il pose son genou sur le dos d’un prisonnier barbu, qui ploie, et tend sa tête en avant, comme un bœuf. Mais le vainqueur ne le regarde pas. Au moment de frapper, il s’arrête, il détourne sa bouche triste et ses yeux indécis. Son bras se replie vers son épaule. Il se rejette en arrière ; il ne veut plus de la victoire, elle le dégoûte. Il a vaincu. Il est vaincu.

Cette image du Doute héroïque, cette Victoire aux ailes brisées, qui, seule de toutes les œuvres de Michel-Ange, resta jusqu’à sa mort dans son atelier de Florence, et dont Daniel de Volterre, confident de ses pensées, voulait orner son catafalque, — c’est Michel-Ange lui-même, et le symbole de toute sa vie.

deutsch von Werner Klette, bei Rütten & Loening, 1920 (vergriffen)

Im Florentiner National-Museum steht eine Marmorstatue, die Michelangelo den Sieger nannte. Es ist ein nackter Jüngling, mit schönem Körper, das Haar gelockt auf der niedrigen Stirn. Aufrecht steht er und gerade; er stützt sein Knie auf den Rücken eines bärtigen Gefangenen, der sich beugt und den Kopf wie ein Stier vorstreckt. Aber der Sieger blickt ihn nicht an. Im Augenblick des Zuschlagens hält er ein und wendet sich weg mit traurigem Mund und unbestimmtem Blick. Sein Arm schiebt sich zur Schulter zurück, er wirft sich nach rückwärts: er will den Sieg nicht mehr, er ekelt ihn an.
Er hat gesiegt. Er ist besiegt.

                                                   * 

Dieses Bild des heldenhaften Zweifels, dieser Sieg mit gebrochenen Flügeln, dieses Werk, das als einziges von allen Werken Michelangelos bis zu seinem Tode in seinem Atelier in Florenz blieb und womit Daniel da Volterra, seines Denkens Vertrauter, sein Grab schmücken wollte, — das ist Michelangelo selbst, ist das Symbol seines ganzen Lebens.

Robert Minder [lieferbare Bücher] nimmt in seinem Buch Dichter und Gesellschaft mehrmals Bezug auf Romain Rolland [lieferbare Bücher]. Beide verkörpern ein Europa, dass sich weniger aus wirtschaftlichen oder strategischen Gründen her begründet, sondern mit dem Ziel der Verständigung, von mehr Menschlichkeit und zur Förderung der Kultur im weiteren Sinne – Künste und gegenseitigem Umgang. Alle diese Bücher sollten wieder gelesen werden. Wir hatten uns am Sonntag bei Minder festgelesen in seinem Kapitel „Lüneburger Heide, Worpswede und andere Moorlandschaften“ Großartig geschrieben und zum gegenseitigen Vorlesen sehr geeignet! Zu Döblin werde ich Minder vielleicht nochmal zitieren. Ein weiteres Kapitel heißt nämlich: „Alfred Döblin zwischen Osten und Westen“.

Hier zitiert J. P. Wallmann im Verlagstext der Suhrkamp Taschenbuchausgabe von 1972 Paul Schallück, in den Zeiten des kalten Krieges – vermutlich war Vorlage dessen: Robert Minder, 1967 bei RIAS Berlin 1967:

[Minder] war ein Freund Döblins, der aus dem Osten kam und nach Frankreich zog; er hat mit vielen Schriftstellern östlich und westlich des Rheins gelebt, gesprochen, korrespondiert. Robert Minder ist kein Silbenzähler, kein Theoretiker einer bestimmten Schule, einer festgelegten Anschauung von Literatur.

Zum Glück sind viele Titel von Rolland und von Minder antiquarisch zu erwerben; aber Suhrkamp und Aufbau* sollten weitere Neuauflagen erwägen. Lobenswerterweise hatanläßlich des 150. Geburtstags im vergangenen Jahr (2016) Hans Peter Buohler bei C. H. Beck in seiner wunderbar gestalteten Reihe textura Auszüge aus den Tagebüchern von Romain Rolland – nach der alten Rütten & Loening Ausgabe ‚Das Gewissen Europas‘, übersetzt von Cornela Lehmann – unter dem Titel „Über den Gräben“ neu herausgegeben. Julia Encke hebt in ihrem Nachwort Rollands Eigentümlichkeit hervor, die auch schon Minder so beeindruckt hatte (siehe sein Zitat im vorherigen Beitrag zu Romain Rolland). Sie schreibt:

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C. H. Beck

Waren nicht die allermeisten Schriftsteller [1914] begeistert? […] Romain Rolland war nicht begeistert. […] ‚Über den Gräben‘ liest sich aus diesem Grund auch nicht wie ein Kriegstagebuch. Man findet darin nicht die Schlachtenbeschreibungen eines Soldaten, nicht den »heißen Atem des Kampfes« […]

* der frühere Rütten & Loening Verlag vertritt jetzt die Unterhaltungsliteratur im Haus

Wenn Sie gerne zum Programm „Klassiker und Kaffee“ beitragen möchten, schicken Sie bitte Text und Bild (jpeg) an info@buch-haimberger.de zur Veröffentlichung als Gastbeitrag auf diesem Blog. Es würde mich freuen.

siehe auch die Quelle der Idee: Classics and Coffee Club bei der NYRB Classics Seite A Different Stripe

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