Jean Paul, Vernunft und Glaube

Jean Paul. Ausschnitt aus einem Portrait von Heinrich Pfenniger. Titelkupfer der zweiten Auflage von Jean Pauls Roman „Hesperus“ (1798) / Bildquelle: bbaw

In diesen Tagen lese ich in Günter de Bruyns Biographie: Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter. Etwas von Jean Paul schwebt mir schon ewig als Lektüre vor, aber es ist noch nicht dahin gekommen. Immerhin lese ich nun endlich de Bruyn [Bücher von diesem Autoren], was ich auch schon lange vorhatte, und bin nicht enttäuscht. Man merkt eben doch, daß ein Dichter am Werk ist, der all die umfänglichen Recherchen in diese literarische Form verarbeitet, die fesselnd zu lesen ist.

Die Ausgabe mit dem Portrait von Ernst Förster, in der ich lese, ist inzwischen vergriffen. Seit Erscheinen bei Mitteldeutscher Verlag Halle gab es etliche Neuauflagen. Lieferbar ist der Titel bei S. Fischer, gebunden und als Taschenbuch, mit dem Portrait von Lorenz Kreul.

Mit fortschreitender Lektüre erinnere ich mich an das zuvor gelesene Buch zum Leben von Novalis: The Blue Flower, von Penelope Fitzgerald, und wie sie darin die Armut und die Not schildert, die sicherlich auch durch den Siebenjährigen Krieg mitverschuldet war.

Die Stelle, die ich aus dem frühen Kapitel „Der Tod tritt ins Leben“ zitiere, stammt aus Jean Pauls Jugendzeit, aus dem es Bilder von H. Pfenninger gibt, in der er, 27 jährig, den Verlust junger Freunde erleben mußte, die vom Elend in den Tod getrieben worden waren, sei es durch Krankheit oder durch Verzweiflung. Günter de Bruyn schreibt:

„Und Jacobi [*], »mit dem Kopf Atheist und Christ mit dem Herzen«, schafft mit der Vernunft ein realistisches Weltbild, dem er Gefühlsreligiosität überordnet.
Zu diesem Kompromiß zwischen Vernunft und Glauben ringt auch Richter sich durch, für immer. Alle mit Fleiß und Eifer aufgenommenen philosophischen Systeme, aller Scharfsinn, alle Verstandeskraft erweisen sich dem in der Kindheit aufgenommenen Glauben als unterlegen. […]

So wie er immer der Mann der Aufklärung bleibt, der keine der romantischen Wendungen nach rückwärts mitmacht, der noch in der Restaurationszeit die neuen Dunkelmänner mit den Waffen der Vernunft bekämpft, so hat er sich den Glauben an Gott und die Seelenunsterblichkeit nie mehr nehmen lassen. Als ideologischen Rückschritt bedauern können das nur Kurzsichtige, die nicht sehen, daß mit dieser Wendung das Wachsen der dichterischen Kraft verknüpft ist.“

[*Friedrich Heinrich Jacobi; 1743 -1819 / siehe Bibliotheca Augustana]

Hier noch einmal in den Worten Jean Pauls [„rückblickend 1821“]:

„Ein ganzes horazisches Jahrneunt hindurch wurde des Jünglings Herz von der Satire zugesperrt und mußte alles verschlossen sehen, was in ihm selig war und schlug, was wogte und liebte und weinte. Als es sich nun endlich im achtundzwanzigsten Jahre öffnen und lüften durfte: da ergoß es sich leicht und mild und wie eine warme und überschwellende Wolke unter der Sonne — ich brauchte nur zuzulassen und dem Fließen zuzusehen — und kein Gedanke kam nackt, sondern jeder brachte sein Wort mit, und stand mit seinem richtigen Wuchse da ohne die Schere der Kunst.“

Günter de Bruyn; Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter / S. Fischer, 7.Aufl. 2011 / S 101 und 103

zur Jean Paul Gesellschaft

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4 Kommentare zu „Jean Paul, Vernunft und Glaube“

  1. Außer dem Schulmeisterlein Wutz und dem Titan habe ich leider auch noch nicht allzu viel von Jean Paul gelesen. Neulich aber im kleinen, doch sehr liebevollen Jean Paul-Museum in Bayreuth wieder einen Stupser bekommen und nun der Hinweis auf diese offenbar sehr gute Biographie. Danke dafür!

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    1. Mich hat die Biographie erst mal auf „Hesperus“ und auf „Die unsichtbare Loge“ neugierig gemacht. Alle Frauen waren laut de Bruyn hin und weg damals. Aber die Bücher muß ich wohl in der Bibliothek ausleihen.

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      1. Ja, das habe ich auch aufgeschnappt, dass Jean Paul eine entzückte weibliche Leserinnenschaft hatte. Wie es im echten Leben war? Mit seiner Gattin jedenfalls lag er ewig im Zwist, auch soll er mehr dem Bier denn dem Weib zugeneigt gewesen sein und habe sich wohl nur unter Zwang gewaschen. Geht de Bruyn denn auch auf so profane Aspekte ein?

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      2. Ich hab mich halb durch das Buch gelesen, bin bei der dritten Verlobung, und Richter ist immer noch der ewige Hochzeiter. Bisher kam hauptsächlich die Zettelwirtschaft zu Wort. Mit dem Waschen hielten es die Leute der Zeit wohl sowieso nicht so sehr. Aber das war noch kein Thema bislang. Mich faszinieren die revolutionären Umtriebe und die Hoffnungen in die Freiheit ganz allgemein. Gerade ging es um Jean Pauls Unempfänglichkeit für Ehren und Würden und: „Er sieht in jedem nur den Menschen. Wenn er Herrschende verehrt, dann nicht wegen, sondern trotz ihrer Stellung.“ (S. 205) Dabei schlachtet er die hohe Minne und alles sonst weidlich aus auf dem Altar seines Schriftstellerdaseins und schaut nicht zurück. Am Niederrhein sagt man bei Liebschaften dazu: „Kaputt, enne Neue“.

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