Weiß Gott, was da los ist

Titelillustration zu Khaldun, Ibn; Die Muqaddima (C. H. Beck, 2011/ übersetzt von Alma Giese)
Weltkarte von Idrīsī (ca. 1100-1166), im „Buch des Roger“

Quelle: Bodleian

»Selbst der große Ibn Khaldūn weiß wenig zu sagen über das christliche Europa und merkt nur an, deutlich unter Vorbehalt, daß er ‘unlängst gehört habe’, wie die Wissenschaft der Philosophie aufblühe in jenen Landen; ‚aber Gott wird am besten wissen, was da vor sich geht.’«*

„Even the great Ibn Khaldūn has little to say about Christian Europe, but merely remarks, with obvious caution, that he had ‘heard of late’ that the philosophic sciences were flourishing in those parts, ‘but God knows best what goes on there’.“ (B Lewis, Princeton, in seinem Eintrag zu ifrandj in der zweiten Ausgabe der Encoclopaedia of Islam, Brill, Leiden NL, 1960 – 2007)

Encyclopaedia of Islam, Second Edition
Bildquelle: Vysotsky, bei Wikimedia commons

ifrandj

Heute habe ich einige Zeit in der Bibliothek verbracht und im dicken Wälzer der zwölfbändigen zweiten Ausgabe der Encyclopaedia of Islam gelesen – unsere Hausaufgabe zum Seminar über den Nahen Osten in der Periode der Kreuzzüge war, dort das Stichwort ifrandj nachzulesen. In der Erstausgabe, die zwischen 1913 und 1934 dreibändig auf Deutsch und Englisch erschienen war, gibt’s den Begriff nicht als Stichwort, und in der dritten Auflage, die in Arbeit ist, ist ifrandj noch nicht aufgetaucht.

Bernard Lewis; Professor of Near Eastern Studies Emeritus
Bildquelle: Princeton U

Nachschlagewerke

Obwohl die neue Ausgabe schon scheibchenweise in einer Art Magazin – Heft 1 bis 5 – in Druck erscheint, ist das opus magnus der Encyclopedia of Islam Three als elektronische Datei anvisiert, was ich bedaure. (Ein Band der zweiten Ausgabe kostet bei Abnahme aller Bände 1380,00 €, die dritte Ausgabe kostet pro Bändchen – ca 180 S.- immer noch zur Subskription 90,00 €). Die erste Ausgabe, noch mit marmorierten Einbandpapier, ist mit zusätzlichen Bildtafeln (Arabesken, Bauwerke, Teppiche etcetera) ausstaffiert. Damals wie heute beschäftigt das Projekt eine Schar an Wissenschaftlern, und bei der zweiten Auflage war Bernard Lewis unter Ihnen.

Mustafas

Ich kann mich noch an die Zeit erinnern, wo die türkischen Gastarbeiter in unser Land kamen, und wie wir von den kleinen Mustafas sprachen, was selten gehässig oder abfällig gemeint war, übrigens. Es schwang nach meiner Erinnerung immer eine Spur Staunen mit. Vielleicht ist es eine Art, neue Erlebnisse und Begegnungen zu bewältigen, indem man sie benennt. Mustafa begegnet mir heute als Name nicht mehr. Ob die eintreffenden Türken alle glühende Verehrer Attatürks und seiner Reformen waren? So ähnlich stelle ich mir den Einzug des Wortes ifrandj vor, mit allen möglichen Färbungen auch damals, je nachdem, wer es aussprach und mit welcher Beziehung.

Diese drei Bücher möchte ich lesen. Wie die Muslime Europa entdeckten, habe ich bei der Stabi vorgemerkt zum Ausleihen. Das für mich interessantere Buch Historiker im Mittleren Osten ist so rar, daß der eine Band an der Unibibliothek in situ gelesen werden muß. Den prächtigen, reichillustrierten Band von Carole Hillenbrand; The Crusades: Islamic Perspectives, erschienen bei Routledge (2000), nehme ich mir zum Wochenende vor.

Sinn und Art der Geschichtsforschung

Dieser Artikel zu den Leuten, die von jenseits des Mittelmeers in die arabischen Lande kamen war jedenfalls anregende Lektüre, und es gibt darin keinerlei Ansätze, Lehren zur zeitgenössischen Politik zu ziehen. Allerdings frage ich mich, ob es soetwas wie Geschichtsphilosophie in der muslimischen Welt gab, Gelehrte die über Art und Sinn der Geschichtsforschung nachdachten. Lieferten die Chronisten nur Material für Planen und Handeln der Herrschenden? Was brachte die jüngere Geschichtsforschung in Europa dazu, die Weltkarte umzudrehen und die Blickrichtung zu ändern? Schlechtes Gewissen? Oberschläue? Hoffentlich ist es eher diese seelige Erfahrung des Staunens und eine wachsende Ahnung an Möglichkeiten des Miteinanders.

„Eigg islanders celebrate the purchase of their island (Maggie Fyffe at far left). Photograph: Murdo Macleod for the Guardian“
Quelle Text und Bild: The Guardian

Orientlastig auf Exkursion

So im Anfang des Studiums komme ich nicht umhin, ziemlich viel zum Thema Orient einzubringen. Bücher sollen aber immer noch einen starken Anteil halten. Und zum Abschluß dieses Eintrags entführe ich Sie noch auf die Hebriden, weil ich nämlich einen wunderbaren Artikel im Guardian Weekley, der uns regelmäßig ins Haus geflattert kommt, entdeckt habe: „This Island is not for Sale“, von Patrick Barkham.

Auch in Zukunft blättern

Entgegen dem Telekom-Vertreter, der umgeben von energieintensiv hergestelltem Sondermüll in spe von einer papierlosen besseren Welt träumte, möchte ich hier noch einmal einen Appell für papiernes Gedrucktes einwerfen. Der The Guardian ist so großzügig, die Artikel frei ins Netz zu laden, aber ich empfehle ein Abonnement. Die „leergelesenen“ Ausgaben der Guardian Weekly, die ich sonst vorm Laden den Passanten zum Mitnehmen aufs Tischchen gelegt hatte und die mir manchen frohen Ruf des Dankes eingebracht hatten, hinterlege ich nun immer in der Uni für die interessierten Kommilitonen. Diese Nummer werde ich allerdings wohl behalten.

Möchtegern-Potentaten

Ich weiß auch genau, was mich besonders am Artikel fesselt: die Welt im Kleinen. Wie gestalte ich das Leben, das Miteinander, die Bezüge nach ‘innen’ und ‘außen’? Die abwechslungsreiche jüngere Chronik der Insel Eigg ist ein Quell für 1001 Geschichte; und die Parallele zu den „Königreichen“ im outremer, die die christlichen Ritter und Herrscher  versuchten, zu errichten, zeigen, daß alles nicht so fern und zeitlich entrückt liegt, wie man meinen könnte.

Schellenbergs großes Landhaus stand im Hochsommer seinen poschen Feunden offen. Jemand verglich ihn mit Herrn Kröterich: „Keith trägt tatsächlich diese runden Motorradbrillen, und er erscheint immer mit viel Krach und in lauter Staubwolken.“

»Schellenberg’s grand Lodge was open house for his society friends in high summer. One likened him to Mr Toad: “Keith actually wears those round goggles and he’s always arriving in places with a lot of noise and clouds of dust.”« (in: This Island is not for Sale, by Patrick Barkham, The Guardian Weekly, 20 – 26 October 2017)

Und auch, was ernste Geschichtswissenschaft betrifft ist dieser Artikel lehrreich, weil er von vielen Sichtweisen berichtet, und ob die Frage immer die vornehmste ist, was wem nutzt, steht dahin. Vielleicht ist wichtiger herauszufinden, wie man selbst dazu steht und aus welchen Gründen, und wie es sein könnte für einen selbst und für den anderen, und wie man miteinander daran arbeiten kann.

Zu den Hebriden gibt es noch eine Buchempfehlung auf dem Dovegreyreader Blog.

Patrick Barkham weist auf Autoren (und Bücher) hin:

*Übersetzungen, wenn nicht eigens angegeben, sind von mir und frei, nach bestem Vermögen

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