Fenton über Boccaccio und das Leiden

NYRB / HarperCollins / Rowohlt (Taschenbuchausgabe – schändlicherweise – vergriffen) / Gallimard

Reading Along the NYRB
50 Jahre New York Review of Books 50 Years

Biblioteca Univ. Rizzoli

Seit einigen Wochen liegt die NYRB vom Dezember 1994 schon aufgeschlagen, bei dem kurzen Artikel von James Fenton zu einem Aspekt in Boccaccios Il Decamerone, nämlich über die Rolle der Pest in der Gesellschaft. Wer schreibt schon gerne über die Pest; und so schob ich’s vor mich hin. Aber darüberhinwegblättern und alles unterschlagen wollte ich auch nicht, weil Fenton etwas zu sagen hat und das im guten Stil. Als Fenton den Artikel 1994 schrieb, ursprünglich für den Independent, hatte es in Indien gerade einen Ausbruch der Pest gegeben1.

„Wie ich an die Pest in Indien dachte, wählte ich zur Lektüre, vielleicht überraschend, das Dekameron von Boccaccio, um zu sehen, warum die Pest einen derartigen Schrecken verbreitete, oder dies zumindest erwartet werden sollte.“

1 Thousands Flee Indian City In Deadly Plague Outbreak /NYT Artikel

Farrar, Strauss & Giroux

Vor wenigen Tagen traf auch ein Buch von Isaac Bashevis Singer ein, an dessen ersten Roman, Satan in Goraj (dt. von Ulla Hengst / Rowohlt 1969 / vergriffen), ich immer wieder mal erinnert werde, wenn es um hochgesteckte Ziele und niedrige Zustände geht. In jedem Falle geht es um eine Ausnahmesituation und wie sie sich auf die Balance gesellschaftlicher Strukturen auswirkt. Hier ist es eine chassidische Gemeinde, die zur Jahrtausendwende das Erscheinen des Messias, Sabbatai Zevi, erwartet und dass sie alle aus ihrem ärmlichen arbeitsamen Leben im Städtel auf einer Wolke nach Jerusalem fortgetragen werden sollen.

Reclam, Neuübersetzung von Peter Brockmeier, 2012

Bei Boccaccio flieht eine Schar, gemischt aus allen Ständen, das pestverseuchte Florenz, um in sicherem Abstand auf das Ende ihres Tobens zu warten. Derweil vertreibt man sich die Zeit mit ablenkenden Geschichten, in deren überbordender Lustigkeit und schrankenloser Sitte Fenton ein Echo des Schreckens lotet. Nachdem Fenton besonders die Rolle der Frauen in Boccaccios Zeit betrachtet und deren sinkende Schamschwelle, geht er auf dessen Beobachtung zum Verfall des Trauerritus ein:

An Stelle von Klage-Riten und aufwendiger Begräbnisse trat eine zynische Welt in der „allzuoft ein Trauerfall Anlass gab zu Gelächter und Kalauer und allgemeiner Heiterkeit – solcherart die Frauen, die zumeist ihre weibliche Sorge für das Heil der Seelen unterdrückten, zu einer Meisterschaft gebracht hatten.“ Deswegen barg die Pest einen solchen Schrecken, weil sie eine Art von furchterregend herzlosen und sittenlosen Frauen hervorgebracht hatte.

Klagende Frauen von der Kreuzigung Christi
Giovanni di Paolo, 1426
Bildquelle: Lindenau-Museum Altenburg

Weiter zitiert Fenton aus Boccaccio

Diese Plage hatte einen derart großen Schrecken in die Herzen der Männer und Frauen gepflanzt, daß der Bruder den Bruder verließ, in vielen Fällen die Frauen ihre Männer allein ließen. Doch schlimmer noch und beinahe nicht zu glauben war, daß Väter und Mütter sich weigerten, ihre eigenen Kinder zu versorgen und ihnen zu helfen, so, als gehörten sie nicht zu ihnen.

Fenton kommentiert:

Halb Florenz starb; aber nicht sosehr die Zahl macht Boccaccio betroffen als eher das fatal bedrohte zivile Miteinander. Dies ist die Spur, die uns die Pest in der Vorstellung und im Volksgedächtnis hinterlassen hat. Deswegen ist die Pest nicht eine von vielen epidemischen Leiden sondern das Leiden aller Leiden, das Leiden, das eine ganze Stadt zerstören konnte, seine Gebräuche, seine Moral – Maß für Maß, wie es sich für Wert hielt.

Pieter Bruegel el Viego / El triunpho de la Muerte (1562 – 1563) Museo del Prado, Madrid

In den Sechziger Jahren als Kind ahnte ich solche Schrecken in einer grassierenden Krankheit, die nicht mit Namen genannt wurde und über die viel auch soziologisch nachdedacht worden ist, beispielsweise von Susan Sontag, in ‘Krankheit als Metapher’ oder Siddhartha Mukherjee, in ‘Der König aller Krankheiten’, nämlich Krebs. In den Achtzigern erschütterte das rasante Umsichgreifen von AIDS weltweit.

Weswegen mich solcherlei Themen fesseln – vor einiger Zeit las ich wieder Die Pest’ von Camus – ist, weil mich schon geringe Zustände an Druck und Unordnung zu Haltungen verleiten, derer ich mich mitunter schäme; deswegen hoffe ich, dass das Studium von menschlichem Verhalten und die Entscheidungen, die ich für erstrebenswert erachte, sich mir in Sinn und Haltung einprägen. Das ist natürlich so etwas wie die Hoffnung der Bürger von Goraj, daß eine Wolke sie nach Jerusalem trägt, und es bleibt nicht ohne Fallstricken – Eitelkeiten, Vermessenheiten, Verblendungen. Was sicher ist, daß durch die Literaturgeschichte sich klügere Geister mit den Schrecken und Hoffnungen in unbestimmten Gefahren befasst haben, weil es auch sie bewegte. Und das ist, finde ich, eine menschliche Gefährtenschaft, die über Räume und Zeiten hinweg zumindest tröstet.

siehe auch

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