Ein prächtiger Morgen

Auf Jakobswegen (28)

Fünfter Tag. Von Gründau bis Bruchköbel

Etappe 4 – Von Fulda nach Bingen
Ende Juli, Anfang August 2022 / Eine Bildergeschichte


Abschied von Gründau vor Sonnenaufgang


Nun ging es gleich zum Ort hinaus und hinein in die Felder. Nachdem ich damals bei Vacha den Thüringer Wald hinter mich gelassen hatte, führte der Jakobsweg immer vorbei: an Rhön und Spessart im Süden; und der Vogelberg lag im Norden. Schön ist die Strecke aber allemal. Der Weg war geteert, doch das merkte ich kaum. Auf dem Weg vor mir und zurück im Osten zeigten sich Himmel und Erde in aller Herrlichkeit.




Regenbogen und roter Ackerboden



Vor Langenselbold auf dem Kamm öffnete sich der Blick in die Ferne.


Ich traf eine Dame, die mit ihrem Hündchen unterwegs war und fragte sie, ob die gleißenden Hochbauten am Horizont denn schon Frankfurt seien. So war es. Wir waren uns aber darin einig, dass wir es vorziehen, wenn sich die Behausungen in die Landschaft einfügen.



Evangelische Pfarrkirche von Langenselbold


Und schon ging es hinab in die Stadt Langenselbold mit ihrer schmucken Pfarrkirche. Um diese Zeit hatten auch die Bäckereien geöffnet; ein Frühstück war mir nun willkommen. Leider habe ich mir nicht den Namen der Bäckerei gemerkt, in der ich mich so wohl fühlte, derweil ich Croissant und Kaffee genoss. Es herrschte reger Verkehr, und die Chefin grüßte unermüdlich und fröhlich mit einem „Gudde Moijsche!“


Frühstück


Es muss doch ein späterer Zeitpunkt gewesen sein, wo ich die andere Hälfte der Wanderkarte verloren hatte; denn hier ist noch der Ausschnitt mit dem aktuellen Tagespensum zu sehen.

Ganz kurz nur ging es danach durch den Wald. Dies Bild läßt gar nicht erahnen, wie nah die Autobahn ist. Ich genoss jeden Meter auf dem grasigen Weg.


Im Oberwald


Als nächstes betrat ich Langendiebach und erfreute mich am Wehrturm mit seinem Storchennest – derzeit offenbar unbewohnt.


Langendiebach


"Der Platz [vom nördlichen Rundturm] war günstig gelegen, denn von hier konnte man den Verkehr beobachten, der von der Hohen Straße bei Ravolzhausen auf die sogenannte mittlere Kinzigtalstraße in Richtung Langenselbold und Gelnhausen einbog.[...] Als Bauzeit für die Rundtürme ergibt sich demnach ein Zeitrahmen von etwa 1511 bis 1558. Für dieses Jahr liegen erstmals Nachrichten vor, wonach die Grafen zu Langendiebach von durchfahrenden Reisenden Zölle erhoben." Quelle: Geschichtsverein Erlensee

Ich bin jetzt ziemlich sicher, dass es nicht der Friedhof in Gelnhausen war, auf dem ich den Verlust der halben Wanderkarte bemerkt hatte, sondern der schöne alte Friedhof in Langendiebach, der direkt am Jakobsweg liegt. / Foto: Wikimedia


Der letzte Abschnitt bis Bruchköbel ging noch einmal in einen nord-westlichen Bogen über die Felder. Hier bot sich ein weiter Blick nach Süden, bis hin zum Kraftwerk von Hanau.



Auf der Karte erkennt man die Nähe zu Bayern: der Main-Kinzig-Kreis in Hessen stößt im Süden direkt an Unterfranken. Der Jakobsweg führt aber bekanntlich nach Westen, in Richtung Rheinland-Pfalz; und es war nur noch ein Zwischenstopp vor Frankfurt. Dort wollte ich mich nun ausruhen in der Pension Haus vorm Wald, zu der ich südlich vom Jakobsweg durch ganz Bruchköbel bis zum Waldrand lief.


Ich fand diese ruhige Bettstatt.


Damit hatte dieser Tag ein Ende.

– Eigentlich …

Ich legte mich müde schon früh zur Ruh, hatte meinen Alarm auf viertel vor Sechs gestellt, um ohne Frühstück gleich die früheste Morgenhelle zu nutzen, und fiel in tiefen Schlaf. Ein „Ping!“ rief mich zum Aufbruch.

Eine verflixte Geschichte!

Schnell war ich marschbereit und ließ die Herbergstür ins Schloss fallen. Zügig ging’s im Dämmerlicht die lange Haagstraße entlang nach Norden, bis ich wieder auf das vertraute Muschelzeichen vom Jakobsweg stieß. Hier konsultierte ich das Mobilgerät für den nächsten Wegverlauf und stellte fest: es war noch vor Mitternacht des selbigen Tages! Eine Nachricht war es gewesen, die mich geweckt hatte. Zurück ging’s nicht. Das komfortable Bett in der Pension war Geschichte. Ich würde ein weiteres Mal durch die Nacht wandern.

Im Laternenschein aus Bruchköbel und über die Autobahnbrücke hinaus ging es ein kurzes Stück Weg über Felder. Die Sterne waren schön zu sehen und trösteten. Schon empfing mich das schlafende Mittelbuchen. Ich schenkte mir den Nord-Schwenker zur Evangelischen Kirche. Abseits des Jakobswegs steuerte ich direkt westlich den Ortsausgang an. Danach sollte bis Wachenbuchen ein längerer Abschnitt über die Felder führen. Dieser Ortsteil direkt an der Buslinie sah einladend und sicher aus, und ich zog es vor, die dunkelsten Stunden der Nacht dort zu bleiben.


Hotel Mittelbuchen


Nicht ganz so bequem, aber brauchbar erwies sich dieses schmucke Wartehäuschen. Gewiss würde mehrere Stunden kein Bus meine Ruhe stören. Es gab drei, vier Zweibeiner, die ihre Vierbeiner Gassi führten und meine Anwesenheit tunlichst übersahen. Hier und da streunte eine Katze umher, die sich um mich nicht scherte.

In den kleinen Stunden vor Morgengrauen, so recht und schlecht nickernd, wurde ich von Jugendlichen angesprochen, die von ihrer nächtlichen Tour heimkehrten und sich um mein Wohlergehen mühten und fragten, ob mir auch warm genug sei oder ob ich Hilfe brauche. Gott segne die Guten! Sie boten mir an, mich mit Wasser zu versorgen. „Danke, das habe ich dabei. Ich komme schon klar.“, wonach sie mir noch eine gute Nacht wünschten und sich in ihre Betten trollten. Ich weiß nicht, ob ich ein Angebot für eine Couch ausgeschlagen hätte … Nun, dazu kam es nicht. Bald wurde es hell genug, dass ich den Jakobsweg wieder aufnehmen konnte; aber das ist ein anderer Tag.

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