Kraft und Zündel

C. H. Beck
S. Fischer

Der Zufall wollte es, daß von zwei Seiten das Schicksal verstörter Männer auf Buchseiten in meine Hände geriet: V.* vom C. H. Beck Verlag fügte meiner Frühjahrsbestellung den neuen Roman von Jonas Lüscher, ‘Kraft’, als Leseexemplar bei, und über die Empfehlung von P.* für ‘Festland’, von Markus Werner, kam ich zu dessen Erstlingsroman, ‘Zündels Abgang’.

* V. steht für Vertreter, und P. steht für Buchpatron.

Jede Kritik ist jedenfalls gute Reklame
Das Wunderbare bei Menschen und Büchern ist deren Vielfalt und wie sie zusammenfinden. Geradeheraus sage ich, daß ich nicht zu den Typus gehöre, der viel mit Peter Sloterdijk oder Rafael Horzon (von dem las ich ‘Das weisse Buch’) anfangen kann, die ich gleich mit der ‘Kraft’-Lektüre assoziierte. „Blitzgescheit“ ist ein verbreitetes Kritikerattribut, das mich zusammenzucken lässt. Der Roman, erschienen am 8. März in diesem Jahr, liegt schon in vierter Auflage vor. (Die jeweilige Auflagenhöhe ist mir nicht bekannt). ‘Kraft’ wird allerorten eifrig besprochen – siehe Quellen unten – und ich bin sicher, daß er unter den zwanzig Besten in der ‘longlist’ zum Deutschen Buchpreis auftauchen wird, in der zuvor schon seine Novelle ‘Frühling der Barbaren’ zu finden war. C. H. Beck hat eine Leseprobe von Jonas Lüschers Erstlingsroman für Jedermann ins Netz gestellt, den Romananfang, aus dem ich hier zitiere.

Ohne gleich plump und vorhersehbar den Weltgeist zu beschwören und die Geschichte als solche zum Zeugen zu machen – Kraft ist sich sicher, dass Piet van Baa­sen und vermutlich auch Sakaguchi in diese Kerbe schlagen werden. Nein, da muss er sich schon etwas Neues einfallen lassen. Weltgeist. Das läuft doch letzten Endes auch nur auf ein alles wird gut hinaus. Aber wann? Da hatte sich doch ge­rade Sakaguchi schon mal zu weit aus dem Fenster gelehnt, sich gewiss gezeigt, es sei nun bereits so weit, und sich dann gezwungen gesehen, wie ein Weltuntergangsprophet am Tag danach öffentlich zu widerrufen.
Bücher vom C. H. Beck Verlag – in Gesellschaft
von links oben: Klöpfer & Meyer / Matthes & Seitz / New Directions / Berenberg / C. H. Beck / C. H. Beck / C. H. Beck
Mitte: Serpent’s Tail / Hogarth Press (alter Einabnd) / Akademie der Künste (Heft 2, 2017.  Heft 3 ist erschienen und kommt in Kürze) / S. Fischer / C. H. Beck / C. H. Beck / C. H. Beck
Unten: Czernin / Czernin / C. H. Beck / C. H. Beck / C. H. Beck / C. H. Beck

Von Kritikern, Rezensenten und Laien
Meine Kritik ist die Kritik eines simplen Lesers. Ich stelle keinen Anspruch, ein Rezensent oder ein Kritiker vom Fach zu sein. Dazu gehört, daß man sich gründlich mit Biographie und Werk auseinandersetzt und zur Sprache und Rezeption, zu den Inhalten und zum Stil Profundes zu sagen hat. All diese Mühe macht sich bestimmt auch der Autor selbst, weswegen ich meine Laien-Anerkennung zolle. Es ist bei mir eher eine subjektive Frage des Geschmacks.

Der Hoover Tower auf dem Campus Stanfort Lagekarte / Quelle: SFGate Hearst

‘Kraft’ lesen
Da ich nichts gegen lange Sätze habe, bereitete es mir keinerlei Mühe, den Roman in Gänze zu lesen: es sind die Irrungen und Wirrungen eines Geisteswissenschaftlers auf dem Weg, sein Leben zurück auf die Geleise zu bekommen. Einige Handlungsorte sind Tübingen, Berlin und Stanford, Kalifornien. Gerne weisen Rezensenten auf die Slapstic-Episode zu Wasser hin. Lüschers Stil wird mit dem Thomas Manns verglichen. Dem kann ich nicht folgen, weil der Stil bei Mann durch seinen Charakter bedingt ist und die Bemühung, seinen Stoff im Unfang mitzuteilen; bei Lüscher erscheint er mir pfiffig nachgeahmt als ein Stilmittel, der Figur ‘Kraft’ etwas umständlich Antiquiertes zu verleihen. Zwar konsequent durchgezogen, aber immer für mein Empfinden Methode, wie der gesamte kunstvolle Aufbau des Romans; daher die Horzon-Assoziation.

Einen europäischen Ton, in dem sich Leibniz’ Optimismus und Kants Strenge mit Voltaires verächtlichem Schnauben und Rabelais’ unbändigem Lachen verbinden und sich in Hölderlin’schen Höhen mit Zolas Gespür für das menschliche Leiden vereinigen wird und Manns Ironie … nein, Mann würde er außen vor lassen, diesen halben Kalifornier.

Was mich störte war das endlose Geschwafel. Es ist hier natürlich absichtlich eingesetzt; das Kind wird ausdrücklich beim Namen genannt. Dennoch scheint es mir schrill vorgespielt. Wie gesagt, es ist alles eine Frage des Geschmacks.

Würde sich Kraft mit der gestellten Aufgabe leichter tun, so käme ihm vielleicht der Gesichtsausdruck des ehemaligen Verteidigungsministers weniger spöttisch und der Lärm des Staubsaugers weniger laut vor und es würde ihm gelingen, beides auszublenden, so aber bleibt ihm nichts anderes übrig, als regelmäßig dem süffisanten Falken und der Frau mit dem fauchenden Gerät zu entfliehen und in die Höhe des vierzehnten Stockwerkes, des mit Büchern über den Krieg, den Frieden und die Revolution gefüllten Turmes zu fahren, in der Hoffnung, es sei noch zu früh für eine der gro­ßen asiatischen Reisegruppen, die ihn in seiner Kontempla­tion stören und sein Vergnügen an der Aussicht schmälern.
Ausschnitt vom alten Einband beim Residenz Verlag (vergriffen)
Markus Werner (1944 – 2016)
Autorenfoto Residenz Verlag

Zündels Abgang von Markus Werner

Markus Werner ist ebenfalls Schweizer, und bei ihm merkte ich es stärker, und er hat ‘Zündels Abgang’ schon 1984 veröffentlicht. Da war es noch im wunderbaren Residenz Verlag erschienen; jetzt hat S. Fischer die Rechte. Auf Markus Werner hat mich erst P.* gebracht, worüber ich dankbar bin. Eine Entdeckung! Den Erstling las ich jetzt mit großem Vergnügen. Auch hier ist der Anti-Held, (der traurige Anselmus vom goldenen Topf fällt mir ein, dem stets allerlei Mißgeschick widerfährt), ein Mann der mittleren Jahre. Markus Werner schreibt eindringlich und verleiht seinem Anti-Helden einen scharfen Intellekt, sprudelnden schwarzen Witz, der sich am bloßen Leben und Lieben wundstößt. Dieser Looser Zündel ist mir beim Lesen ans Herz gewachsen, und ich bin ratlos geblieben, wie ihm zu helfen gewesen wäre – oder hat er’s am Ende doch geschafft? Das bleibt mir rätselhaft und verzaubert darin. Das Paradoxe ist, daß, je verlorener Zündel scheint und je mehr er sich in eine Welt verkapselt, die anscheinend keiner zu teilen fähig ist, desto mehr geht mir sein Schicksal nahe. Und lieb sind mir auch die Randfiguren: seine verstörte Frau Magda, der gewissenhafte treuherzige Pfarrer Busch, Nounou, die flüchtige Geliebte – nur den fiesen Nachbarn kann ich nicht leiden. Da sieht man mal wieder, wohin hinterhältige Lügen führen.
Durch den ganz und gar überzeugenden Kunstgriff, daß Busch, parallel zu Zündels verbaler Odyssee, einer wahren Wildwassertour, dem „Abgang“ Zündels vernünftig und mit pastoraler Zuneigung nachforscht, ist dieser Roman auch so etwas wie eine Fallgeschichte, ähnlich der Geschichte von Kaspar Hauser, dieser erbarmungswürdigen Kreatur, der keiner über die Fremdheit hinweghelfen konnte.
Beiträge auf anderen Seiten (eine Auswahl)
zu: Frühling der Barbaren, von Birgit Böllinger bei Sätze & Schätze
zu: Kraft, von Jan Haag bei CON = LIBRI
von Marina Büttner bei literaturleuchtet

von Claudia Pütz bei Das graue Sofa
von Gerrit ter Horst und Tabitha van Hauten bei Zeilensprünge
von Philipp Theisohn in der NZZ / von Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung

zu:  Zündels Abgang,von Marcel Beyer übersetztes Vorwort Michael Hoffmanns für die englische Ausgabe bei 114 Fischer Verlag
vom Residenz Verlag (PDF)
von Anika Stracke bei literaturcafe
von Baghira bei Baghira_zh

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