Der Geist weht, wo er will

Aus dem Jahângîr-Album (um 1600) der Staatsbibliothek zu Berlin / Libri picturati A 117, f.3r (Ausschnitt) / Zwei europäische Kupferstiche: „Pfingsten“ und „Die vier Evangelisten“ / Indische Buchmalereien: Rahmen mit Vögeln, Blumen und Waldgetier / Quelle: SBB Orient Digital. Bei „Buchkunst“ Pfingsten als Suchwort eingeben

Vom heiligen Geist im Koran

Als ich mich im letzten Semester für eine Hausarbeit virusbedingt auf elektronischem Weg mit arabischen Manuskripten befasste, wurde ich wieder einmal der Fülle an Material gewahr, die jeder mit Computer sichten und bewundern kann im Museum daheim auf dem Bildschirm. Hier oben ist beispielsweise ein Ausschnitt aus einem Blatt, das als Ausdruck gegenseitiger Wertschätzung von Ost und West verstanden sein kann: die Blüte abendländischer Kupferstecherkunst trifft auf Buchillustration persischer Meisterschaft. Es ist auch ein Zeugnis eines Nebeneinanders oder sogar Miteinanders bar jeder Besserwisserei oder Ansprüchen für die Innehabe alleiniger Wahrheit.

Jahangir holding a jade cup dated 1620-25 CE / Los Angeles  County Museum of Art

Zum Jahangir Album

Jahângîr [Jahangir] regierte im Mughal-Indien von 1605 bis 1625. Er war mit Mehr-on Nesa, einer Perserin, verheiratet und erlaubte ihr und ihrer Familie beträchtlichen Einfluß in der Regentschaft. Unter seiner Herrschaft gab es öffentliche Dispute, die zwischen den muslimischen Gelehrten – der Ulama – und Jesuiten ausgetragen wurden. Die Enzyklopaedie 1 bescheinigt Janghir auch Grausamkeiten zu Beginn seiner Herrschaft; und diese legten den Grundstein für die Feindschaft zwischen Moghulen und Sikh. Auch hegte er eine heftige Neigung zum Wein- und Opiumkonsum („bis Übertreibung ihm gewisse Mäßigung lehrte“). In der Enzyklopaedie heisst es weiter (frei übersetzt): „Er war ein recht erfolgreicher Herrscher und gerechter Verwalter. Er besaß einen wachen Sinn für die Natur, aufgeweckte Wahrnehmung menschlichen Charakters und zeigte künstlerischen Sinn, was ihn – gemeinsam mit seiner Frau – zum bedeutenden Patron für Malerei werden ließ.“
1 A. L. Srivastava Professor für Geschichte (verstorben), Agra College, in der Encyclopaedia Britannica Bd. 21 und Bd. 6

Zur Friedrich Rückert Koran Übersetzung

Auf den Spuren des Heiligen Geistes im Koran konsultierte ich die jüngst in der Schleicherschen erworbenen Übersetzung von Friedrich Rückert, dem bescheinigt wird, dass er aufs vortrefflichste die sprachliche Schönheit des Qur’ans ins Deutsche übertragen hat.  Hier also einige Textstellen in der Übersetzung von Friedrich Rückert:

Dem Mose gaben wir die Schrift einst,
Und ließen nach ihm folgen die Gesandten,
Und gaben Jesus, Sohn Marias, die Beweise,
Und stärketen ihn mit dem Geist der Heiligkeit.

aus Sure 2, „Die Kuh“, Vers 87

Berlin, Staatsbibliothek: Wetzstein II 1913 (Ahlwardt 305)

Der Geist versieht hier Jesus mit Stärke im Glauben, und er ermächtigt ihn auch, sich von Kindesbeinen an bei den Menschen verständlich zu machen. Auch hier ist also die starke Verbindung von Geist und Sprache und Verständigung. Die Zitatstelle im Bild entstammt einem der sehr frühen koranischen Handschriften, diese vermutlich schon aus dem achten Jahrhundert. (Die Geburtsstunde des Islam wird mit 622 veranschlagt). Es ist auf Pergament geschrieben in einer Schrift, die bald nicht mehr im Gebrauch blieb, und mitunter nach dem Gebiet um Mekka und Medina als Ḥiǧāzī (Fr. Déroche) bezeichnet ist.

Tisch. Detail aus eine Hanschrift / Diez A fol. 71

Wie Gott sprach: Jesus, Sohn Marias!
Gedenke meiner Wohlthat über dir und deiner Mutter,
Wie ich dich stärkte mit dem Geist der Heiligkeit,
Daß du sprachst zu den Menschen in der Wieg‘ und als Erwachsener

aus Sure 5, „Der Tisch“, Vers 110

Diez A fol. 16 / al-Qurʾān / 1591

Dieser Ausschnitt eines Korans aus der Sammlung Diez zeigt nicht exakt die Stelle der 5. Sure, sondern die Eröffnungszeile einer Sure (erkennbar durch den gestreckten Buchstaben „mim“), die ein frommer Muslim vor dem Zitieren spricht: „Im Namen Gottes, des allbarmherzigen Erbarmers“ (in Rückerts Übersetzung). Es entstammt einer Koranausgabe (siehe auch das folgende Bild), über die auf der Twitterseite: Social Codicology von unserer Dozentin Dr. Olly Akkerman diskutiert wird (frei übersetzt):

Ahlwardt 373 Df. 16.

A: Dieser Koran ist, denke ich, vielleicht malayischen Ursprungs, wenn man die Dekoration betrachtet, die Schrift und andere Elemente. Laut Auflistung ist er von 1591, was mir sehr früh erscheint – ist jemand da mit umfassenderen Kenntnissen, der das vielleicht bestätigen kann?

B: Dieser Koran ist von Java, mit dem charakteristischen diamantförmigen illuminierten Rahmen und dem knotigen ta marbuta [Endbuchstabe ة] in den Suren-Überschriften. Etwa 1800 wäre als Datum typisch, 1591 wäre außerordentlich / bemerkenswert interessant!

A: Gut, dass die geographische Lage annähernd stimmte und ich mit meinem Gefühl nicht falsch lag, dass es wohl später als 16. Jahrhundert ist. Mir ist es ein Rätsel, wie die Staatsbibliothek zu Berlin auf dieses Datum kommt[*], wo ich weder Kolophon noch Hinweise in den Marginalien finden konnte.

B: Vielen Dank dafür, mich auf diese javanesische Koranhandschrift aufmerksam gemacht zu haben. Wenn Sie wieder einmal auf Kodizes aus unbekannter Region stoßen, versuchen Sie es bitte bei mir.

C: Sind die Nummern in den Marginalien Suren-Nummern? Sie sehen so aus, aber Sure al-Kauṯar [Die Fülle] ist statt 108 hier 106, und so weiter.

A: Sie sind bestimmt durch einen europäischen Sammler oder Archivar irgendwann im Manuskriptenleben eingefügt worden sein; trotzdem ist die falsche Zählung merkwürdig.

D: B, was denken Sie? Könnte es von Dagestan sein?

[*] Die Datierung findet sich übrigens im Katalog von Ahlwardt (siehe Bild oben).

Solch ein Austausch ist es, den ich, zusammen mit dem Leben auf dem Campus, vermisse bei dieser stillen Arbeit von zu Hause aus. In der folgenden Erwähnung des Geistes tauchen weitere seiner Gaben auf, als da im Christentum sieben aufgelistet sind: Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Wissenschaft, Frömmigkeit und Gottesfurcht.

Räuchergfäß in Form einer Taube / Islamischer Mittelmeerraum, wahrscheinlich Sizilien, 11.– 12. Jahrhundert / Bronzeguss /  Schätze aus dem Aga Khan Museum

Sprich: Offenbaret hats der Geist der Heiligkeit
Von deinem Herrn, mit Absicht
Die zu befestigen, die da glauben,
Zu Leitung auch
Und Freudenkunde den Ergebnen.

aus Sure 16, „Die Bienen“, Vers 102

Sanaa, Dār al-maḫṭūṭāt: DAM 01-29.1 / vor 750 n.Chr. — Pergament – noch einmal die Ḥiǧāzī Schrift, aus noch früherer Zeit.

Ich hänge hier noch drei Ausgaben von Wörterbüchern an, mit dem jeweiligen Abschnitt zum Wort „Rūḥ“ für Geist.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Es ist wohl in jedem Zeitalter, dass die Menschen seufzend zuerkennen, wie nötig wir der Gaben des Heiligen Geistes bedürfen. Ergo: Veni Sancte Spiritus!

Kommentar willkommen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: