Auf Jakobswegen (16)

Siebter Tag – Von Schmira bis Gotha / Eine Bildergeschichte

Etappe 2 – Von Leipzig nach Gotha August 2021


Blick zurück auf Schmira


Blick von der Schmiraer Höhe auf die südlichen Hügel.

Nördlich auf Abwege geraten

Wieder einmal brachte ich es fertig, ein paar extra Kilometer Weg einzuschieben, als ich verträumt `gen Norden trabte und von den vor mir aufragenden Windrädern daran gemahnt wurde. Ich folgte dem Schotterweg auf der Schmiraer Höhe parallel zur Route weiter und kam auch so bei Kleinbrettbach an.


Üppige Flora am Feldrain



Vor Kleinrettbach gönnte ich mir eine kleine Rast, dieweil es nieselte.


Schwedenkreuz am Matternweg


Schon zuvor hatte ich am Erfurter Weg das erste Schwedenkreuz betrachtet. Wie es im Text heisst, sind beide Kreuze von ihrem ursprünglichen Standort an den Weg versetzt worden. Warum hatte man nicht jeweils einen heckengesäumten Weg zu ihnen hin ins Feld gelegt, um der Geschichte mehr Tiefe zu verleihen. Aber manche Wege sind eben nicht von Ewigkeit, wenn andere Interessen Vorrang bekommen, zum Beispiel Bearbeitung großer zusammenhängender Feldareale, was mit dem Wort Flurbereinigung umschrieben wird.

Flurbereinigung
Den Parzellen wird zugleich, unter Austausch von Ländereien, eine möglichst regelmäßige Figur gegeben. Gleichzeitig wird die Ablösung etwaiger Grundgerechtigkeiten vorgenommen. Bei der Arrondierung werden durch Zusammenlegung und Umtausch von Parzellen Gemenglage und Flurzwang, dann zweckmäßig auch gleichzeitig die wirtschaftlich nachteiligen Grundgerechtigkeiten beseitigt (Feldbereinigung). [aus Meyers Wörterbuch]

Nachdem ich Tags zuvor unweit Auerstedts gewandert war, wo Napoleons Truppen eine siegreiche Schlacht geschlagen hatten, durchquerte ich nun Land, das von der Geschichte des Dreißigjährigen Krieges gezeichnet war.



Die Kreuze erinnerten mich an das Kroatenkreuz in meiner Heimatstadt, das allerdings von einem traurigeren Ausgang berichtet:


Anno 1635
den eersten Augustus
alzoo deesen dato verklaert
zyn hier op deze Schanz
bie 100 Menschen vermoord
Bidt voer de Siele
op dat God
haer in der eeuwigheid
genadig zyn will.

Zitiert aus Sühnekreuz.de / Bild: Martin Willing


[„Im Jahre 1635, den ersten August, wie dieses Datum angibt, wurden hier auf dieser Schanze an die 100 Menschen ermordet. Betet für ihre Seelen, damit Gott ihnen in der Ewigkeit gnädig sein wolle.]

Die im Sockel zusätzlich angebrachte Texttafel erinnert an das geteilte Leid der kroatischen Menschen: „Dieses Kreuz steht als Erinnerung an den Kreuzweg des kroatischen Volkes. Beten wir, daß es sich nie wiederholt, was hier geschehen ist. Kroatische Pilger“

[„Ovaj križ stoji kao spomen na križni put hrvatskog naroda. Molimo pred hjim da se nikad ne ponovi ono, sto se ovdje zbilo 1635-1935. Hrvatski hodoćasnici“]



Rast am Heulachsgraben


Zwischen Grabsleben und Tüttleben gönnte ich mir wieder eine Rast. Hier trafen zwei weitere Wanderer ein, Vater und Sohn, die teils auf Schusters Rappen, wie ich, teils aber auch mit Bus und Bahn dem Jakobsweg folgten; denn der Vater hatte es am Knie. Gemeinsam verbrachten wir die Zeit mit Gespräch und sicherten die jeweiligen Nachtquartiere. Der Vater machte sich dann auf die Suche nach der Quelle namens Wächsbrunnen, die ganz in der Nähe sein sollte, derweil ich weiterzog.

Offengestanden gefiel mir der Gedanke des einsamen Wanderns. So freundlich die Pilgergenossen erschienen, auch schon in den Tagen von Kleinliebenau, und so sehr mich gelegentliche Begegnungen und Austausch freuten, so zog ich es auf dem Weg doch vor, zu schweigen, zu lauschen, zu schauen undsoweiter und hatte dann nicht viel Verlangen nach Gesprächen und Gesellschaft. Ich schritt also hurtig aus und hoffte, dass die Beiden mich nicht einholen würden. So folgte ich der ellenlangen Weimarer Straße, kreuzte schon bald den Mühlgraben und hatte also Gotha erreicht.


Am Wilden Graben entlang

Einkehr im Ristorante Bocelli

zu einem Teller Spaghetti Bolognese und einem italienischen Eis zum Nachtisch, das ich draussen unter den Strahlen der freundlichen Nachmittagssonne genoss.


Who is Who?


Gegenüber im Restaurant gab diese große Wandmalerei mir Rätsel auf. Zuerst fiel mir dazu „Über den Dächern von Nizza“ein. Doch sah die Person weniger nach Grace Kelly aus. Sollte es Ingrid Bergmann sein? Ich fragte die nette Kellnerin. Sie wußte nicht, wer abgebildet sei, aber betonte in gebrochenem Deutsch: „Ist Mann! Ist Mann!“. Ob es also wohl Goethe sein soll?: „Kennst du das Land? wo die Citronen blühn, …?“


<– Auf der Marktstraße


Bauarbeiten am Hauptmarkt

Rosengarten –>


Blick vom Schloß in die Altstadt

Schon kurz hinter Schmira am Morgen hatte ich in der Ferne am Horizont zwei Kegel erspäht, die auffallend aus dem Panorama hervorragten und hatte mich gefragt, ob das etwa schon Gotha sei, knapp 20 Kilometer Luftlinie entfernt. Jetzt stieg ich also, von Norden kommend, den Schloßhügel hinan und bog um den Gebäudekomplex von Schloß Friedenstein, voller Spannung, ob ich diese zwei Spitzen finden würde.


Tatsächlich: die Form stimmte. Aber es war nur ein Turm. Wo war der zweite? (Ur-Krostitzer war ja nicht involviert).


Der zweite Turm! Es ist der Ostturm.

Die beiden Türme hatten anfangs beide Pyramidendächer, die mit Hauben gekrönt wurden. Ein Brand zerstörte 1678 den Ostturm, daraufhin setzte man 1684 ein Kuppeldach mit Haube auf den Turm. [zitiert aus Wikipedia]

Zwischen Schloß und Schloßpark und dem Museum verbrachte ich eine friedliche Zeit auf der Bank, bevor ich meine Herberge aufsuchte: Pension Suzette.

<– Gastliche Aufnahme nebst Leckerli.


Verkürzte Etappe

Ursprünglich sollte diese zweite Etappe bis Fulda gehen. Die Via Regia endet in Vacha (bis dorthin sind es vier Tagesmärsche) an der Grenze zwischen Thüringen und Hessen. Das Stück Jakobsweg Vacha bis Fulda (drei Tagesmärsche) gehört zum Jakobsweg von der Rhön bis an die Donau, der bis Ulm führt.

Die Strecke bis Fulda ist reich an Steigungen. An diesem Tag hatte sich nun auf den Weg nach Gotha ein Schmerz im linken Schienbein festgesetzt, dass es mir unklug erschien, so den Weg fortzusetzen. Also stieg ich früh am folgenden Morgen in die Bahn und war in zwei Stunden zurück zu Hause in Berlin, wo ich derzeit noch mein Bein kuriere.

Bis das Semester beginnt, würde ich gerne noch einmal los, bis Fulda. … Doch vorerst sind die Wanderstiefel auf Wartestation, und ich zehre von schönen Erinnerungen, die ich hoffentlich etwas teilen konnte.


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