„Inmitten einer brodelnden Welt“

Bowersock und Brown

Von der Aksum-Verbindung und dem Manövrieren zwischen Großmächten

Es ist ja nicht so, daß es da nichts gab, und nun plötzlich trifft eine neue Religion ein. So klein und handlich und wohlgefällig groß gedruckt dieser Band The Crucible of Islam (Harvard University Press) von Bowersock ist, liefert er faszinierende Forschungserkenntnisse zu zahlreichen und vielfältigen Faktoren, aus denen der Islam über mehrere Jahrzehnte geformt wurde, bis ʿAbd al-Malik ihn gewissermaßen staatlich definierte.

Evangelist Markus. Illumination des Garima Evangeliars, Aksum, spätes 5. oder 6. Jhdt. © Michael Gervers für NYRB 11. Mai 2017, S. 48

Die Bedeutung von Aksum, dem alten Königreich im heutigen Äthiopien, war ein solcher faszinierender Teil: Von der großen hiǧra, dem Auszug nach Yathrib im Jahr 622 – dem Jahr Null des Islam -, haben sicherlich die meisten schon gehört. Da war Mohammed mit seinen Glaubensgefährten und deren Familien ins heutige Medina übergesiedelt. In Mekka war es zuvor zu Spannungen gekommen, und diese – das war mir neu – hatten zu zwei kleineren hiǧra nach Aksum geführt. Die beiden großen Mächte, die zu den Zeiten die Geschicke prägten, waren Byzanz und die persischen Sassaniden, und über die kommenden Jahre geschah es immer wieder, daß in ihrer Wahl der Gefolgschaft und Sympathie Christen und frühe Muslime sich Juden und Persern feindselig gegenüberstanden. Bowersock geht es aber nicht um Freund-Feind-Schemata, und, wie er in seiner Einleitung sagt, es geht ihn auch nicht um „eine weitere Erzählung vom Aufscheinen des Islam, sondern um einen Einblick zu verschaffen in die chaotische Welt in der Islam ermöglicht wurde, und um günstigstenfalls zu verstehen, wie er geformt wurde.“ (frei übersetzt nach: Prologue, S. 9)

Es geht um Gottessohnschaft, um Münzen und Inschriften, um Toleranz und Doktrin, um enorme Distanzen, die zurückgelegt wurden, und um Diplomatie und Austausch von Kultur, um den allmählichen Übergang von einem modus vivendi zu einer strukturierten Herrschaftsform. Viele Stellen aus dem Koran werden im historischen Kontext erläutert, und mit alten Vorurteilen von gewaltsamen Eroberungen mit Schwert und Glaubenszwang wird aufgeräumt. Dabei verschweigt Bowersock nicht, wiesehr schon zu Anfang innerhalb der Glaubenden Zerwürfnis in Gewalt umschlug, in Kalifenmorde und Kriege (fitna).

C. H. Beck Verlag Leseprobe

Bowersock sagt zur Arabischen Halbinsel (Ancient Near East) am Vorabend der Islamischen Eroberungen:

Instead of lying desolate and ready for new rulers, it was already experienced in survival under a foreign power [Sassanids] and therefore all the more likely to be accomodating when a new one arrived.    (S. 96 / 97)

[etwa: „Statt dass sie verödet und bereit für neue Herrscher daniederlag, war sie im Überleben unter Fremdherrschaft geübt und deswegen eher geneigt, neue Herrscher anzunehmen.“]

Bevor ʿAbd al-Malik die Herrschaft des Islam buchstäblich prägte (erst unter ihm gab es einheitlich geprägte ausdrücklich islamische Münzen), regierten die ersten Kalifen ein stetig größer werdendes Gebiet in einer Weise, daß sich für den gewöhnlichen Untertan kaum etwas änderte. Bowersock erweist sich mit seinem klar strukturierten Band als kundiger Weggeleiter durch dies uneindeutige, unübersichtliche und stetig umgewälzte Gebrodel, und er hält die Lust, den Blick in die Vergangenheit zu richten, lebendig, schult den Blick für heutiges Staatswesen und heutige Strömungen.

Deutsch, in der Übersetzung von Rita Seuß, ist das Buch im vorigen Jahr im Verlag C. H. Beck erschienen: Die Wiege des Islam

Inmitten einer brodelnden Welt

So etwa lautert der Titel, At the Center of a Roiling World, einer Rezension von Peter Brown in der New York Review of Books vom März 2017, dem Jahr als Bowersocks Buch erschien. Seit ich die deutsche Wagenbachausgabe (leider vergriffen) von Peter Browns The World of Late Antiquity: AD 150–750 gelesen hatte, spitze ich immer die Ohren, wenn er sich wieder zu Wort meldet, wie man in diesen Seiten verfolgen kann (Suchergebnisse „Peter Brown“). Auch diesmal erscheint seine Rezension in der New York Review of Books, nach wie vor abonniert und gründlich gelesen. Brown schreibt über den Aspekt der sich manifestierenden Unverträglichkeit der drei monotheistischen Religionen, mit denen Bowersocks Buch endet:

The last pages of Bowersock’s book are austere and sobering. The more Muslims, Jews, and Christians entered into dialogue with one another, the more each religion came to recognize areas of incompabitility with the others. […] They are perilious incompatibilities. How each generation handles them is a test of its humanity.

[etwa: „Die letzten Seiten von Bowersocks Buch sind ernst und ernüchternd. Je mehr Muslime, Juden und Christen miteinander ins Gespräch kommen, desto mehr erkennt jede Religion Bereiche der Unverträglichkeit mit den anderen. […] Es sind bedrohliche Unverträglichkeiten. Wie jede Generation mit ihnen verfährt, ist ein Prüfstein ihrer Menschlichkeit.“]

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