Schaufenster Oktober

Pflicht und Abenteuer im Oktober

Auch Pflichten halten angenehme Überaschungen bereit
Als ich die Bildunterschrift verfasste, hatte ich noch mäßig Lust auf den Titel aus der Liste der empfohlenen Literaturzum Studium der Islamwissenschaften: Schirin Amir-Moazami; Politisierte Religion / Der Kopftuchstreit in Frankreich und Deutschland


Das Für und Wider berührt mich kaum, wenn ich sehe, wie vielfältig jeglicher Kopfputz im Schöneberger Straßenbild erscheint und alle Kopfbedeckler einander den Bürgersteig teilen. Die einzige vollverschleierte Frau die ich kenne ist eine emsige knubbelige Greisin mit sehr flinken Augen; ich bin ziemlich sicher, daß sie unterm Tuch eine Knubbelnase hat. Sie macht mir keine Angst, und ich habe auch nicht den Eindruck, mich um ihr Wohlergehen sorgen zu müssen. Erst heute Morgen fiel mein Blick wieder auf das Paar, das ich im stillen ‚die polnischen Dissidenten getauft‘ habe: die Frau mit streng gescheiteltem silbergrauen Haar, der geduckte Mann mit schulterlangem schlohweißem Haar unter schwarzen Fedora Hut und einem prächtigen ebenfalls schlohweißen Vollbart, der unter Peter dem Großen keine Zukunft gehabt hätte. Ich stamme aus einer Zeit, wo es von Frauen die Sitte verlangte, in der Kirche den Kopf zu bedecken; Mädchen sollten ihr Haar ordentlich binden – das offene Tragen langer Haare vermittelte bei den Erwachsenen einen leichten Schock; später wurde von der Elterngeneration die pure Existenz von „Gammlern“ und „Hippies“ – „mit ihren fiesen langen Haaren!“ – als Bedrohung wahrgenommen. Das nur am Rande.

Illustration aus dem Buch von Konrad Hirschler über die Verbreitung von Schriften, der Lesekultur im öffentlichen Raum und die Gründung von Bibliotheken (solch eine ist hier abgebildet), in Ägypten und Syrien im Mittelalter, das ich mit Freude und Interesse gelesen habe.
Bildquelle: bnf

Jetzt habe ich eine gute Strecke ins Buch gelesen, über ein paar anfängliche wissenschaftliche Unterbauten soziologischer Natur in wissenschaftlichem Jargon hinüber, und bin zunehmend gefesselt (Wortspiel unbeabsichtigt). Es geht Amir-Moazami nicht so sehr um das Thema Kopftuch selbst sondern darum, wie es diskutiert wurde und wird, in historischen, politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Zusammenhängen. In der ersten Hälfte beschäftigt sie sich dabei mit Frankreich, und ich bin gespannt, wie sie danach Deutschland erörtert und ob es Parallelen geben wird. Ich bin zuversichtlich, daß der Drang, ein, zwei Seiten zu überschlagen, nicht aufkommen wird; denn Amir-Moazami stellt verschiedenste Positionen und deren gegenseitige Beeinflussung so klar und einsichtig dar und zieht, meines Erachtens zumindest, äußerst sympathische Schlüsse, die mich an den Scharfsinn von Uwe Johnson erinnern.

Religionskrieg und laïceté

Gerade ging es um das Kapitel laïceté, viele Deutungsarten des Begriffs und seiner Etymologie und seiner Rolle im Kopftuchstreit in Frankreich über mehrere Jahrzehnte. Dabei berührt Amir-Moazami beispielsweise die Geschichte der Religionskriege, und ich wurde an unsere Lektüre des Henri Quatre erinnert und wie sehr Heinrich Mann – oder auch Conrad F Meyer – auf die Rolle der Tracht eingehen. Als Kinder aus katholischen Milieu wuchsen wir mit dem Buch von Quadflieg auf: Fromme Geschichten für kleine Leute, und an die Geschichte von dem tapferen kleinen frommen Jungen, dessen Vater versuchte, ihm brutal den Glauben auszuprügeln, ist mir gut in Erinnerung geblieben. (Vielleicht gab es mehr Eltern, die ihren Kindern die Religion einbleuten, wer weiß).

Kreuzzüge

Danach stehen noch drei Bücher zum Thema Kreuzzüge an: Paul M Cobb; The Race for Paradise / An Islamic History of the Crusades, Niall Christie; Muslims and Crusaders / Christianities‘ wars in the Middle East 1095-1382, from the Islamic sources und Carole Hillenbrand; The Crusades / Islamic Perspectives

Die Stabi sandte heute Nachricht, daß auch dieser dritte Titel zum Abholen bereit liegt.

Ich muß mich also dranhalten, weswegen ich die Beiträge etwas flotter verfasse. Sonst recherchiere ich immer noch lange nach Quellen, Verlagskontakten und Querverweisen, aber das überlasse ich jetzt den geneigten Lesern.

Drei Bücher aus der Bibliothek von Rona Murray

Mancher kennt die Gepflogenheit vom Vorlesemontag, an dem sich eine kleine beliebige Runde über Jahre in der Schröerschen Buchhandlung durch ziemlich viel Bücher und Leseproben gelesen hatte. Gegründet hat diesen schönen Brauch die kanadische Schriftstellerin Rona Murray, die unseren Kindern Montag für Montag Zeit einräumte und mit ihrer schönen Stimme vorlas. Irgendwann vermachte sie uns eine Menge Bücher, die Waverly Romane von Sir Walter Scott in einer feinen kleinen waldgrüngebundenen Ausgabe, mehrere antiquarische Kinderbücher, darunter die zwei für die Pfadfinderjugend verfassten Naturbücher und eine Übersetzung von Jules Verne, mit dem Jugendstil-Rücken. Seton stammte aus England, kam aber als sechsjähriger mit seiner Famile nach Kanada. Wir haben alle gerne und mit Spannung sein „Die Lebensgeschichte eines Grizzlys“ [The Biography of a Grizzly] gelesen, die er 1900 verfasst hatte. Er illustrierte auch alle seine Bücher.

Frank R Donovan; The Vikings – Das passt auch gut für die Jugend, ist reich illustriert.

Complete Do-it-Yourself Manual / Reader’s Digest

Das Do-it-yourself-Handbuch ist Erbe aus dem Bestand Schwiegereltern (H&A Bestand), die viel darin nachgeschlagen und daraus angewandt haben in ihrem Pionierleben. Wir hatten zu Hause Reader’s Digest von irgendwoher bekommen, und ich las etliche von Ihnen und sollte eigentlich tüchtig indoktriniert und saturiert daraus hervorgegangen sein. Aber nicht die Bücher verderben die Jugend, sondern das Milieu; und da mir die Eltern diese Hefte nicht zum Lesen gaben,denke ich, daß mir der gebündelte Atem des McCarthyismus nicht sonderlich geschadet hat.

Geerbt

Aus dem H&A Bestand stammt vermutlich auch die signierte Ausgabe von Peter C Newman; Home Country, außerdem der Bildband von Pierre Toutain-Dorbec; Nepal. „Kommt und schaut die Taten Gottes“ kaufte ich wegen der Buchmalerei. Reader`s Digest Book of Facts ist ein klassischer coffe table Band, with „essential and intriguing information about this odd world around us.“ Ein schöner Bildband darunter ist „Lost Cities of Asia“, von Wim Swaan.

Foto: Wim Swaan (1927 – 1995)
Quelle: Getty, Open source

Mittelalter

J*s Interesse am Mittelalter – und an der Architektur – erklärt folgende Titel im Regal:
Tuulse, Armin; Castles of the Western World
Dover, NY Girdwood, R. P. 2002
Reinhard Barth; Das Mittelalter – Kirche, Krone und Kreuzzüge (Naumann & Göbel, Köln 2011)

Zum krönenden Abschluß: Ein VLB

In welchen Abständen das Verzeichnis Lieferbarer Bücher aktualisiert wurde, ist mir nicht bekannt. Ich bekam diese alte Auflage, als ich zwei Jahre in einer Buchhandlung in Dortmund arbeitete, und in den Neunzigern wurde noch eifrig im gedruckten Katalog recherchiert. Alles Geschichte, inzwischen. Als ich das erste Jahr bei Herder gearbeitet hatte, wurde 1981 der elektronische Katalog als Pilotprojekt eingeführt. Das ging nicht ohne Hindernisse. Gut, daß wir da immer noch auf den papiernen VLB zurückgreifen konnten. Wir arbeiten immer noch gerne mit dem einbändigen Reader’s Catalog von der Redaktion der NYRBs. Jetzt habe ich mich entschlossen, mich von diesem guten 8-Bändigen Schätzchen zu trennen, und wer’s haben möchte, kann es sich holen.

gelesene Bücher:

  • Schirin Amir-Moazami; Politisierte Religion / Der Kopftuchstreit in Frankreich und Deutschland / transcript, Bielefeld, 2007
  • Dietrich Steinwede; Kommt und schaut die Taten Gottes / Die Bibel in Auswahl nacherzählt, mit Bildern aus dem ersten Jahrtausend christlicher Kunst / Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1982

auf der Leseliste:

  • Paul M Cobb; The Race for Paradise / An Islamic History of the Crusades / Oxford UP, NY, 2014
  • Niall Christie; Muslims and Crusaders / Christianities‘ wars in the Middle East 1095-1382, from the Islamic sources / Routledge, London, 2014
  • Carole Hillenbrand; The Crusades / Islamic Perspectives
  • Wim Swaan; Lost Cities of Asia

vergriffene Bücher

  • Ernest Thompson Seton; Rolf in the Woods
  • Ernest Thompson Seton; Woodland Tales
    beide: Doubleday, NY 1927
  • Jules Verne; Adrift /Sampson Low, Ldn (ohne Jahresangabe, Übersetzer unbenannt)
  • Frank R Donovan; The Vikings / Harper & Row 1964
  • Complete Do-it-Yourself Manual / Reader’s Digest, Montreal 1989
  • Reader`s Digest Book of Facts / Reader’s Digest, London 1985
  • Peter C Newman; Home Country / McClelland & Stewart, Toronto 1973
  • Pierre Toutain-Dorbec; Nepal / Merehurst Press, London 1986 / Ü: Michel Gotin
  • Dietrich Steinwede; Kommt und schaut die Taten Gottes / Die Bibel in Auswahl nacherzählt, mit Bildern aus dem ersten Jahrtausend christlicher Kunst / Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1982
  • Armin Tuulse; Castles of the Western World / Dover, NY Girdwood, R. P. 2002
  • Reinhard Barth; Das Mittelalter – Kirche, Krone und Kreuzzüge / Naumann & Göbel, Köln 2011
  • VLB Ausgabe 1993/94, 7 Bände + 1 Ergänzungsband 1996

zu kaufen bei „Im schröerschen Buchregal„:

  • Reader`s Digest Book of Facts / Reader’s Digest, London 1985
  • VLB Ausgabe 1993/94, 7 Bände + 1 Ergänzungsband 1996
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