Expeditionen in den Orient

Ausgaben der New York Review of Books – Durchgesehen; und bereit, der Sammlung hinzugefügt zu werden.

Reading along the New York Review of Books

Ausschnitt aus dem Archiv

Wenn eine neue Nummer der New York Review of Books eintrifft, freue ich mich jedesmal; und bevor ich sie beiseite lege, habe ich etliche Artikel darin mit Freude gelesen. Hier folgt der Anfang einer Expedition in den Seiten der NYRB durch islamwissenschaftlich relevante Themen, die in ihrer Bandbreite schön illustrieren, wie weitgefasst dieses Studienfach ist.

Seldschukenpracht in New York
Splendors of the Seljuqs in New York

Ausgabe LXIII/13; August/September 2016: Peter Brown über die Ausstellung im Metroplitan Museum  und den Katalog von Sheila R. Canby u. A: Court and Cosmos: The great Age of the Seljuqs (Yale, 2016).

Yale University Press

Ein Satz aus dem Artikel, der vielleicht neugierig macht, mehr zu erfahren:

Altogether, the Seljuq courts were unusual for their sense of peering down a deep well into a long-forgotten pre-Muslim past. At the bottom of this well, beside the legendary rulers of Iran, stood Alexander the Great.

[„Insgesamt waren die seldschukischen Höfe außergewöhnlich; denn sie hatten einen Sinn dafür, tief in einen Brunnen langvergessener vorislamischer Vergangenheit zu schauen. Am Grunde dieses Brunnen stand, neben den legendären Herrschern Persiens, Alexander der Große.“]

Das Wiederherstellen von Marokkos Vergangenheit
Restoring Marocco’s Past

Ausgabe LXV/18; November/Dezember 2018: Ursula Lindsay über zwei Romane von Ahmed Bouanani, vom Französischen ins Englische übersetzt von Lara Vargnaud (The Hospital) und Emma Ramadan (The Shutters). Beide Bücher sind im Verlag New Directions erschienen.

Die folgende Zusammenfassung des Artikels ist sehr lose übersetzt:

Bouanani, 1938 in Casablanca geboren, erlebte schwere Zeiten und Gewalt. Nachdem 1953 die französische Protektoratsmachthaber Mohammad V., der die Unabhängigkeitsbestrebungen unterstützte, ins Exil geschickt hatten, brachen im Land gewaltsame Proteste aus, bei denen Bouananis Vater, ein Polizist, auf der Straße vor dem Haus erschossen wurde. In seinem Roman The Shutters [Die Fensterläden] erinnert sich Bouanani, der er als Sechzehnjähriger Zeuge war, an die Szene und den Schützen“:

He fires the only bullet, one bullet is enough. And the sun felt dizzy. Morning no longer knows which way to turn. The entire city, the walls, the lights, the new sky were the stars barely had time to turn on. Everything falls in front of my bicycle.

[Er feuert eine Kugel; eine Kugel reicht. Und die Sonne erschien schwindelig. Der Morgen weiß nicht mehr, wohin er sich wenden soll. Die gesamte Stadt, die Wände, die Lichter, der junge Himmel in dem die Sterne kaum Zeit hatten, weiter zu ziehen. Alles stürzt nieder vor mein Fahrrad].

Quellen: New Directions und bidoun.org

Der andere Roman beschreibt Das Hospital als teils Sanatorium, teils Fegefeuer, teils Gefängnis. Er nimmt Gefängniserinnerungen vorweg, die als Welle in den späten Neunzigern das Ende von Marokkos infamer unterdrückerischer Zeit, „Bleiernes Jahr“ genannt, markieren würden. Aber es ist auch Anders: Bouanani war kein politischer Gefangener, obwohl er mehrere unter ihnen kannte; die Qualen der Hospitalisierten – er selbst litt unter Tuberkulose und verbrachte 1967 ein halbes Jahr im Moulay Youssef Krankenhaus in Rabat – waren zumeist metaphysischer Art und erwuchsen aus ihren eigenen Empfindungen von Schrecken und Sinnlosigkeit.

Still von „6 und 12“ Quelle: Berlinale Archiv

Bouanani, der auch Regisseur war, rang wie viele seiner Zeitgenossen damit, wie die gewaltigen Risse zu schließen wären, die der Kolonialismus verursacht hatte, und wie man den Versuchen der Auslöschung und Verzerrung unter der neuen Herrschaft widerstehen könnte. Hassan II hatte sich schlau in Beides, Moderne und Tradition, gehüllt, jenachdem, wie es gerade passte. Bouanani als Poet in seiner erklärten Rolle, die Geschichte seiner Leute in Erinnerung zu rufen, als „historian of his tribe“, schrieb und filmte von

a worn down universe, amid a vanquished, humiliated humanity, resigned to an absurd destiny of flowering graves that led to an uncertain future in intolerable paradises

[einem heruntergekommenen Universum inmitten einer überwältigten, beschämten Menschheit, resigniert zu einer absurden Bestimmung von blühenden Gräbern, die in eine ungewisse Zukunft weisen, in unerträgliche Paradiese].

In den Sechzigern, in der Zeitschrift Souffles (Atemzüge), versuchten Bouanani und seine künstlerischen Kollegen, darunter Tahar Ben Jelloun, Abdellatif La’abi und Farid Belkahia,  eine andere, indigene Moderne zu schaffen. Die Zeitschrift geriet zunehmend agitatorisch und marxistisch-leninistisch und wurde 1972 aufgelöst.

Vieles von Bouananis Schaffen fiel widrigen Umständen und Zensur zum Opfer. 2006 zerstörte ein Feuer und Löschwasser viel unveröffentlichtes Material, von dem seine Frau Naïma unter großen Mühen Einiges retten konnte.

Ahmed Bounani glaubte, daß wir nur im Pflegen von dem, was Andere uns hinterlassen, und im Bewahren ihrer Erinnerungen Sinn und Trost in dieser harschen Welt finden können. Es scheint, als habe er sich am Ende darein geschickt, daß er selbst vergessen würde. Entgegen allen Erwartungen ist es nicht so.

Die Expeditionen werden fortgesetzt.

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