Buchdruck und mündliche Kultur bei Ginzburg

Eine feine Lektüre! Carlo Ginzburg, „Der Käse und die Würmer“

Von Mund zu Mund, und aus Büchern erlesen

Carlo Ginzburg; Il formaggio e i vermi Adelphi; Milano Titelbild: Pieter Brueghel d. Ä. Die Kornernte (Ausschnitt). The Metropolitan Museum of Art, New York.

In seinem Buch von 1976, Il formaggio e i fermi. Il Cosmo di un mugnaio de ‚500, verfolgte Carlo Ginzburg die Frage, wie ein einfacher Müller aus dem Friaul um 1600 ein Gebäude religiöser Vorstellungen in seinem Kopf errichten konnte. Er stieß bei der Forschung der Gerichtsakten zum Vorwurf ketzerischer Ansichten, die alle Befragungen vor der Inquisition dokumentierten und auch Handschriften des Müllers enthielten, auf einen Reichtum an Quellen, die teils Büchern entsprang und teils einem regen Austausch über Klassengrenzen hinweg. Als eine der tiefen Quellen meinte Ginzburg aber eine archaische Volkskultur zu erkennen, die mündlich weitergegeben war.

Wagenbach – erscheint im Januar 2020 Erweiterte Ausgabe mit neuem Vorwort Aus dem Italienischen von Karl F. Hauber (Bildausschnitt: Quelle nicht gefunden: Bosch? Brueghel?)

Auf Seite 93 der deutschen Ausgabe, die in der Übersetzung von Karl F. Hauber 1983 beim Frankfurter Syndicat Verlag erschienen war, (ich hatte das Buch letztes Jahr antiquarisch erworben), stieß ich auf eine Passage zur Gegenüberstellung mündlicher und schriftlicher Kultur und stolperte über diese Worte:

„So hatte [Menocchio] in ureigenster Weise die unermeßliche historische Kluft erlebt, die das gestikulierende, murmelnde oder schreiende Sprechen der mündlichen Kultur von der tonlosen, auf dem Papier erstarrten Sprache der schriftlichen Kultur trennte.“

In Victor Hugos „Notre Dame de Paris“ gibt es eine lange Passage über die Handwerker der Kathedrale, die am Morgen der Buchdruckerkunst sich noch mächtig ihrer Sprache bedienen: Bilder und Vorstellungen in Stein zu meißeln und in das Holz der Gebetsbänke zu schnitzen. Daran muß ich denken, und ich störe mich etwas an der unterschwellig vermittelten Vorstellung der Unbeholfenheit, die sich mir mit Gestikulation, Murmeln und Schreien aufdrängt. Sicher war die mündliche Kukltur an Sprachmächtigkeit der Buchkultur ebenbürtig. Es fragt sich, ob die Kluft tatsächlich zwischen diesen Formen verlief oder nicht eher zwischen denen in Fron geknechteten und jenen, die über die nötige Muße verfügten, sich auszutauschen und nachzudenken und zu kommunizieren. Der Müller hat mich jedenfalls in Erstaunen versetzt und an den Spaß erinnert, über Gott un die Welt nachzudenken.

Carlo Ginzburg Autorenportrait © Horst Rudel / Wagenbach

Für die guten Vorsätze im neuen Jahr: Im Januar erscheint Haubers Übersetzung, mit neuem Vorwort versehen, bei Wagenbach, der schon viele Werke von Ginzburg, der an der Universität in Pisa lehrt,  der deutschen Leserschaft auf bekannt geschmackvolle Weise erschlossen hat.

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