Auf Jakobswegen (19)

Dritter Tag – Von Eisenach bis Oberellen / Eine Bildergeschichte

Etappe 3 – Von Gotha nach Fulda Oktober 2021


Von der Pension aus ging’s über den Alten Friedhof und seiner Kreuzkirche entlang wieder auf den Jakobsweg und zur Stadt hinaus. Es sollte ein weiterer Tag voller Schönheit und Staunen werden.

Aufstieg zur Wartburg

Gleich zu Beginn der Tagesstrecke stand die Wartburg auf dem Programm. Wieder einmal wunderte ich mich über die Abneigung der Thüringer zu Serpentinenwegen, als ich mich auf dem steilanführenden Weg, sowie seine Breite es zuließ, serpentienenmäßig aufwärts bewegte. Aber es war im Thüringer Wald, und seine Berühmtheit hat gute Gründe.

Dieser Teil um die Wartburg herum ist schon mehr bevölkert. Immer wieder stieß ich auf Wandertrüppchen verschiedener Couloeur. Aber sie verloren sich auf den verschiedenen Wegen, so dass der eigene Weg durchaus beschaulich verlaufen konnte.


Wegweiser am Fuße der Wartburg


Zur Wartburg selbst – ich gestehe – bin ich nicht aufgestiegen, sondern folgte vor ihren Toren der Via Regia und damit dem Jakobsweg – wie ich zumindest hoffte. Mit der Beschilderung kam ich nicht ganz klar, aber stiefelte munter durch Wald und Schlucht hinauf und hinunter. Bei einer nächsten Biegung schob sich direkt vor mir das wuchtige Burgmassiv ins Blickfeld, und ich wußte: ich befand mich wieder einmal abseits der Jakobswege. Vermutlich hatte ich mich auf Höhe der Viehburg zu sehr nördlich gehalten und geriet so auf den Weg, der zur Wartburgschleife führt.


Im Thüringer Wald, bei der Wartburg

Schön war es allemal. Aber ich musste umkehren und fand schließlich den richtigen Abzweig zum Wartburgblick, den ich warf, aber nicht im Bild festhielt. Später sollte noch einmal die Chance kommen, wenn auch aus größerer Ferne. Zunächst ging es weiter durch den Wald.


Kaffee auf der Sängerwiese

"Den Namen verdankt die Sängerwiese einem Sängerfest in [sic] 1847, bei dem über 1200 Sänger in Wettstreit traten." [thueringen-entdecken.de]

Herbstlich ruhig ging’s zu an der Sängerwiese. Die Wirte holten die Sonnenschirme ein zum Überwintern. Ich traf wieder einmal ein, als die Küche zu hatte, aber freute mich über eine heiße Tasse Kaffee und etwas Lektüre, bevor es weiter südwestlich durch den Wald ging. Und nun kommt der versprochene Blick auf die Wartburg:



Wegweiser am Saustein


Die Muschel des Jakobwegs war nicht zu übersehen; und weiter ging’s. Diesmal war der Jakobsweg zugleich ein Teil des berühmten Rennsteigs. Bald trat ich aber aus dem Wald heraus, an Clausberg vorbei durch Felder und Weiden.


Blick auf Oberellen am Horizont

Begegnung zu meinen Füßen

Eine Blindschleiche – vermute ich, zumindest

Vespern vor Oberellen


Dem Ziel, Oberellen, war ich so nah; aber wer weiß, ob es dort zu essen gäbe. Zum Glück hatte ich noch in petto Croissants, vom Bahnhof in Eisenach, an dem ich morgens die Rückfahrt Fulda – Berlin gesichert hatte. Eine idyllische Bank lud ein zur Rast.


Der Eltebach in Oberellen


Oberellen aus der Nähe betrachtet.

Der Abend war noch jung, und ich machte mich auf die Suche nach einer Möglichkeit, zu Abend zu essen und ein Frühstück zu sichern.

Dieser heutige Eintrag könnte den Eindruck der Gefräßigkeit vermitteln, aber glauben Sie mir, es gab immer wieder lange Strecken auf dem Jakobsweg, die ich mit schmaler Kost oder nüchtern zurücklegte. Inzwischen hatte ich mich deswegen auf die Devise verlegt: nimm, was möglich ist. Der nächste Tag nach Vacha wies keinerlei Raststätte aus, alles Wald und Einsamkeit.

Sirenen

Gerade als ich an der Kirche vorbeilief, heulten die Sirenen auf. Ruhig lag das Dorf, und ich nehme an, dass es eine übliche Übung war, wie ich sei aus Kindertagen kannte, lange Zeit aber nicht mehr erlebt hatte. Erst im Zusammenhang mit den Ahrtal-Überflutungen waren Sirenenübungen aber wieder ins Gespräch gekommen.

Lob der Tankstelle

Wenn alles dicht hat, gibt’s immer noch Tankstellen. Von einer Durchquerung der USA mit unserer Familie kenn‘ ich noch den Spruch: “ Where ever you go, trust Texaco! “ . In Oberellen gibt es am westlichen Ortsausgang Tankstelle Beck. Da holte ich mir eine Tüte Chips zum Abend und Studentenfutter für unterwegs am nächsten Tag und stellte mit Genugtuung fest, dass sie selbst am Wochenende früh morgens schon öffnen würde und Kaffee und Brötchen anbot. Mit diesem beruhigenden Gefühl schlenderte ich noch etwas durch Oberellen. Hier eine kleine Bildergallerie:



Etwas Gespött und viel Bewunderung

Als ich in meiner Post nach Hause etwas spöttisch auf die Lage der Ruhebank mitten im Verkehr und eingepfercht von Stromkästen hinwies, reagierte der Sohn (frei aus dem Englischen übersetzt): „So ist das also: Zuerst ist Dir irgendeine Unterlage zum drauf Hocken recht, solange es für ein Päuschen reicht, aber jetzt bist Du verwöhnt und rufst nach Chintz-Sofa oder Mahagonie-Sessel.“

Auch über die Innendekoration meiner Herberge sollte ich nicht spotten. Ich bin den Herbergseltern, die mir in Abwesenheit Zutritt gewährten, sehr dankbar; und von den Eintragungen im Pilgerbuch sah ich, dass sie den Geschmack der meisten Gäste trafen.

Die Mülltonnen im Schloßhof empfand ich als despektierlich, kam mir dabei wie Kai bei der Schneekönigin vor, der nur Dornen und Würmer sieht, wo andere Rosen riechen.

Aber natürlich blieb mir nicht die Schönheit des Abendglanzes verborgen. Die Fachwerkhäuser wanden sich freundlich entlang der Straßen, und ich bewunderte die verschiedenen Torpfosten, denen ich immer wieder in dieser Gegend begegnete und von dem ich ein guterhaltenes Exemplar zeige. Ich habe im Internet keine Erklärung zu diesen Baudenkmälern finden können, aber vielleicht weiß ein Leser mehr dazu. Schloß und Kirche erfreuten mein Herz; und neben der herzlichen Aufnahme durch die Freundin der Herbergsleute würde ich am folgenden Morgen in der Tankstelle noch eine weitere Kostprobe von Oberellener Freundlichkeit erfahren.


Hier ist wieder die Übersicht über die ganze Etappe von Gotha bis Fulda, wie sie 1893 im Atlas von Andrees gedruckt wurde:


[Die Hervorhebungen sind natürlich nur virtuell beigefügt, nicht ins Original geschrieben.]

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