Gesammeltes, unter anderem aus dem Jahr 2004

„Maria mit Jesuskind, osmanische Ornamente und chinesische Fabelwesen“
Detail, Aleppozimmer, Pergamonmuseum, Berlin
Quelle: © SMB, Museum für Islamische Kunst / G. Niedermeiser

Fürs Studium hatte ich alte Ausgaben der New York Review of Books durchforstet und bin neben Artikeln zum Thema der Islamwissenschaften natürlich auch auf andere schöne Artikel gestoßen.

In der Nummer der NYRB vom 4. November 2004 war noch nicht entschieden, ob Kerry oder Bush das Präsidentschaftsrennen machen würden. Aber damit möchte ich mich auch nach dreizehn Jahren nicht befassen, weil es immer noch deprimiert. Interessiert haben mich der Beitrag von Charles Simic über den Briefwechsel von Robert Duncan und Denise Levertov (Stanford University Press): The Wealth Poverty Buys, und was Richard Dorment zu William Nicholson (von Sanford Schwartz, bei Yale University Press) zu sagen hat (The Artistic Bloke). Dann kommt der Dalrymple Artikel, der Anlaß war, die Nummer hervorzukramen. Es gibt auch Lewis Lockwood, der sich fragt „Who Is The Real Mendelssohn?“ (Bücher von Todd und Brown) und schließlich noch einen Artikel von J. H. Eliott zur Geschichte Spaniens (Bücher von H. Thomas, D. A. Lupher, St. Poole, Stein, und der Ausstellungskatalog vom Seattle Art Museum). Zu all diesen werde ich später kurz kommen, aber nun zuerst einmal auf nach al-Andalus!

Reading Along the NYRB
50 Jahre New York Review of Books 50 Years

Dalrymple bespricht mehrere Bücher; Anlaß waren Neuerscheinungen von Richard Fletcher, Bernard Lewis und Nabil Matar, und der Artikel erstreckt sich über vier Seiten, und diesmal habe ich mich entschieden, nicht zusammenzufassen, sondern stückweise zu übersetzen; denn schon der erste Absatz ist mir in Gänze sympathisch, daß ich nichts kürzen möchte. Hier nun also:
William Dalrymple: „Die Wahrheit über Muslims“

Ein Autor diktiert einem Schreiber
illumiertes Manuskript, Frankreich, ca 1230
Quelle: Morgan & Library Museum, NY

1.

»Irgendwann Anfang der 1140er war es, als ein Gelehrter aus dem Norden Italiens die beschwerliche Überquerung von Alpen und Pyrenäen auf sich nahm und schließlich im gerade wieder zurückeroberten spanischen Toledo eintraf. Dort erhielt Gerhard von Cremona die Stelle des Domherren der Kathedrale, zuvor die Freitagsmoschee, die erst kürzlich den Moslems der Stadt genommen worden war.

Vor dem Aufstieg des Islam war Toledo die Hauptstadt des westgotischen Spanien gewesen, und ihre Eroberung unter Alfons VI von Castilien war ein wichtiger Moment in der reconquista der Cristen im Land, das im Islam als al-Andalus bekannt war. Viele Muslime der Stadt hatten sich aber entschieden, unter kastilischer Herrschaft zu bleiben, und unter ihnen war ein Gelehrter namens Ghalib, der Mozaraber. Wie Gerhard und Ghalib einander trafen und Freunde wurden ist nicht bekannt, aber bald nach Gerhards Ankunft begannen beide in einer Serie von Übersetzungen zusammenzuarbeiten; die arabische Bibliothek in Toledo war von der Plünderung der erobernden Christen verschont geblieben.

Allen Lane (Penguin Books. Vergriffen)

Fleißige Übersetzer in al-Andalus

In seinem Buch „Kreuz und Sichel: Christentum und Islam von Mohammed bis zur Reformation“ weist Richard Fletcher daraufhin, daß Gerhard und Ghalibs Art, zu übersetzen, von heutigen Gelehrten nicht als die ideale Weise erachtet würde. Ghalib übertrug das klassische Arabisch ins kastilische Spanisch, und dieses übersetzte Gerhard dann ins Lateinische. Da viele der Texte ursprünglich griechisch gewesen sind, zum Arabischen über das Syriakische gekommen waren, gab es viel Raum für Fehler. Aber es muß doch geklappt haben. Im Lauf der nächsten fünfzig Jahre übersetzten Ghalib und Gerhard nicht weniger als achtundachzig arabische Werke der Astronomie, Medizin, Philosophie und der Logik, lauter Wissenschaftszweige, die das Aufwachen europäischer Gelehrsamkeit, manchmal die Renaissance des zwölften Jahrhunderts genannt, untermauerten.

Andere Übersetzungen aus dem Arabischen während dieser Zeit füllten Europas Bibliotheken mit einem Reichtum an Wissen dass allein auszudenken ein Jahrhundert zuvor unmöglich gewesen wäre: es waren darunter Ausgaben von Aristoteles, Euclid, Plato und Ptolomäus, Kommentare von Avicenna (Ibn Sina) und astrologische Texte von al-Chwarizmi, Enzyklopädien für Astronomie, illustrierte Schachpartien [accounts of chess] und Bestimmungsbücher für Edelsteine und ihre Heilkräfte.

Wagenbach / Edinburgh U P

Gaben aus dem Morgenland

Es war ein entscheidender, wenn auch mitunter vergessener, Moment in der Entwicklung westlicher Zivilisation: die Wiedergeburt mittelalterlicher Gelehrsamkeit mittels einer Volltransfusion von Wissenschaften aus der arabischen Welt. Vermutlich gelangten über das muslimische Spanien so wesentliche Elemente westlicher Zivilisation nach Europa wie Papier, Vorstellungen höfischer Minne, Algebra und der Abacus. Der Spitzbogen und die griechisch-arabische (oder Unani, vom arabischen Wort für Griechenland/Ionien) Heilkunst erreichten derweil das Christentum via Salerno und Sizilien, wo der normannische König Roger II – bekannt als der getaufte Sultan – den tunesischen Gelehrten al-Idrisi mit der Erstellung eines enzyklopädischen Werks zur Geographie beauftragt hatte.

Edinburgh University Press

Von der Geburt der Universitäten

Einige Historiker gehen noch weiter. Professor George Makdisi von Harvard hat überzeugend nachweisen können, daß der Islam entscheidend bei der Gründung des frühen Universitätswesens im Westen beigesteuert hat, wobei Begriffe wie „fellows“ haben, einen „Sitz“ einnehmen, oder Studenten, die ein Fach „lesen“ und Studien“grade“ erhalten,* wie auch der Brauch, Antrittsvorlesungen zu halten und Talare zu tragen, all dies kann zurückverfolgt werden zu Islamischen Konzepten und Praktiken.
* [-hier fehlen mir die deutschen Entsprechungen, um den europäisch-arabischen Bezug herzustellen; im Originaltext heißt es: »terms such as having „fellows“ holding a „chair“, or students „reading“ a subject and obtaining „degrees,“«]

Und überhaupt, die Vorstellung der Universität im modernen Sinne – ein Ort des Lernens, an dem sich Studenten versammeln, um bei einer Reihe von Lehrern ein breites Spektrum an Wissen zu studieren – wird gemeinhin als eine arabische Neuheit angenommen, die in der al-Azhar Univerität in Kairo entwickelt wurde. Wie Makdisi aufzeigt entstanden die ersten Universitäten der Christenheit in den Städten, die an der arabischen Welt angrenzten, Salerno, Neapel, Bologna, Montpellier und Paris; und von dort her breiteten sie sich nach Norden hin aus.

Cambridge UP

Symbiose oder Feindschaft

Die gequälte und komplexe Beziehung zwischen westlicher Christenheit und der Welt des Islam hat unter Historikern eine Vielzahl an Reaktionen hervorgerufen.

Einige sind der Ansicht, wie der große Gelehrte der Mittelalterforschung, Sir Steven Runciman, (der dies zum Schluß seiner meisterhaften dreibändigen Geschichte der Kreuzzüge schreibt), dass ‚unsere Zivilisation aus der langen Reihe an Interaktionen und Verbindungen zwischen Orient und Okzident gewachsen ist‘. Runcimann glaubte, dass die Kreuzzüge weniger als Versuch verstanden werden sollten, die an den letzten der barbarischen Invasoren, an den Islam, verlorenen christlichen Hochburgen [heartlands] zurückzuerobern.

Die wirklichen Erben römischer Zivilisation waren nicht die Ritter in ihren Kettenhemden aus dem ländlichen Westen sondern die gebildeten [sophisticated] Byzantiner von Konstantinopel und die arabischen Kaliphate von Damaskus; beide hatten die hellenisierte städtische Zivilisation des antiken Mittelmeerraums bewahrt, lange nach dem diese in Europa zerstört worden war.

Andere meinen, daß die Beziehung zwischen Islam und Christentum im Grunde entgegengesetzt ist, ein langwährender Konflikt zwischen zwei rivalisierenden Zivilisationen von Ost und West. Wie Gibbon bekanntermaßen anmerkt (in der Übersetzung von Johann Sporschill, 1800-1863), beim Sieg der Franken in der Schlacht von Tours, 732 AD, der ja den arabischen Vorstoß in Europa abbrach:

Der Sieg war nun über mehr als tausend Meilen vom Felsen von Gibraltar bis zu den Ufern der Loire hinausgetragen worden. Die nochmalige Zurücklegung einer gleichen Strecke hätte die Sarazenen an die Grenzen Polens oder die schottischen Hochlande gebracht. Der Rhein ist nicht unfahrbarer als der Nil oder Euphrat, und die arabische Flotte hätte ohne Kampf in die Mündung der Themse einlaufen können. Es wäre möglich gewesen, daß der Koran in den Schulen von Oxford gelehrt und von den Kanzeln einem beschnittenen Volke Offenbarungen Mohammeds verkündet worden wären.

Bei den besprochenen Büchern zählt Richard Fletchers The Cross and The Crescent in weiten Teilen zu Runcimans Lager und hebt hervor, daß die muslimisch-christlichen Beziehungen nie nur eine Geschichte von Konflikten gewesen ist, sosehr sie auch geplagt waren von gegenseitigem Ignorieren, von Missverständnissen und langen Zeiten regelrechter Gewaltausbrüche. Tatsächlich war der mittelalterliche Westen zutiefst befruchtet durch das Studium und durch die Literatur des Islam.

* * *

Ende des 1. Teil; denn nun geht es um Bernard Lewis, und das ist eine andere lange Geschichte.


Charles Simic, by David Levine, NYRB

Noch kurz zu den anderen Artikeln:

Dichtung ist der Reichtum, den die Armen sich leisten

Unter einem Zitat von A.R. Ammons, „Poetry’s the wealth poverty buys“, stellt Charles Simic den Briefwechsel zwischen Robert Duncan und Denise Levertov vor. Zu Duncan, der „wenig Wert in Werken von Dichtern jenseit seines Kreises fand“, schreibt Simic:

»Dichter können mitunter starrsinnig und geradezu beschränkt sein, wenn es um ihre Zeitgenossen geht. Dabei sind sie allerdings gezwungen, ihre Vorstellungen von Dichtung auf interessanter Weise zu definieren.«

Weiter schreibt er:

»Der eigentliche Prüfstein aller dieser dichterischen Theorien war der Vietnamkrieg und das Bedürfnis, etwas der hilflosen Empörung und der Verzweiflung der Dichter zum Ausdruck zu bringen, wie ihn Schriftsteller zu der Zeit verspürten. Levertov schrieb, wie es zu einem ihrer Anti-Kriegsgedichte gekommen war:

Wie ich die fragile Schönheit des menschlichen Körpers betrachtete, war ich erneut betroffen von der befremdlichen Vorstellung, wie Menschen tatsächlich die Anwendung von Gewalt gegeneinander planen können – wirklich, es ist bizarr, sobald man aufhört, darüber nachzudenken, nicht wahr? Dass wir es je für selbstverständlich nehmen können.«


Der künstlerische Kerl

Richard Dorment schreibt über „The Artistic Bloke“, William Nicholson, zwischen seinen Schaffensperioden, in denen er graphisch reduziert im Plakatstil arbeitete –

„eine Kunst, der die britischen Leute [zum Ende des 19. Jhdts.] trauen können, eine Kunst, die anti-ästhetisch, ja beinahe banausisch ist. Aber die gewagte Einfachheit seiner Komposition und sein radikaler Umgang mit freier Fläche positionieren ihn vorne in die Reihe der frühen Moderne.“

Der Hügel über Harlech (ca. 1917)
Tate Gallery, London

Nicholsons Portraits werden ausführlich besprochen und auch seine Landschaften. Während Sanford Schwartz in seiner Studie, die hier besprochen wird, das Zerwürfnis mit Nicholsons Sohn als Grund anführt für eine abnehmende Bewunderung des Künstlers vetritt der Rezensent eine andere Ansicht:

»William ist ein wunderbarer Künstler, aber der typische Vertreter der besonderen geringeren Künstler. Er war von Natur her kein spekulativer, fragender Maler; aber man würde ein Stilleben oder eine Landschaft von Nicholson nie mit denen irgend eines anderen Künstlers verwechseln. Sein Beitrag zur Geschichte der Kunst liegt in seiner besonderen künstlerischen Personalität, die er jedem seiner Werke einprägte. Die Freude liegt gänzlich im Visuellen, niemals im Intellektuellen -«

R. H. Russell, New York – jetzt bei Penguin

Fangt an, die Neuigkeiten zu verbreiten

Benjamin Moser beherzt den Aufruf „Start Spreading the News“, und es geht um die Rezeption der Holländer als frühe Kolonialisten des heutigen New York. Moser bespricht zwei Bücher zum Thema von Annette Stott und von Russell Shorto, setzt aber an mit einem Buch, das schon 1809 erschienen war: Diedrich Knickerbockers humoristische Geschichte der Stadt New York. Unter den beiden besprochenen Autoren schneidet Annette Stott eindeutig besser ab. Sie meint, wie Moser zusammenfasst:

»Ironischerweise verdanken wir [Nordamerikaner] einige der weitgefassteren Vorstellungen unserer Nationalität der Hollandmode im späten 19. Jhdt. Die Historiker, die zu der Zeit holländischen Einfluß im amerikanischen Leben priesen, gehörten einer breiteren Bewegung an, die den Einfluß anderer nicht-englischer Gemeinschaften, besonders die der Iren, Schotten, Deutschen und Franzosen kleinredeten.«

Carus

Wer ist der wahre Mendelssohn?

Lewis Lockwood untersucht in seiner Rezension Which Is the Real Mendelssohn? zu zwei Büchern über Felix Mendelssohn dessen Bedeutung als Musiker und die Frage der Religion. Felix Mendelssohn, der nach der Taufe zum protestantischen Christen den Beinamen Bartholdy erhielt, bewahrte laut Eric Werner ein tiefverwurzeltes Gefühl für das Schicksal der Judenheit, das positiver ausfiel als bei seinem Vater, und daß er eine starke Solidarität hatte, wannimmer es um Juden als Personen ging.

Todd schreibt wie ein Gelehrter, so der Rezensent, der sich über Jahre intensiv mit seinem Thema befasst hat und der ein stetes Gleichgewicht hält, wenn er die religiöse Haltung Mendelssohns untersucht.

Ein Armadillo, aus dem Atlas der Naturgeschichte von Francisco Hernandez – La Universitat de València – eine der Illustrationen zum Artikel in der NYRB

Die Herrschaften in Spanien

Der Artikel von J. H Eliott über Bücher zur Geschichte Spaniens ist mit einem Wortspiel betitelt, daß ich nicht deutsch übersetzen kann: The Reigns in Spain spielt auf das Stück The Rain in Spain vom Musical My Fair Lady an, daß ja im Deutschen als „Et jrient so jrien wenn Spanjens Blieten bliehen“ bekannt ist.

Die besprochenen Bücher und der Ausstellungskatalog befassen sich hauptsächlich mit der Herrschaft Spaniens in der Neuen Welt, und Eliott ist selbst ein Historiker des Fachs und bietet einen profunden Rundblick. Hier ist ein schöner (langer) Satz:

John Hopkins U Press

Das abschließende Kapitel in [David A.] Luphers Buch [Romans in a New World]  vermittelt eine wertvolle Demonstration, wie Europäer zu gegebener Zeit ihrer eigenen Zivilisation im Licht der Ereignisse in der Neuen Welt wahrnahmen; es focht das klassisache interpretierende Modell an, mit dem bisher versucht worden war, die Begegnung mit der erstauznlichen Vielfalt an Menschen und Zivilisationen zu bewältigen, die ihnen bei den Fahrten über See erschienen. Las Casas hatte nämlich Parallelen gezogen zwischen den spanischen Invasoren der „Indies“ und den römischen Invasoren der iberischen Halbinsel, und in der die Iberer zu Römerzeiten die Unterworfenen waren, geknechtetr unter harter Arbeit, so mußten die Indios unter den Spaniern fühlen, was den „Anderen“ plötzlich nahe brachte. Unter den besprochenen Büchern bevorzugt Eliott aber das der beiden Stein, Apogee of Empire. Die Autoren wissen, wie wichtig es ist, den Zusammenhang von Bedingungen und Momentum zu beachten, was zu einem vorsichtigeren Urteilsprozess führt und mehr Faktoren berücksichtigt.

und Aus.

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