Abschied von de Bruyns Jean Paul

S. Fischer Autorenfoto
Susanne Schleyer

Nun habe ich auch die letzten Seiten in de Bruyns Buch gelesen, und da führt er uns durch die Bibliothek, die den Hintergrund für sein Schreiben liefert: Bücher von und über Jean Paul (beispielsweise Olaf Reincke; Krisenerfahrung und humoristische Erzählperspektive im Frühwerk Jean Pauls – eine Dissertation von 1974), zur Kultur- und Geistesgeschichte (hier nenne ich Alfred Stern; Der Einfluß der französischen Revolution auf das deutsche Geistesleben, 1928), zur politischen Geschichte (Friedrich Kapp; Der Soldatenhandel deutscher Fürsten nach Amerika / 1775 – 1783, von 1864), und zur Sozial und Bildunbgsgeschichte (zum Beispiel Konrad Fischer; Geschichte des deutschen Volksschullehrerstandes, 1892).

S Fischer

Das Schöne bei de Bruyn ist, daß er all das fleißig gelesen und studiert hat, es aber dann verarbeitet und in Form gebracht hat, daß er als Dichter ganz eigen von allem erzählt. Die Geschichte mit Jean Paul geht traurig zu Ende, weil er viel zu früh sich aufgezehrt und sich die letzten Jahre zunehmend erblindend herumgequält hat. Doch ist er darüber nicht verbittert und wurde sicherlich gebremst, aber nicht abgehalten von seinem Tun. Auch haben ihn liebe Menschen umsorgt.

Was mich ansprach im Leben des Jean Pauls war dieser Austausch eines höchst eigenwilligen Lebens nach eigenen Gesetzen, das aber nicht davon abhielt, alles ringsum aufzunehmen und darauf zu erwidern.

de Bruyn beschäftigen auch Fragen, die mir wichtig sind: wie blicke ich als Zeitgenosse auf politische Entwicklungen und wie verhalte ich mich dazu? Wieviel Platz nehmen Träume ein in dem, was ich zu tun gedenke?

de Bruyn zitiert eine sehr schöne Passage aus der Gedenkrede von Ludwig Börne:

»Die Klage ist verstummt, das Leid ist geblieben … Wir wollen trauern um ihn, den wir verloren, und um die Andern, die ihn nicht verloren. Nicht Allen hat er gelebt! Aber eine Zeit wird kommen, da wird er Allen geboren, und Alle werden ihn beweinen. Er aber steht geduldig an der Pforte des zwanzigsten Jahrhunderts und wartet lächelnd, bis sein schleichend Volk ihm nachkommt.«

 

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