Lauschen und Staunen – Versefest im März

ilb_versfest
Illustration von Kaatje Vermeire
ilb_versfest_banner
Internationales Literaturfestival Berlin

Hier das Grußwort vom Schirmherrn und Patron Jan Wagner, das mir sehr aus dem Herzen spricht:

Irgendwo auf dem Weg von der Kindheit zum Dasein der Erwachsenen geht etwas verloren. Wie könnte es sonst sein, dass so viele Mitmenschen mit Stirnrunzeln, nervösem Hüsteln, einem peinlich berührten Blick auf die eigenen Schuhspitzen reagieren, sobald die Rede auf Gedichte kommt – dass aber für jedes Kind die poetische Sicht der Dinge eine ganz und gar selbstverständliche ist? Wir alle kennen ja – oder haben doch einmal gekannt – die Freude am Spiel mit dem Klang, mit der Sprachmusik, ob es die Lust an der Verschiedenheit der Laute ist, die noch ohne Sinn, aber köstlich im Mund liegen und immer und immer wiederholt werden wollen, oder ob es sich um die Entdeckung handelt, dass zwei sich reimende Wörter urplötzlich in eine geheimnisvolle Beziehung zueinander treten. Dass Zauberei immer an den gelungenen Spruch gebunden ist, dass jeder Magier sorgfältig darauf zu achten hat, bei der Ausübung seiner Kunst nur ja keinen Missklang die magische Formel zunichte machen zu lassen – was wäre einleuchtender? Und nicht zuletzt tut ja jedes Kind, was auch Dichter tun: Es versucht, sich mittels der Sprache der Welt zu vergewissern, sie zu erkennen, und es nutzt dabei auch jene uralten Mittel, die Erwachsene Metapher und Vergleich nennen: Etwas ist wie ein Anderes – und wird begreifbar. Und selbst wenn es unverständlich bliebe, so hätte man doch wenigstens einen Heidenspaß dabei gehabt, es sprachlich sich wandeln zu sehen. Es gibt Lyriker, die sich weigern, in ihrem Werk zwischen Gedichten für Kinder und solchen für Erwachsene zu unterscheiden; ein bewundernswerter Ansatz, zeugt er doch von größtem Vertrauen in beide, in kindliche wie erwachsene Leser, weiß, dass die einen alles begreifen werden, und hofft, dass die anderen noch den neugierigen Blick ihrer Kindheit kennen. Drücken wir die Daumen, dass dank der Versefeier, die jetzt beginnt, die Jüngeren sich ermutigt sehen, nicht allzu schnell erwachsen zu werden, und dass all jene, die, um eine Zeile des Dichters Harald Hartung aufzugreifen, bereits aus dem Staunen herausgekommen sind, beim Lauschen schnellstmöglich wieder hineingelangen.

Advertisements

Kommentar willkommen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s