Basken bei Zubiaur, Waliser bei Davies

NYRB / Berenberg
Penguin

Pfingsten naht, ein passender Anlaß, etwas auf gobbledygook und Kauderwelsch einzugehen.

Wenn man im Verzeichniss Lieferbarer Bücher die Stichworte baskisch und walisisch eingibt, sieht man auch bevor man alle Sprachführer ausgeklammert hat, daß die Waliser noch verborgenere Bücherexistenzen führen als die Basken. Meine Lektüre einer NYRB Ausgabe von 1994, als das Auftragswerk „A History of Wales“ für die Pelican Bücherei von John Davies just erschienen war, — einige Jahre zuvor schon hatte er die Arbeit in seiner Muttersprache verfasst: „Hanes Cymru“, — gab mir Anlaß, noch einmal auf den schönen Berenberg-Band von Ibon Zubiaur, „Wie man Baske wird“, hinzuweisen.

Berenberg

Den Einband von Zubiaurs Buch habe ich vergrößert wiedergegebn, wegen des wunderbaren Titelfotos (Corbis Agentur, Motiv unbekannter Herkunft).

Als ich einmal Bücher der spanischsprachigen Welt um einen Kanister Saboritas Olivenöl aus der Sierra Calderona gruppiert hatte, — die Buchhandlung fungierte als Depot— , sprach mich K.* an und äußerte seine Freude, daß ich ein Buch zu den Basken habe, wo ihm sonst nur Feindschaft und Abscheu begegnet seien und Baskentum immer mit Terrorismus verknüft sei.

K. steht für Kunde  (Geschichten von K.)

In beiden Büchern geht es um Sprache und Identität, um linguistische Minorität und Fremdsein, aber auch um die Verbindung von Sprache und Herrschaft, — alles lohnenswerte Gegenstände des Nachdenkens. Hier Zubiaur, der sich über eine seltsame Kindheit wundert, in der via Schule und Gesellschaft ein Baskischsein anerzogen werden soll:

»Ich gehöre nämlich zu einer Generation, deren Schulbildung nicht nur vollkommen auf Baskisch, sondern auch unter Berücksichtigung des nationalistischen Gedankenguts vonstattenging; unsere Jahrgänge waren die ersten, in denen eine Mehrheit der Bevölkerung von Staats wegen zum Baskentum erzogen wurde. Und ich wurde über meine ganze Jugend mit der Frage konfrontiert, ob ich mich als Baske oder als Spanier fühle oder (wenn man über die plumpe binäre Logik hinausgewachsen war) eher als Baske denn als Spanier. Bis heute stehen solche Optionen und weitere Spitzfindigkeiten in Meinungsumfragen zum Ankreuzen bereit: Offenbar will man kein noch so ausgefallenes Glaubensbekenntnis (und keinen verlorenen, aber vielleicht noch zu rettenden Sohn) übersehen.«

zitiert aus der Einführung, S. 10 (siehe auch die Leseprobe, beim Berenberg Verlag)

Historiker John Davies (1938 – 2015) Foto: Emyr Young / Quelle: BBC

Reading Along the NYRB
50 Jahre New York Review of Books 50 Years

Das Penguin Buch A History of Wales, von John Davies, kann ich besorgen, es liegt mir aber nicht vor. Wie es aber so schön in der NYRB ist, meint man schon in der Besprechung eine Menge zu erfahren, was die über 700 Seiten zu bieten haben.

Hier habe ich ein paar geistanregende Stellen aus der etwa elf-Spalten-langen Besprechung von R. J. W. Evans übersetzt, der Davies‘ Prosa preist als „relaxed, benign, witty, engaging“ [gelassen, gütig, geistreich, anregend]:

Offa’s Dyke / English Heritage Trust

Die Geschichte kennt nur wenige Beispiele einer solch langen und innigen Verbindung zwischen zwei Gemeinwesen, die doch in bemerkenswerter Hinsicht ganz unterschiedlich blieben. Immerhin ist es ein englischer Verleger, der Davies ermöglichte, beide zu adressieren, Cymry Cymraeg (die walisischsprechenden Waliser), und die weite Welt.

Caerau, Wales, 1953. Foto von Robert Frank / National Gallery of Art, Washington, DC / Quelle: NYRB, December 22, 1994

Walisische Schwerindustrie — Kupfer und Eisen, dann Kohle und Weißblech — eroberte die Welt. Und mehr und mehr von Englands Unternehmern waren Waliser, wie John Hughes, der seinen Namen einer der größten Städte in Osteuropa verlieh: Yuzovka (heute: Donezk), als seine Neue Russische Metallurgische Industrie Co. die Schienen für das zaristische Eisenbahnnetz lieferte.

* * *

Alles über Wales für den deutschsprachigen Leser hat Michael Maurer zusammengetragen und Reclam veöffentlicht (vorrätig im Laden)

Eben weil Wales nachbarlich und untergeordnet war, gab es keinen Grund, das Land von seinen Bewohnern zu räumen oder Ländereien anzulegen, wie in den aufgewühlteren Teilen der keltischen Randgebiete. Und eben weil das Land seine Leute nährte, waren es bis in unsere Zeit nur wenige, die emigrierten, sogar verhältnismäßig zur geringen Bevölkerungszahl insgesamt. Doch vor allem erwies sich die Sprache als zäh. Abgeschieden vom Großteil öffentlichen Lebens blieb das Walisische ziemlich unangetastet. Sogar seine Aufnahmefreude englischen Vokabulars und seiner Satzstrukturen wirkte zum Guten, indem es fortschrittlicher und vielseitiger wurde als manche andere europäische Mundart.

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Griffith Jones / Bildquelle: Old Oak Barn, Carmarthenshire

Nach 1714, unter der völlig untätigen hannoveraner Herrschaft, erstarkten lokale Initiativen. […] Einer [der berühmten walisischen Geistlichen], Griffith Jones, Gründer eines Netzwerks mobiler oder „zirkulierender“ Schulen, vermochte es, unter den Bauern Lesen und Schreiben in einer Rate zu vermitteln, wo anderswo ganze Generationen von beamteten Pädagogen daran arbeiteten. Hunderte von walisischen Büchern gingen in jedem Jahrzehnt des  18. Jhdts. in Druck; Mitte 1800 gab es außerdem Dutzende von Zeitschriften.

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Viel vom Kunsthandwerk der Waliser war gekünstelt, belanglos oder geradezu betrügerisch: die hochhutige walisische Tracht, oder der Mythos von Gwlad y Gân, das „Land der Sänger“, aufgebaut auf englischem Liedgut und händelschem Erbe (walisische Historiker wiesen als Erste darauf hin: siehe Prys Morgan und seinen Beitrag in Die Erfindung von Tradition, herausgegeben von Eric Hobshawn und Terence Ranger, Cambridge University Press, 1983).

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