Auf Jakobswegen (9)

Neunter Tag – Von Lehelitz vor Krostitz bis Leipzig / Eine Bildergeschichte

Etappe 1 – Von Berlin nach Leipzig Juli 2021

Sankt Laurentius in Krostitz


Nachdem ich nüchternen Magens durch den Ur-Krostitz-Bierdunst bei der alten Brauerei durchgewankt war, bot sich mir dieser schöne Blick auf Sankt Laurentius. Es ist tatsächlich eine Doppel-Turmspitze. Kurz zuvor hatte ich mich ohnehin beim Bäcker auf der Brauereistraße geerdet, auf den Stufen meinen Milchkaffee nebst Gebäck zu mir genommen, und setzte dann, gesättigt, den Weg fort.


Entlang der Landstraße, Richtung Gottscheina


Detail

Das Foto hatte ich eigentlich wegen der filigranen Silhouette aufgenommen, die mich an Felix Timmermans Umschreibung, „Brüsseler Spitze“, erinnerte.

Hier auf der Strecke gab es über den Feldern viele Krähen, Bussarde, Rüttelfalken — und Flugverkehr der Menschensorte, vermutlich schon ein Vorbote von Leipzig.


Südlich von Gottscheina kam endlich wieder unbefestigter Weg: die alte Salzstraße.


So ging es munter weiter über Merkwitz, Plaussig. Hier wuchsen auch die Pflaumen- und Mirabellenbäume entlang der Chaussee, von denen ich vorher schon berichtet hatte.


Über das Flüsschen Parthe hinüber


Weiter ging’s, vorbei an Portitz und an der Hohen Thekla, wo ich mich mal wieder verirrte, auf der Suche nach der Lidice-Straße, und mit einer alten Dame, die kürzlich ihren Mann beerdigt hatte, Richtung Friedhof lief und etwas Trost (hoffentlich) spendete, bevor ich merkte, dass es schon die gesuchte Straße war, auf der wir liefen, nur in falsche Richtung. Aber den menschlichen Austausch war dieser Irrweg allemal wert.

Danach gelangte ich ohne Umschweife an den Baggersee; und dort, auf der belebten Terrasse mit Seeblick, gönnte ich mir ein frisches, kaltes, würziges Ur-Krostitzer Bier. Wenn schon, denn schon!


Ahhhh!


Offenbar hatte das Frühstück nicht lange genug vorgehalten; denn nach Genuß erhob ich mich etwas schwankend und gab Acht, beim Weg entlang des Seeufers nicht dort hineinzutaumeln.

Die letzten Kilometer bis Leipzig waren eine höchst erfreuliche Überraschung: Sie führten, fern allen Verkehrs, über lauter Waldwege und durch friedlich bevölkerte Parks hindurch, entlang der munteren Parthe, nahezu bis ins Herz der Stadt. Auf der Adenauerallee wurd‘ es dann allerdings großstädtisch, wild und laut. Weiter ging’s über die Brandenburger Straße, und schon öffnete sich der Blick von der Straßenbrücke …. :

Leipzig Hauptbahnhof, Gleisanlagen


Leipzig, Hauptbahnhof. Hauptportal.

Neun Tage hin, über Stock und Stein — die Fahrt am Abend zurück dauerte gerade mal zwei Stunden. Egal.

Das Wandern auf Jakobswegen war eine bereichernde Erfahrung und ich werde auf jeden Fall weitergehen. Die nächste Etappe wird mich — so Gott will — von Leipzig nach Vacha führen. Vielleicht werde ich da ja auch gewissenhafter den pilgerlichen Aspekten Rechnung tragen, was das Einsammeln der Stempel betrifft.

Pilgern, Geschichte, Kultur

Was den Jakobsweg selbst angeht, so bin ich der Idee in vielerlei Hinsicht verbunden. Von Kindesbeinen an bin ich mit dem Pilgerwesen vertraut — das geht gar nicht anders, wenn man in den Sechzigern und Siebzigern, im Schatten der Basilika, im Marienwallfahrtsort Kevelaer aufgewachsen ist, (über den schon Heinrich Heine — spöttisch — gedichtet hat), und zwei, dreimal an der Boxmeer-Wallfahrt teilgenommen hat. Ich kenne noch dat Sprücksken: Pinksteren vroeg of Pinksteren laat, veertien dagen daarna trekt de Boxmeerse Vaart! [Ob Pfingsten früh oder spät ist: Vierzehn Tage nach Pfingsten gibt es die Wallfahrt nach Boxmeer.]

Die Pilgerwege folgen alten Handels- und Römerwegen; und deswegen fasziniert mich, während ich die Wege abtrabe — wie Tausende vor mir durch tausende Jahrhunderte — der historisch-kulturelle Aspekt. Beispielsweise ist das Gebiet um Marzahna die Gegend, wo die Geschichte von Hans Kohlhase seinen Lauf nahm, bei Kleist bekanntlich als Stoff in Michael Kohlhaas meisterlich verarbeitet.

Dass ich nicht mehr auf Geschichte und Kultur eingegangen bin, hat zwei Gründe: Erstens haben andere schon vortrefflich dazu geschrieben und Bildmaterial zusammengetragen. Man kann zahlreiches Quellenmaterial zum Jakobsweg auf Papier (auf in die Buchhandlung!) und elektronisch aufsuchen. Zweitens war ich so ungeübt, alt und unkoordiniert, dass die Wanderung selbst mich vollauf beschäftigte und für tiefere kulturelle Exkursionen und Reflexionen keine Reseven blieben.

Mensch unter Menschen

Besonders gefielen mir unterwegs die vielen Begegnungen, die lange Stunden der Einsamkeit unterbrachen: die lieben Leute vor Ort; die Herbergsleute; mein guter Samariter, der mir die Autofahrt nach Treuenbrietzen bescherte, als ich mich arg verlaufen hatte; der Mitleidige, der mir wünschte, bald das Ziel zu erreichen; die Neuntklässlerschar; die Arbeiter im Wald, auf den Straßen und Feldern; die Bäckersfrauen; die alten Leutchen, eine im Rollstuhl und der andere humpelnd schiebend, die, wie ich, in Bad Düben den weiten Weg zum Supermarkt außerhalb des Ortes zurücklegen mussten, weil es heutzutage Mode ist, in den Innenstädten die Läden zu schließen und per Auto zum Großeinkauf auf riesigen Parkplätzen vorzufahren.

Dann waren da noch die zwei Radler. Ich hatte mal wieder Kilometer auf der Landstraße hinter mir, auf welcher Strecke weiß ich nicht mehr, als sie von hinten aufholten und abstiegen, um eine Strecke gemeinsam in den nächsten Ort zu laufen. Es stellte sich heraus, dass beide den Luther-Radweg von Berlin nach Leipzig fuhren, eine Fünf-Tage-Tour. „Geht es Dir auch so, dass Du keinen Kaffe und keine Sitzbank findest?“ platzte es bei dem einen heraus. Ja, so war’s, leider. Im Ort angelangt, trafen wir eine liebe Frau, die freundlich bestätigte, dass die Pandemie auch die letzten Gaststätten geschlossen habe, und dass es im Nachbarort aber einen Supermarkt gäbe.

So trennten sich die Wege; denn den Umweg sparte ich mir und ließ mich lieber zur Rast mit Wasserschluck, Müsliriegel und Apfel auf die Bank nieder, die es allerdings gab: unter einem Baum mit Wiese und mit Blick auf ein ehemaliges Lagerhaus aus rotem Ziegel, weiter hinten über die Straße hinüber, das sich einer als behagliches Zuhause eingerichtet hatte, der dort auf der Rampe inmitten lauter bunter Pflanzentöpfe gemütlich seine Kaffee trank. Das war ein wohltueneder Anblick.

Die gute Frau kam auf dem Rückweg von ihren Besorgungen auch noch mal hinzu, um mir ein paar weitere Ratschläge, freundliche Worte und gute Wünsche mit auf den Weg zu geben, und so grüßte ich sie und den ferneren Nachbarn glücklich und dankbar und setzte meinen Weg fort.

Fazit

Alles in allem war der Weg gesegnet: nie geriet ich in Unwetter, an böse Menschen, wilde Tiere oder lästige Mücken (– nur in der ersten Nacht unter freiem Himmel, nun ja — ) und fiese Zecken. Es gab herrliche Ansichten, Gerüche, Vogelgesänge, wunderschöne Wanderwege zwischendurch und über allem ein Himmel, der mich mit treibenden Wolken und frischem Wind vor zu großer Hitze schonte. Gott sei Dank!

3 Kommentare zu „Auf Jakobswegen (9)

Gib deinen ab

  1. danke fürs teilen deiner erfahrung, die bilder, die gedanken und geschichten. ich habe es mit freude gelesen und kevelaer kenne ich! den wanderausweis hast du den auf dem weg bekommen? oder schon von woanders, wo du mit wandern angefangen hattest? ich würde auch gern mal den jakobsweg gehen. sobald sich die gelegenheit ergibt, mache ich das. bis dahin lese ich noch ein bisschen darüber bei dir. liebe grüße, m.

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    1. ich grüß Dich, Wolkenbeobachtering! – Es gab lange Pausen hier auf dem Blog, aber es freut, alte Bekannte wiederzusehen. Den Pass habe ich bestellt bei der Jakobusgesellschaft Brandenburg-Oberregion: info[at]brandenburger-jakobswege.de
      http://www.jakobusgesellschaft-berlin-brandenburg.de/5.html
      Wolken lassen sich in Brandenburg und Sachsen ganz hervorragend beobachten, wie Du vielleicht einigen Fotos entnehmen konntest. Ich bin gespannt, ob ich irgendwann von Dir von unterwegs höre. Würde mich freuen.

      Gefällt 1 Person

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