Benedetta Craveri in Berlin und New York

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NYRB, 1994 und Berenberg Verlag, 2015

Reading Along the NYRB
50 Jahre New York Review of Books 50 Years

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Adelphi

Bei der fortschreitenden Lektüre alter Ausgaben der New York Review of Books – ich bin da noch im Jahre 1994 – stieß ich auf Benedetta Craveri. P. N Furbank bespricht dort ihr Buch, übersetzt von Teresa Waugh (Godine, 1994 – vergriffen), ‘Madame du Deffand and Her World’.

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Signum Berenberg Verlag

Deutsch lieferbar ist ein einziges Buch von Craveri, und zwar Marie Antoinette und die Halsbandaffäre. Das haben wir dem kleinen, feinen und unabhängigen Berenberg Verlag zu danken und Anna Leube, die den Band übersetzt hat.

Vielleicht wird sich der Berenberg Verlag ja auch Madam du Deffands annehmen. Von ihr hatte ich nie gehört. Zeitgenossin Voltaires, hielt sie einen angesehenen Salon in Paris und war berühmt für ihren Scharfsinn. Berlin mit seiner Rahel Varnhagen ist ein guter Verlegerort, um du Deffands auferstehen zu lassen. Craveri arbeitet heraus, wenn ich der Besprechung folge, was für eine charakterstarke und eigenwillige Frau du Deffand gewesen war. Sie lebte in einer Zeit, wo – wie Furbank kritisch zu Craveri anmerkt –

the terms "aristocrat" and also "aristocratic" and "aristocracy" (as referring to a social group, as distinct from a form of government) are French-revolutionary coinages and anachronistic in the present context. (The word "aristocrat" does not appear in Johnson's Dictionary.) The point is, I think, not just pedantic, and there is much to be gained by sticking to the historically correct terms "noble," "gentilhomme," and "noblesse." [...] what creeps in with the words "aristocrat" and "aristocracy" is [...] an anachronistic notion, anticipating the guillotine and the pathos that grew up round it in the nineteenth century, of "aristocrats" as a homogenous and beleagered group.

Buchbesprechungen in der NYRB vermitteln oft den Eindruck, daß sie in ihrer Gründlichkeit die eigene Lektüre des Buchs bereits ersetzen. Zum Glück stacheln sie aber auch an, zur Quelle selbst zu pilgern, auch aufgrund solcher Spitzfindigkeiten oder Tiefschürfereien wie dieser im Beispiel. Hier noch ein Zitat aus dem Artikel:

One is made aware, though, how extraodinarily narrow, that is to say, narrowly social, Deffand's conception of literature is. It shocks Voltaire when she writes to him: "I do not at all like to feel that the author I am reading is thinking about making a book, I wish to imagine that he is talking to me." He replies, reprovingly, that if by reading she means taking up a book as if asking for the latest news, reading it and dropping it, taking up another book with no connection with the first, and quitting that for a third, it is not going to give her much pleasure.

„To have pleasure, a little passion is needed. A great object of interest is required, a determined desire for instruction which occupies the soul continuously.“

Die NYRB liegt im Laden zum Lesen aus, kann ich aber gerne auch für Sie abonnieren.

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Tag der kleinen, feinen und unabhängigen Verlage

Dem deutschen Leser sei inzwischen also Marie Antoinette und die Halsbandaffäre empfohlen (Maria Antonietta e lo scandalo della collana). Der Berenberg Verlag präsentiert es in einem wunderbaren Halbleinenband, angereichert mit zeitgenössischen Stichen. Nicht wie der Ramancier Alexandre Dumas père, der uns auf über 1000 Seiten eine ganze Welt erschafft in seinem Roman Le Collier de la reine, sondern wie die Ginzburg Schule, die sich an das Leben und Denken von Menschen der Geschichte nähert, indem sie eingehend zeitgenössische Akten und andere Schriftzeugnisse wälzen, so bringt Craveri in einem schmalen Band von 74 Seiten eine höchst spannende und verzwickte Affäre zum Leben für uns heutige hoffentlich kritische Leser. Hier, der Leseprobe entnommen (S. 26), eine Beschreibung des Kardinals Rohan, einer der Hauptakteure in der Affäre:

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Berenberg

Das Fehlen einer religiösen Berufung hinderte Rohan nicht, seinen vielfältigen Verpflichtungen mit Anstand nachzukommen. Bestens vertraut mit irdischen Dingen, von einnehmendem Wesen und stattlicher Erscheinung, trug er den Purpur mit der lässigen Eleganz eines Grandseigneurs. Er war steinreich und frönte einer maßlosen Leidenschaft für Luxus und Prunk, sowohl als Fürst des Heiligen Römischen Reiches wie auch als Kirchenfürst. Da er die Moral seiner Zeit und seiner Kaste teilte, verschmähte er es nicht, auch schon auf Erden das Glück zu suchen.

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