Buchhandel im Roman – Penelope Fitzgerald

big_sleep
aus der Verfilmung von Chandlers ‚The Big Sleep‘
Die Szene aus dem 5. Kapitel, in der Buchhandlung: Marlow (Humphry Bogart) trifft die namenlose, aber gewiefte Buchhändlerin (Dorothy Malone)
Bildquelle: cinemastationblog
new_yorker_p_fitzgerald
»Fitzgerald seemed set for early success, and yet published her first novel in her sixties.«
Illustration by Conor Langton © New Yorker – zusammen mit einer guten Besprechung zur Biographie von Hermione Lee, von Harald Bloom (engl)

Buchhändler lesen immer gerne über Buchhandel, was vermutlich kaum verwundert. Ich erfreute mich beispielsweise and den Erinnerungen von Sylvia Beach: ‘Shakespeare & Company’; und ich lernte Penelope Fitzgerald kennen, weil D* mir von ihr ‘Die Buchhandlung’ empfohlen hatte, deren Lektüre mir großes Vergnügen bereitete, die aber unter deutschen Lesern – mir unerklärlich – auch auf Unverständnis stößt, wie ich beim Besuch auf dem Blog Stift und Schrift von Ingrid W fand. Ich mochte die Verbindung, wie Fitzgerald eine fremde Welt in einer etwas trostlosen Kleinstadt an der Ostküste Englands schildert in der ihr gekonnten Weise von Episoden und Momenten, die Bände sprechen, und wie sie ein absurdes Modell von einer Buchhandlung vorstellt.

Lee Biography / Blue Flower / Letters / Suhrkamp Insel / Everyman’s Library / Sylvia Beach

fitzgerald_levine
Penelope Fitzgerald Projekt
Ill: David Levine, NYRB

Zusammen mit Lesern der The Guardian reading group haben wir hier The Blue Flower von Fitzgerald gelesen, worin es um die jungen Jahre des frühverstorbenen Friedrich von Hardenberg, alias Novalis geht, und die der Insel Verlag noch nicht wieder auf Deutsch aufgelegt hat. In Fitzgeralds Roman, ‘Die blaue Blume’, erscheint er als Fritz.

Die zweite Lektüre im Januar war dann ‘The Beginning of Spring’ / ‘Frühlingsanfang’, in dem Penelope Fitzgerald das Leben eines englischen Druckereibetreibers in Moskau von 1913, Vater dreier kleiner Kinder, dem die Frau davongelaufen ist. Diesen kleinen Roman lese ich – zu spät für die Guardian Gruppe – seit zwei, drei Wochenenden mit Freude und empfehle ihn gerne weiter.

sophie_ring_detail
The Blue Flower – 4th Estate Ausgabe, aus der ich zitiere

Die Buchhandlung in The Blue Flower

Es ist Frühling in den 1790ern und Zeit der großen Wäsche. Fritz hat am Abend bei den vertäuten Barken an der Fährstelle nach einer dramatischen Such- und Rettungsaktion seinen jüngsten Bruder, den Bernhard, aus der Saale gefischt und will ihn, klitschnass und lädiert wie er ist, nicht gleich nach Hause tragen, wo es unangenehme Fragen gäbe. „Unterdessen hatte er in Weissenfels viele Orte, trocken zu werden“. Er wählt Severins Buchhandlung (S. 18):

There were no customers in the shop. The pale Severin, in his long overall, was examining one of the tattered lists, which booksellers prefer to all other reading, by the light of a candle fitted with a reflector.
‘Dear Hardenberg! I did not expect you. Put the little brother, I pray you, on a sheet of newspaper. Here is yesterday’s ›Leipziger Zeitung‹.’ He was surprised at nothing.
‘The little brother is in disgrace,’ said Fritz, depositing the Bernhard. ‘He ran down onto the barges. How he came quite so wet I don’t know.’
‘Kinderleicht, kinderleicht,’ said Severin indulgently, but his indulgence was for Fritz. He could not warm to children, since all of them were scribblers in books.

frei übersetzt:

Kunden waren nicht in der Buchhandlung. Der blasse Severin in seiner Montur prüfte beim Licht der mit einem Reflektor versehenen Kerze eine der zerflederten Listen, die jeder Buchhändler den Büchern zu lesen vorzieht.
 ‘Lieber Hardenberg! Mit Ihnen habe ich nicht gerechnet. Legen Sie den kleinen Bruder, ich bitte Sie, auf einen Zeitungsbogen. Hier ist die Leipziger Zeitung von gestern.’ Ihn überraschte gar nichts.
 ‘Der kleine Bruder ist eine Schande’, sagte Fritz und legte den Bernhard ab. ‘Er rannte hinunter zu den Barken. Wie er dermaßen nass werden konnte, weiß ich nicht.’
 ‘Kinderleicht, kinderleicht,’ sagte Severin milde, aber seine Milde galt Fritz. Er konnte sich für Kinder nicht erwärmen; denn sie alle kritzelten in Bücher.

(Sollten Sie die Übersetzung von Christa Krüger zu Hand haben, würde ich mich über einen Vergleich der Stelle freuen)

Advertisements

Kommentar willkommen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s