Schaufenster September


Herr D*** regte an, ohngeacht der Ladenschließung auch weiterhin Bücher ins Schaufenster zu stellen, was ich hiermit zum ersten Male tue.

Es befreit, nicht mehr unter Druck zu stehen, mit Büchern genügend Geld zu verdienen, um die Miete bezahlen zu können. Dafür sind mir die lieben Kunden und Ladengäste abhanden gekommen. Umsomehr hoffe ich, daß sich Leser und Buchfreunde im Kommentarfeld einstellen und ein Austausch auf diesem Weg fortgesetzt werden kann.

Aris Fioretos

Über die neueste Ausgabe von Sinn und Form hatte ich schon geschrieben, inzwischen darin weitergelesen: gut gefiel mir von Aris Fioretos [Bücher vom Autoren beim Hanser Verlag] seine Erinnerung an einen ungewöhnlichen Schulkameraden. Man sollte es sich für die Literatur zur Adoleszens merken. Hier gibt es eine Leseprobe. Ich denke, jeder erinnert sich an Schulkameraden, die einen faszinierten oder eigenartig anmuteten. Und es besteht ein großer Unterschied, ob die Eigenart mutwilliger Stil war oder sich aus tiefen Quellen speiste, womit die Erfahrung einen an den Rand des Archaischen geleitete.

Jakob Böhme

Mit E* lese ich zuweilen an den Wochenenden in Jakob Böhme. Ich kann die Lektüre gerne empfehlen, weil Böhmes Art zu schreiben klar und schön ist, ganz gleich, ob man ihm auf seinen frommen Wegen folgen möchte. Es ist von allerlei Alchemie die Rede, und seine Sicht auf die Natur wird vielleicht in Teilen heute noch von Vertretern der Grünen geteilt. Die Reclam Ausgabe „Vom Geheimnis des Geistes“, mit einer Auswahl seiner Schriften, ist vergriffen. Es gibt aber eine schöne Ausgabe im Deutschen Klassiker Verlag.

August Natterer (Neter); Hexenkopf – Detail Titelillustration zu Lolly Willowes in der NYRB Classics Serie. Bildquelle (Prinzhornsammlung): wikimedia

‚Lolly Wilowes‘, von Sylvia Townsend Warner

Die NYRB schreibt zum Buch (frei übersetzt):

»In Lolly Willowes erzählt Sylvia Townsend Warner von einer älter werdenden unverheirateten Frau die sich aus der Verstrickung ihrer sie vereinnahmenden Verwandten freikämpft – eine klassische Geschichte, die Warner mit kühlem weiblichen Verstand angeht, wobei sie auch eine Dimension des Übernatürlichen und Befremdlichen hinzufügt.  Warner ist eine der hervorragenden und unverzichtbaren Querköpfe in der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts, eine Schriftstellerin die an die Seite von Djuna Barnes und Jane Bowles gestellt gehört, mit subversivem Genius, der die fantastischen Launen solcher Zeitgenossen wie Angela Carter und Jeanette Winterson vorausahnte.«

Es geht mit Hexen und Teufeln zu; es steckt ein kleiner E. T. A Hoffmann im Buch; aber besonders fesselte mich der soziologische Aspekt, wie Warner klug und hellsichtig die äußeren Umstände und die innerern Verfassungen durchschaut und nur zu gut eine selbständige Frau aus der Zeit zwischen den Weltkriegen versteht und beschreibt, die erst herausfinden muß, wie sehr sie verstrickt, und zu was sie berufen ist. Ein weiterer nicht unbedeuteneder Aspekt dieses ganz und gar englischen Buches sind Landschaft und Natur.

Das Buch gab es mal in deutscher Übersetzung bei Klett Cotta, muß aber antiquarisch gesucht werden.

Brennesseln, Stachs Kafka und Harry Mulisch

Das ist wieder so eine feine Ausgabe aus der Reihe Naturkunden, bei Matthes und Seitz von Judith Schalansky herausgegeben (siehe: Krähen). Dies hatte ich, zusammen mit dem von Reiner Stach zuerst geschriebenen Band der Kafka Biographie, Die Jahre der Entscheidungen, bei der Schleicherschen Buchhandlung in Dahlem gekauft – jetzt, wo ich auf die Kundenseite übergewechselt bin. Aber vermutlich werde ich hauptsächlich ausleihen, was nicht ohnehin zu Hause im Regal zu finden ist. Die Brennessel möchte ich – nachdem ich’s gelesen habe – (vorsichtig) weiterreichen an D***, die solche reichlich auf dem Grundstück hat. Den Stach wollte ich schon längst lesen. Ein dicker Band, genauso wie „Die Entdeckung des Himmels“ von Harry Mulisch, von dem ich erst nur „Das Attentat“ gelesen habe, was ich hervorragend finde. Mal sehen, wie’s sich einrichten läßt.

Ciceros Bruder

Passend zur Wahl las ich die Reclam Ausgabe mit den Tipps (arrrgh! ich kann mich einfach  nicht an das häßliche Doppel-P gewöhnen!) von Quintus Tullius Cicero an Marcus für einen erfolgreichen Wahlkampf. Eine immer noch recht aufschlußreiche Lektüre und nicht ohne Witz.

Pelican Books from Private Shelves

The Pelican History of Medieval Europe

Damit hatte ich angefangen, als ich noch dachte, ich dürfe Geschichte studieren; aber auch für die Islamwissenschaften findet sich reichlich Material in dieser erfreulich klar und unterhaltsam geschriebenen Einführung von Maurice Hugh Keen. Pelican, die Sachbuchreihe von Penguin, kann aus ominösen Gründen hier in Deutschland nicht einmal aufgerufen, geschweige denn, gekauft werden. Dieser Band ist auch längst vergriffen. Vergleichbar im Deutschen wäre vielleicht „Die Welt des Mittelalters„, einmal von Robert Bartlett erschienen bei Belser, oder von Johannes Fried und Olaf B. Rader bei C. H. Beck. Das Pelican-Büchlein werde ich auf jeden Fall, und gerne, noch weiter lesen.

August Strindberg; Die Leute auf Hemsø

Diese schöngebundene Ausgabe von 1911 mit Frakturschrift aus dem Hyperionverlag, in Übersetzung von Else von Hollander, schenkte mir D*** bei ihrem Besuch, und das Buch habe ich mir fürs Wochenende vorgenommen, weil es bestimmt richtig beglückend zu lesen ist. Lieferbare schöne, aber teuere Ausgaben, in denen dieser Roman enthalten ist, findet man bei Mare und bei Insel in der Übersetzung von Angelika Gundlach.

Islamstudien

Es wird noch spannend sein, zu sehen, ob mir das Studium für die Schaufenster-Serie demnächst noch die Zeit frei lässt. Letzte Woche habe ich mir einen Ausweis der Staatsbibliothek besorgt und drei Titel fürs Studium der Islamwissenschaften ausgeborgt. Angefangen habe ich mit Gudrun Krämers Buch: Demokratie im Islam (2011 erschienen) [Bücher von der Autorin bei C. H. Beck]. Das brachte mir eine Fülle an Information und Denkanstößen und ist dabei wunderbar leicht zu lesen. Bei der ganzen Thematik gefällt mir besonders die Besonnenheit. Was einige Aussagen zur Beziehung von Islam und Staat betrifft, hat es inzwischen weitere Entwicklungen in andere Richtungen gegeben, wenn ich beispielsweise an die Türkei denke, die noch vor wenigen Jahren weitgehend weltlich regiert wurde. Was das Buch einem wunderbar vermittelt ist der große Reichtum in dieser Religion und Gesellschaftsform, der sich jenseits der schmalgefassten Reizthemen über die Jahrhunderte erkunden ließe.

Sufi Schrein / Buchdeckel-Illustration
Bildquelle: Routledge

Die Lektüre über den Sufismus hatte ich nach zwei, drei Seiten in der Einleitung erst einmal untebrochen, um mir mit der Encyclopedia Britannica (unsere ist die 15. Ausgabe) grundsätzlich einen Überblick zu verschaffen, bevor mich Deepra Dandekar in ihrem Vorwort weiter in semantischen und syntaktischen Abgründen von der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Sufismus meandern macht. Der Macropedia Artikel zum Islam ist äußerst umfangreich, weswegen ich heute Abend doch erst einmal weiter in „Islam, Sufism and Everyday Politics of Belonging in South Asia„. Das Buch, in Mitherausgabe von Torsten Tschacher, ist eine Zusammenstellung von Vorträgen, und vielleicht sind die anderen Autoren zugänglicher. Mal sehen.

Als drittes Buch steht noch aus: Konrad Hirschler: „The Written Word in the Medieval Arabic Lands: A Social and Cultural History of Reading Practices„. Eigentlich steht sein Buch „Medieval Damascus“ auf der Leseliste vom Institut, aber da kam ich über die Stabi nicht dran. Hoffentlich hat es die Bibliothek an der FU. Aber auch so habe ich noch reichlich zu lesen.

Englisch und Deutsch

Die beiden Grammatik-Bücher hatte ich hervorgeholt, um mich auf den Sprachtest einzustimmen, besonders was die Anwendungen der diversen Past und Perfect Formen betrifft (Cambridge; Huddleston/Pullum und Doubleday; Waldhorn/Zeiger). Den Merriam Webster habe ich aber immer in Greifnähe. Er kommt uns auch gut zupass, wenn wir wieder dramatische Lesungen der Shakespeare Dramen abhalten.

Á propos – gestern abend stieß ich beim Herumflippen auf den Fernsehkanälen per Zufall auf eine solche Lesung von Goethens Torquato Tasso (gibt’s bei Reclam) zum Festspiel der deutschen Sprache in Bad Lauchstädt (MDR), mit Sunnyi Melles, Nina Hoger, Bernt Hahn, Christian Werner und Markus Meyer; und ich muß schon sagen, der Goethe war wirklich gut. Jedenfalls habe ich es mir bis zum Schluß angehört.

Nina Hoger, beim Üben für ihre Rolle als Prinzessin Leonora Sanvitale. / Foto:
Marco Junghans / Bildquelle: mz

Einige Zitate erkannte ich wieder, von denen ich nicht gewußt hatte dass sie aus Goethes Torquato Tasso stammen, wie dieses:

Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,
Gab mir ein Gott, zu sagen, wie ich leide.

 

gelesene Bücher:

  • Qu. T. Cicero, zum Wahlkampf (Reclam)
  • Gudrun Krämer; Demokratie im Islam (C. H. Beck)
  • Sylvia Townsend Warner; Lolly Willowes (NYRB Classics)

auf der Leseliste:

  • Islam, Sufism and Everyday Politics of Belonging in South Asia / Edited by Deepra Dandekar, Torsten Tschacher (Routledge)
  • Sinn und Form 5/2017 (Akademie der Künste)
  • Jakob Böhme; Vom Geheimnis der Geister (Reclam)
  • Harry Mulisch; Die Entdeckung des Himmels (Rowohlt)
  • The Pelican History of Medieval Europe (Pelican)
  • Ludwig Fischer; Brennesseln (Matthes & Seitz)
  • Reiner Stach; Kafka – Die entscheidenden Jahre (S. Fischer)
  • August Strindberg; Die Leute auf Hemsø (Hyperion)
  • Konrad Hirschler: „The Written Word in the Medieval Arabic Lands“ (Edinburgh UP)
  • Huddleston / Pullum; A Student’s Introduction to English Grammar (Cambridge UP)

vergriffen:

  • The Pelican History of Medieval Europe
  • Jakob Böhme; Vom Geheimnis der Geister
  • Encyclopedia Britannica, 15th Edition
  • Merriam Webster; 10th Edition
  • Waldhorn / Ziegler; English made simple
  • August Strindberg; Die Leute auf Hemsø

zu kaufen bei „Im schröerschen Buchregal„:

  • Qu. T. Cicero, zum Wahlkampf
  • Merriam Webster, 11th Edition
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